“Wer selbst ein Gfrast war, hat als Lehrer gute Chancen”

Wenn man das Wort ‚Lehrerin’ hört, denkt man oft an wenig Arbeit, viel Freizeit und lange Ferien. Dass diese Aspekte oft nur Vorurteile gegenüber dem Lehrerberuf sind und selten der Wahrheit entsprechen, erzählt uns Heidi. Die gebürtige Kremserin erläutert Verbesserungsvorschläge für das Schulsystem, was Eltern besser machen können, negative Aspekte und Erfahrungen des Lehrerdaseins, und warum es für sie trotzdem ein absoluter Traumberuf ist.

Es ist 12:30. Markus und ich warten in der Schulhalle der HAK (Bundeshandelsakademie und Bundeshandelsschule) in Mistelbach. Die Schulglocke läutet, wir erinnern uns an unsere Schulzeit, zucken zusammen und sehen von Weitem Heidi mit einem großen Stapel Hefte auf uns zuschreiten. Heidi Pernerstorfer unterrichtet hier seit 1992 Deutsch, Französisch, Bewegung/Sport, wie auch Persönlichkeitsbildung und Soziale Kompetenz.

Als ich sie frage, wie sie zu diesem Beruf gekommen sei, erzählt sie, dass sie eigentlich angefangen hat Jus zu studieren, und rasch erkannt hat, dass das nicht das Richtige für sie ist. Was sollte sie nun aber studieren? Vor der Matura hat die gebürtige Kremserin 4 Jahre lang Jugendarbeit bei den Pfadfindern betrieben und  hatte zu den Jugendlichen einen sehr guten Draht. Da sie zudem immer schon sehr sprachbegabt war, und auch gern referierte, entschied sich für die Ausbildung zur Lehrerin.

Heute weiß Heidi, dass  ihre Berufswahl goldrichtig war.. Vor Kurzem feierte Heidi ihr 25-Jahr-Jubiläum als Lehrerin, und strebt im Geheimen auch den Direktorposten an.

Heidi , was macht eine gute Lehrerin aus?

Wichtig ist vorallem das Fachwissen, das methodisch didaktisch gut aufbereitet wird, um es den Schülern zu vermitteln.. Die Schüler sollen mir folgen können. Maßgebend ist auch die Transparenz bei der Beurteilung. Jeder Schüler muss wissen, wie er zu seiner Note kommt. Dabei lege ich großen Wert auf Notenschema. Jeder Schüler kann sich gezielt vorbereiten und muss wissen, wie er Punkte sammelt. Bei Schülern, die sich schwerer tun, ist mir wichtig, dass sie besser werden, daher biete ich auch Nachhilfe an. Ich investiere zudemsehr viel Zeit in die Korrektur von Arbeiten. Ein großer Teil der Lehrertätigkeit findet nicht im Klassenzimmer statt! Jede Schülerin und jeder Schüler, auch mit weniger Begabung, kann auf ein Befriedigend kommen- wenn er/sie die Unterlagen durchgeht und eigene Fehler beachtet. Bei vielen Schülern mit Migrationshintergrund stellt Deutsch eine große Barriere dar. Hier fordere ich mehr staatliche Unterstützung.

Foto: Markus Neubauer

Foto: Markus Neubauer

Was könnte man verbessern?

Ich würde einen Schulversuch starten. Man sollte einen Unterschied zwischen dem HAK Maturazeugnis für deutschsprachige Schüler, und einem für Schüler mit Migrationshintergrund einführen. Beim Letzteren würde der Unterricht auch in der Muttersprache angeboten werden. Migranten sprechen meist die Erstsprache sehr gut, die Schriftlichkeit geht aber oft verloren. Das heißt, dass sie vielleicht nicht dasselbe Level in Deutsch, wie Schüler ohne Migrationshintergrund, erreichen, jedoch ein hohes Level in ihrer Muttersprache vorweisen können.

Heidi erzählt, dass sie leicht Kontakt zu den Schülern findet.

Ich kommuniziere nicht von oben herab. Mir ist eine Balance zwischen Vertrauen  und Respekt wichtig, und dass es auch nicht zu persönlich wird.

Ist es dir wichtig, dass du mit Frau Professor angesprochen wirst?

Es ist mir wichtig, dass mich die Schüler mit dem Titel ansprechen. Ich möchte mich damit nicht erhöhen. Wir sind aber in einer Berufsbildenden Höheren Schule und sie sollen sich aufs Berufsleben vorbereiten. Da gehört das dazu. In diesem Sinne sollen die Schüler uns als Vorgesetzte betrachten. Da gehört es dazu, dass man uns richtig anspricht.

Viele Schüler wissen nicht, wie es nach der Schule weitergehen soll. Wie hilfst du ihnen dabei ihren Weg zu finden?

Ich bin Bildungsberaterin. Ich plane Studien- und Berufsinformationstage, und lade  Personen von verschiedenen Fachhochschulen, sowie auch ehemalige Schüler ein, die ihren Berufsweg erfolgreich gehen und sich zum Beispiel selbständig gemacht haben. Ich möchte den Schülern eine Vielfalt an Möglichkeiten, die vor ihnen liegen, aufzeigen. Ich berate unter Anderem auch bei Schwangerschaften oder Selbstmordgedanken. In Fällen wie diesen, vermittle ich weiter an Stellen, die sich darauf spezialisiert haben.

