Von heute auf morgen

„Auf der Mariahilfer Straße seh‘ ich immer einen Mann, der mit seinen zwei Hunden da sitzt. Ich weiß nicht, ob er ein Bettler ist, auf jeden Fall habe ich noch nie Hunde gesehen, denen es so gut geht. Den sollten wir mal interviewen“, schlug Sven kurz nach der Gründung von Helden von heute vor. Wenige Wochen später, an einem tristen Novembertag, treffen wir besagten Mann am „Wagenplatz Gänseblümchen“, der weit außerhalb Wiens liegt. Oli erzählt uns vom Leben als „Schnorrer“, vom Gefängnis und von seinem Lebenssinn auf acht Pfoten.

„Da in dem blauen Truck, da wohnt der Tommy, und hier der grüne Bus, der gehört Andi, der ist ein wenig verrückt. Da vorne steht unser Bar-Wagen und daneben der Küchen-Truck. Insgesamt leben hier an die 20 Menschen gemeinsam. Dann gibt es noch ein paar Wochenend-Camper, die sich nicht entscheiden können. Entweder ich führe so ein Leben oder nicht.“

„Es gibt auch Menschen, die eine Arbeit haben!“, sagt Kathi, die gerade vorbeiläuft, mit leicht vorwurfsvollem Ton. Sie kommt immer am Wochenende vorbei, um ihren Freund zu besuchen. Schnell ist sie auch wieder in dessen Wohnwagen verschwunden.

Oli verfüttert zwei Schweineohren an seine beiden Hündinnen, Lulu und Nana. „Lulu ist die Mutter, Nana die Tochter. Sind Italienerinnen.“ Danach bittet er uns in einen alten Truck, welchen er zu seinem Zuhause umfunktioniert hat. „Jaja, das Ding fährt auch noch.“ Der Strom funktioniert nicht, deshalb dient uns ein alter Laptop als Lampe. Unter seinem Hochbett hat Oli einen Schlafplatz für seine beiden treuen Gefährtinnen eingerichtet.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Der 45-Jährige holt ein Buch, das von einem Kunstprojekt berichtet, an dem er teilgenommen hat. Mit einer Taschenlampe leuchtet er auf die Geschichte, die von ihm handelt. „Der reisende Tierfreund“ steht da. „Die haben das so genannt, weil ich schon überall in Europa war.”

Mit 25 geht Oli damals wortwörtlich aus Deutschland weg, läuft zu Fuß über Holland, Belgien und Frankreich bis nach Gibraltar. Acht Monate dauert der Marsch. Mit einem Fischerboot fährt er illegal nach Marokko, arbeitet dort eine Zeit lang auf einem Bauernhof.

„Raus, schleich dich!“, ruft Oli plötzlich. Damit ist Nana gemeint, die versucht hatte, zu uns auf die Couch zu hüpfen. „Irgendwann kam ich dann nach Italien, wo ich insgesamt sieben Jahre geblieben bin. In Bozen habe ich als Hundesitter gearbeitet und mich für die Vermittlung von Welpen im Tierheim engagiert. Nach Berlusconi hat sich dann einiges an der Gesetzeslage geändert. Ich konnte nicht mehr ohne Weiteres in Italien bleiben. Da bin ich dann nach Innsbruck abgehauen und bin dort erstmal zum deutschen Konsulat gegangen. Die wollten mir keine Papiere ausstellen, weil ich sie nicht bezahlen konnte. Stattdessen hat mir die Caritas ein Zugticket nach Wien gegeben. Und so bin ich dann vor 6 Jahren hier gelandet, obwohl ich nie nach Wien wollte.

Zu Beginn hatte ich viele Probleme hier, habe aber dann Leute kennengelernt, die mir geholfen haben, in verschiedenen Einrichtungen unterzukommen – wie dem Neunerhaus und der Gruft. Bei vielen Unterkünften durfte ich auch nicht hinein, weil ich Hunden keinen Maulkorb anlege. Aber bei diesem Thema bin ich ein Trotzkopf.

Wir hier, wir leben von heute auf morgen.

