„Das Geld liegt auf der Straße“

“Ich spiele extrem gerne Pokemon”, ist sicher nicht der erste Satz, der mir zu Michael Hartinger eingefallen wäre. Umso erstaunter bin ich, als mir der bärtige Kärntner mit den breiten Schultern und der Statur eines Bikers seine Begeisterung für die kleinen virtuellen Monster schildert, mit denen er seine digitalen Kämpfe austrägt. Es bedarf keinerlei detektivischer Spürsinne, um die Leidenschaft des 37-Jährigen zu erraten: Computerspiele. Eine Leidenschaft, die er sich mittlerweile zum Beruf gemacht und gleichzeitig seinen Traum von der eigenen Spiele-Schmiede erfüllt hat. Derzeit arbeitet er mit seinem Team an dem Erstlingswerk “Shooting Stars” – einenactionreichen Genre Mix  in Pixelart-Style, mit einem verrückten Gameplay inklusive jeder Menge schräger Seitenhiebe auf die Welt der Stars und Sternchen. Aber dazu später.

Als ich Michael zum Interview treffe, stehe ich im Co-Working Space “Stockwerk” im 15. Wiener Gemeindebezirk. Es ist Samstagmittag und bis auf ihn, seine zwei Mitstreiter (alias Coding-Champions) und einer dreiköpfigen Delegation des Helden von heute-Teams ist das Haus leer. Die perfekte Umgebung für ein ruhiges Gespräch und ein ungestörtes Fotoshooting. Michael wirkt tiefenentspannt. Was mir sofort auffällt, ist sein prägnanter Kärntner Dialekt. “Woher denn?”, frage ich. “Klagenfurt”, antwortet Michael und sofort ist da diese Verbindung, die man kennt, wenn man irgendwo in der Fremde einen der “seinigen” aus dem Dorf trifft.

Nachhaltigkeit statt Start-up

Wobei: Michael ist schon lange kein Neuling mehr in der großen Stadt. Bereits 2001 trat er den Marsch nach Wien an, nachdem er ein halbes Jahr an der Klagenfurter Uni studiert hatte. “Ich wollte lieber arbeiten und in Wien konnte man mehr Geld verdienen. Als Programmierer war es schon damals so, dass man sich einfach beworben hat und Top-Jobs in allen Branchen angeboten bekam. Also bin ich zur Erste Bank, wo ich 13 Jahre verbracht habe, ehe ich den Entschluss gefasst habe meinem Traum zu folgen”, erzählt der HTL-Absolvent, der seit seinem 11. Lebensjahr Computerspiele spielt (“auf Geräten, die sich die heutige Jugend nicht einmal mehr vorstellen kann”). Schon in der Zeit vor seiner Selbstständigkeit und als er in Karenz war, hat er Games programmiert. “Bei diesen Projekten war aber nie ein wirtschaftlicher Gedanke dahinter, das war nur zum Spaß”, winkt Michael ab. Er gibt sich ziemlich bescheiden für das, was er bereits auf die Beine gestellt hat. In der Bank legte er nämlich relativ schnell den Karriereturbo ein und wurde Leiter zahlreicher IT-Projekte: “Ich war dann plötzlich technisch verantwortlich, hatte viel mit Organisation zu schaffen und kam nicht mehr so richtig zum Programmieren. Aber genau diese Führungserfahrung hilft mir jetzt enorm.” Und bevor der Begriff überhaupt aufkommt: als Start-up will Michael seine Softwareschmiede “Bloodirony Games” nicht sehen.

Bloodirony Games

Die Spieleschmiede von Michael Hartinger

Michael definiert Start-ups als “gute Ideen, die nach einem Geldgeber suchen, mit der Absicht nach einem lukrativen Exit”. Für den Familienvater ist Beständigkeit wichtiger. “Ich will ein Indie-Game Studio aufbauen. Mein Ziel ist es, mindestens die nächsten 10 Jahre Spiele zu entwickeln”. Damit wäre seine Familie ganz im Bann der Unterhaltungsindustrie, denn auch Michaels Freundin ist Geschäftsführerin einer Spieleschmiede in Wien. Ob er sich vorstellen könne, sein aktuelles Spiel zu verkaufen? “Wenn Blizzard kommt, sofort”, lacht er und fügt rasch hinzu: “Aber ernsthaft: Wir haben derzeit den Honeymoon-Luxus. Also keinen Stress. Wir haben uns zu dritt sechs Monate Zeit genommen, um nur zu programmieren. Etwa 50 Wochenstunden steckt jeder von uns in die Entwicklung. Derzeit müssen wir nichts verdienen.”

Foto: Lorin Canaj / Helden-von-heute.at

Foto: Lorin Canaj / Helden-von-heute.at

“Wollte es mir beweisen”

Ein echter Luxus, der einiges an finanzieller Kraft abverlangt. Bei zwei Kindern keine leichte Entscheidung: “Es hat schon lange gedauert, bis ich mich zu diesem Schritt entschlossen habe. Aber ich wollte es mir dann noch einmal beweisen, ehe ich zu alt werde. Also habe ich im Juli 2014 meinen Job gekündigt, ohne genau zu wissen, was kommt. Ich habe Bloodirony gegründet und losgelegt. Jetzt muss nur noch Geld reinkommen.” Michael lacht so unbekümmert, dass man ihm diese Leichtigkeit sofort abnimmt. Mir drängt sich die Frage auf, ob er glaube, dass jeder so ohne Weiteres seinem Traum folgen könne? “Ich kenne viele, die aus ihrem Job rauswollen, aber nicht wissen wie. Bei den meisten geht es gar nicht darum, dass sie keinen Job finden würden, sondern um die Veränderung, die sie abschreckt. Aber zugegeben: wenn man so wie ich einen klaren Fokus hat, hilft das schon.” Sein Plan: “Shooting Stars” soll sich so weit tragen, dass aus dem Projekt “Bloodirony” eine ernstzunehmende Spielefirma werden kann. Wie das wirtschaftlich funktionieren soll? “Wir haben uns gegen In-App Käufe und gegen Werbung im Spiel entschieden. Wir verkaufen es klassisch zum Fixpreis. Einmal kaufen, immer haben. Das war ein langer Entscheidungsprozess, aber ich glaube, dass es so am besten funktioniert.” Eine mutige Ansage, in einer Zeit, in der mobile Spiele wie Pilze aus dem Boden schießen. Wirkliche Sorgen muss man sich bei Michael aber nicht machen. Er ist Profi, kennt den Markt seit Jahrzehnten. Der Kärntner weiß, dass die Chancen auf dem mobilen Spielemarkt noch nie so groß waren wie jetzt: “Wenn, dann muss man jetzt noch aufspringen. Es gibt zwar Millionen Apps, aber auch viel Unsinn dabei, weil einfach jeder irgendwelche Spiele auf den Markt bringt, um zu schauen, ob eines davon einschlägt.” Gerade in der Spielewelt gelte Qualität vor Quantität. Mit “Shooting Stars” will er sich jedenfalls deutlich von anderen abheben.

“Wir machen einiges grundlegend anders”

“Wir machen prinzipiell einiges grundlegend anders als andere Spieleentwickler. Das beginnt bei der Grafik. Wir setzen auf Pixelart. Was aussieht wie von vor zwanzig Jahren ist mittlerweile zum Kult- und Kunststatus erhoben und lässt sich super mit modernen Grafikelementen kombinieren. Zudem ist das Spiel bewusst auf ‘Zwischendurch’ ausgelegt. Echten Konsolen-Gamer kannst du mit mobilen Spielen keine adäquaten Alternativen bieten. Denn richtig gute Spiele musst du auf einer Konsole erleben. Aber, und das ist mein Ziel, du kannst Ablenkung bieten. Ich will, dass Core-Gamer auch mal das Handy nehmen können, um darauf zu zocken.”