Irgendwann habe ich dann das Angebot für diesen Truck bekommen. Dem Besitzer schulde ich immer noch 500 Euro, aber ich habe zurzeit finanzielle Probleme ohne Ende. Ich hoffe, dass der Truck eines Tages mir gehört. Für die Hunde gibt es nichts Schöneres als hier sein zu dürfen. Jeden Tag könnte die Polizei auftauchen und Oli seinen Unterschlupf wegnehmen. „Da wünsche ich mir, dass die Gesellschaft die Augen aufmacht. Jeder sollte so leben dürfen, wie er möchte! Idioten, die sich daneben benehmen gibt es überall, auch in der normalen Gesellschaft.“

In der „normalen Gesellschaft“? „Das sind die Leute die Arbeit haben, eine Wohnung, und einen geregelten Tagesablauf. Ich sehe mich nicht als Teil von dieser, da ich mich für ein Leben entschieden habe, das ich jeden Tag neu organisieren muss. Wenn du kein Feuerholz holst, frierst du, wenn du kein Wasser besorgst, leidest du Durst. Wir hier, wir leben von heute auf morgen, und ich bin mit dieser Lebensform eigentlich zufrieden. Das macht auch den Reiz aus: Nach Hause zu kommen und nicht einfach das Licht anzumachen, sondern erst mal den Stromgenerator.“

Kannst du dir gar nicht vorstellen, ein geregeltes Leben zu führen, mit einer Wohnung, mit einem Lichtschalter? „Doch, doch, hatte ich ja auch schon. Aber dann tun mir meine Hunde Leid! Die müssen dann in der Wohnung bleiben, weil man als Mensch auch lieber drinnen bleibt, als mit ihnen in die Kälte hinaus zu gehen. Mein jetziges Leben läuft eigentlich nur draußen ab, erst abends kuschel ich mich mit den Hunden vor den Ofen. Und das ist das Leben, das Tieren auch bestimmt ist.

Nicht meine Hunde leben mit mir, sondern ich lebe mit meinen Hunden. Ich richte mich nach meinen Hunden, ich komme erst an zweiter Stelle! Meinen Hunden soll es gut gehen, meine Hunde sollen ihre Freiheiten haben. Und die haben sie hier mehr als in einer Wohnung.“

Das heißt du stellst deine Zufriedenheit und dein Lebensglück hinter das deiner Hunde?
„Ja.“

Woher kommt diese Einstellung?
Stopp. Diese Frage trifft Oli. Er schluckt, bevor er antwortet. Seine Augen werden feucht. Nur stockend bringt er heraus: „Mit Menschen nur schlechte Erfahrungen.“

Pause.

„Mit Menschen die Erfahrung, dass sie nicht so ehrlich sind wie Tiere. Ein Mensch betrügt dich, ein Mensch bescheißt. Ein Hund nicht. Tiere sind immer treu. Tiere sind mit Wenigem zufrieden und geben aber so viel mehr. Daher wahrscheinlich.“

Dieses Thema berührt Oli sichtlich. Vorsichtig frage ich, ob es ein Ereignis gab, dass ihn zu dieser Einstellung führte. „Ich war nicht immer so. Ich hatte zwar immer Hunde, auch bei meinen Eltern damals, aber ausgelöst hat das was anderes. Das war das Thema mit meiner Tochter. Ich habe damals meine Freundin kennengelernt, als wir beide in Deutschland als Zeitschriftenwerber gearbeitet haben. Sie ist dann schwanger geworden. Wir sind damals zusammen abgehauen, haben ein eigens Haus bezogen. Ich wollte meiner Freundin und meiner Tochter ein schönes Leben aufbauen. Ich habe alle Strafen, die für uns beide galten, übernommen. Wegen einer Geldstrafe, die ich nicht bezahlen konnte, musste ich dann ins Gefängnis.

Als ich nach drei Monaten das erste Mal Ausgang bekam, hatte meine Freundin einen anderen. Tja, dann ist alles zusammengebrochen. Ich durfte wieder eine Zeit lang in den Häfn, weil sie mich auch vor Gericht schlecht gemacht hat. Mir wurde verboten, meine Tochter jemals wieder zu sehen. Das war der Grund, warum ich dann weg bin aus Deutschland. Meine Tochter habe ich nie mehr gesehen. Sie war damals fünf. Das war vor 20 Jahren.“

Foto: Sven Wuttej / Helden-von-heute.at

Foto: Sven Wuttej / Helden-von-heute.at

Wir kommen von diesem schwierigen Thema wieder weg, zurück ins Lachen, als ich einen Ansteck-Button auf Olis Jacke inspiziere: „Mein Hund ist zu dick.“

Wie sieht dein Tagesablauf aus?
„Ich bin ziemlicher Frühaufsteher, bin immer so um fünf wach, lasse zuerst meine Hunde raus. Dann koche ich mir auf dem Ofen einen Kaffee und laufe wenig später los.