Besser sein als andere

Zugegeben, ich bin weder Konsolenspieler noch Core-Gamer, aber als ich das iPad mit der neuesten Beta-Version in Händen halte, kommt ein Gefühl hoch, das ich das letzte Mal bei Mario Kart auf dem Super-Nintendo hatte. Ich will mich nicht damit abfinden, permanent von Robert Downey Jr. oder Nicki Minaj abgeschossen zu werden. Schon gar nicht, da mich das Regenbogeneinhorn mit einer Katze ausgestattet hat, um mich gegen die fiesen Attacken zu wehren. Nein, diese Zeilen sind nicht das Resultat einer durchzechten Nacht, sondern der Inhalt von “Shooting Stars”, das übrigens ganz und gar auf das kompetitive Highscore-Prinzip setzt. “Wir haben extra viele lustige Elemente eingebaut. Das Spiel soll sein wie das Internet: Irgendwas passiert und du lachst – ohne zu wissen, warum eigentlich. Der Highscore tut sein Übriges zum Gameplay. Man kann ihn jeden Tag aufs Neue knacken und dieses Prinzip kommt immer an. Die meisten Spieler spielen nämlich nur, weil sie besser sein wollen als andere.”

Foto: Lorin Canaj / Helden-von-heute.at

Foto: Lorin Canaj / Helden-von-heute.at

“Andere verbringen ihre Freizeit im Garten. Das ist auch o.k.”

Wie oft Michael seinen Highscore knackt? “Ich spiele 2 bis 3 Stunden pro Tag. Davon natürlich berufsbedingt auch mein eigenes Spiel (lacht). Sonst hauptsächlich World of Warcraft, Diablo, Super Mario oder ältere Spiele. Und ich spiele extrem gerne Pokemon auf dem Gameboy.” Da ist er wieder, dieser Satz, der mich zum Schmunzeln und unweigerlich auf die Frage bringt, wie Michael selbst zu den vielfach diskutierten Problematiken bezüglich Computerspiele steht. Schlagwörter wie: soziale Vereinsamung oder Faulheit. “Spielen ist extrem aufwendig. Man muss sich permanent darum kümmern, dass man alle Items sammelt und man muss sich nebenbei umfassend informieren. Ob es sich dabei um ein Hobby oder Zeitverschwendung handelt, das ist Ansichtssache. Andere verbringen ihre gesamte Freizeit im Garten. Das ist auch ok.”

Große Player haben Trends verschlafen

Tatsache ist, dass spielerische Faktoren zunehmend Einzug in diverse Lebensbereiche nehmen. Ein bekanntes Thema in diesem Zusammenhang ist Gamification, also die Schaffung von Anreizen mit spielerischen Elementen, die die User eher zur Durchführung einer Handlung animieren sollen – wie das Ausfüllen eines Onlineprofils. Wo Michael die Spielewelt der Zukunft sieht? “Es bleibt zu beobachten wohin und wie weit das mobile Spielen gehen wird. Was jedenfalls auffällt: die Kluft zwischen den richtig aufwendigen und großen Blockbustern und den kleinen Indiespielen wird größer. Es wird auch immer einfacher Spiele zu produzieren. Es gibt Programme, da musst du nicht einmal mehr programmieren können. Aber bevor wir weiter von der Zukunft reden: Es gibt heute noch große Konzerne, die den mobilen Trend verschlafen haben.” Damit bezieht sich Michael auf Nintendo. Der japanische Spielekonzern hat seine Klassiker wie Mario Kart noch immer nicht für iOS oder Android mobil gemacht. “Bei solchen Hits liegt das Geld förmlich auf der Straße”, sagt Michael. Bleibt also eine Frage der Zeit, bis Luigi und Mario, so mancher Kindheit Helden, auch auf den Smartphones ihre Runden drehen dürfen.

Wie Michael den Heldenbegriff sieht? “Typen mit Superkräften. Ehrlich gesagt tue ich mir da echt schwer. Helden machen zumindest irgendwas, was sie von anderen abhebt. Ein bisschen Mut gehört dazu und eine Vision.” Da ist bei Michael genug von beidem vorhanden. Ob er sich also als Held bezeichnet? “Ja, ein bissl schon. Aber eher deshalb, weil ich es schaffe meinen Job mit meinen zwei Kindern zu vereinbaren.”

    1 Kommentar

    • Thomas sagt:

      Lieber Michael ich wünsche dir viele Erfolge. Wenn es wer schafft dann DU!
      Das weiss ich seit unserer gemeinsamen Zeit im Kindergarten. Let’s a go (würde Mario sagen). glg Thomas

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