„Nana leg dich hin jetzt! Entweder rein oder raus, auf die Couch kommst du jetzt net! Aus! Stinker!“
Er grinst.

Dann geh ich ich auf die Mariahilfer Straße.
“Nanaa, hinlegen jetzt! Schluss jetzt!“

Um halb elf geh ich meistens für zwei Stunden schnorren. Nie länger. Ich bitte die Menschen auch um nichts, spreche niemanden an. Ich sitze nur da und streichel meine Hunde. Und hab mein Becherchen da stehen. Ich krieg eher was von den Leuten was, die von den Hunden angetan sind. Ich will auch, dass die Leute sehen, dass ich jemand bin, der sich um die Hunde kümmert. Man kann hingehen, man kann den Hund streicheln, mit ihm rumschmusen. Ich bleibe nie länger als zwei Stunden, da denke ich dann wieder an Nana, die bei der Kälte friert.“

Was bekommst du meistens von den Leuten?
„In zwei Stunden meist so um die 20 Euro. Auch wenn man meint zur Weihnachtszeit geben die Leute mehr, gibt es auch Tage, an denen man fast gar nichts bekommt. Dann kann es wiederum passieren das Einer vorbeikommt und dir 50 Euro in die Hand drückt. Die Gesellschaft ist bei dem Thema gespalten“

In dem Buch steht, dass du Maurer gelernt hast?
“Ja, das ist auch mein Traumberuf, aber ich habe einen Wirbelsäulenschaden. Es gibt Tage, da kann ich meine Arme oder Beine nicht bewegen. Offiziell ist das aber nicht als Grund für Arbeitsunfähigkeit anerkannt, da es sich um eine Nervenblockade handelt und ich es nicht ständig habe. Ich wollte immer etwas Handwerkliches machen. Oder irgendetwas mit Tieren, das wär‘s. Wie damals in Italien.“

Oli, siehst du dich als gücklichen Menschen?
„Ich bin in dem Sinne ein glücklicher Mensch, als dass ich meine Hunde habe und mich hin und wieder handwerklich betätigen kann. Was mir fehlt ist ein Ort, an dem ich leben kann, ohne Angst zu haben, dass ich vertrieben werde. Ich finde es schade, dass es in Österreich verboten ist, in einem Wagen zu leben. Es gibt Häuser, die heruntergekommen sind, wo auch Leute leben, da sagt auch keiner was. Also lasst die Leute leben.

Ein Held ist einer der nicht nur an sich denkt.

“Vom Staat Österreich bekommst du aber gar kein Geld?“, fragt Sven.
Nein, das Einzige was ich vom Staat bekomme, sind neue Strafen. Weil ich die Hunde nicht an der Leine halte oder weil sich die Menschen von mir gestört fühlen. Die Leute denken immer, ich wäre rücksichtslos, weil ich meine Hunde nicht an der Leine halte. Aber ich weiß zu jeder Sekunde, was sie gerade machen und wo sie gerade sind. Es gibt einen Polizisten, der sieht dich und schon bekommst du eine Strafe. Andere sehen das lockerer.

Die Strafen kann ich nicht bezahlen. Deshalb muss ich immer wieder für einige Wochen ins Gefängnis. Wenn ich drin bin, denke ich die ersten Tage nur an meine Hunde. Da passen dann die Leute hier auf Nana und Lulu auf. Die zwei bleiben immer hier, bis ich wiederkomme.“

Oli, was ist für dich ein Held?
Er denkt nach. „Einer der anderen Menschen und anderen Tieren hilft. Einer der nicht nur an sich denkt.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Bist du ein Held?
„Nein, ich fühle mich nicht als Held. Ich versuche einfach nur zu leben. Für meine Hunde lebe ich, für meine Hunde tu’ ich alles. Sie sind das was mich antreibt weiterzumachen.“ Wieder wird Oli sichtlich emotional. „Aber als Held fühle ich mich nicht.“

Einen Titel für seine Geschichte will Oli nicht selbst wählen, mit der Begründung:
„Um mich geht’s ja eigentlich gar nicht. Immer wieder höre ich Leute fragen ,Was brauchst du?‘ Ich brauchte so vieles, aber ich bin nicht so wichtig. Wichtig sind die Hunde. Das mit dem Titel überlass ich euch.“

Plötzlich beginnt Nana zu bellen.
„Klappe du Nudel!“
Oli grinst.