Wie erfährst du von den Problemen?

Die Schüler wissen, dass ich Bildungsberaterin bin. Entweder erzählen mir Kollegen von Beobachtungen oder die Schüler kommen selber zu mir. Also liegen meine Aufgaben nicht nur im schulischen, sondern auch im privaten Bereich. Das Dritte, dass ich als Bildungsberaterin mache, ist Lernberatung. Wenn jemand knapp vorm Durchfallen ist, kann ich ihm/ihr im Zeitmanagement helfen und Tipps geben, wie sie effektiver lernen können.

Man sieht Heidi an, wie sehr ihr die Schüler am Herzen liegen. Sie erzählt mit Leidenschaft. Markus und ich grinsen. Sie erzählt, dass sie durch die Erfolge, die ihre Schüler erreichen, auch selber viel zurückbekommt. Auch für sie sind es positive Erlebnisse. Jedoch will sie uns auch nicht die negativen Seiten vorenthalten und erzählt von einem Fall, der zeigt, was es heißt Bildungsberaterin zu sein.

Ein Schüler kam zu mir und berichtete, dass sein Vater seine Mutter die ganze Nacht lang geschlagen hätte, er verzweifelt sei und Angst hätte. Sein Vater war vorbestraft, weil er die ältere Schwester so schwer misshandelt hat, dass sie schwerstverletzt war und dabei ein Auge verloren hat. Zum Zeitpunkt, als er sich an mich wandte, lebte diese Schwester nicht mehr bei der Familie. Der Schüler fragte mich um Rat. Eigentlich ging es bei dem Streit um seinen Laptop. Es hat mit einem banalen Streit angefangen. Ich riet ihm, seine Mutter anzurufen und sie dazu zu bringen, mit den zwei jüngeren Schwestern ins Frauenhaus zu gehen, während der Vater in der Arbeit ist. Der Schüler war damals bereits 18, und ich habe ihn in einer Jugendwohlfahrtseinrichtung unterbringen können. Damals habe ich ihn jeden Tag abgeholt, weil der Vater ihn in der Schule abpassen wollte. Erwar oft im Schulgebäude und wir mussten ihn mehrmals verweisen. Er wollte Einfluss auf seinen Sohn nehmen. Bei der Verhandlung bezüglich des „Vorfalles“ mit der Schwester hat der Schüler als Zeuge zu Gunsten seines Vaters ausgesagt, sonst wäre die Bewährungsstrafe nicht ausgesprochen worden, nehme ich an. So ging es einige Wochen weiter, bis die Bewährungsstrafe des Vaters aufgehoben wurde und er ins Gefängnis musste.Damals habe ich dem Schüler geraten mit seiner Familie aus Mistelbach wegzuziehen und wo anders weiter zu Schule zu gehen, was dann auch passiert ist.

Heidi hat auf diese Weise das Leben einer ganzen Familie zum positiven verändert.

Supervision für Lehrer fehlt!

Ist es schwer Beruf und Privates zu trennen?

Man muss sehr aufpassen, dass man sich nicht zu weit hineinlehnt. Vor allem haben wir als LehrerInnen auch keine Möglichkeit der Supervision. Das macht mich wahnsinnig, und ich halte dies für äußerst ungerecht. Jeder andere Sozialberuf hat eine verpflichtende Supervision, und wir sollen oft auch für Eltern Probleme lösen, können uns aber nur mit Kollegen austauschen, was oftmals nicht ausreicht. Die Folge davon ist, dass viele Lehrer Burnout-gefährdet sind. Man kann die Belastung schwer loswerden. Ich reagiere mich dann mit Badminton oder Volleyball ab – dann geht’s wieder (lacht). Ich würde auf jeden Fall eine verpflichtende Supervision für Lehrende ins Schulsystem integrieren. Supervision für Lehrer fehlt!

Foto: Markus Neubauer

Foto: Markus Neubauer

Was ist das schwierigste an deinem Beruf?

Manchmal die Ohnmacht: Dass ich wüsste, wie die Schüler es besser machen könnten, aber sie tun es einfach nicht. Auch das Anrennen gegen Eltern, die nicht mitarbeiten, nicht mithelfen und das alles ihren Kindern viel zu früh überlassen, und sagen „Der muss eh wissen was er tut, weil jetzt ist er nicht mehr schulpflichtig.“ Es gibt auch immer mehr ‚schwierige’ Schüler. Außerdem ist die Schüleranzahl pro Klasse eine Zumutung, und gezielte Förderung ist einfach nicht möglich. Viele Schüler fallen durch den Rost. Kleinere Klassen wären eine Lösung. Man sollte Srategien finden, damitsich die Schüler so verhalten, wie sie sich verhalten sollen. Ob sie jetzt die Hausübung schreiben oder nicht sei in den Raum gestellt. Auch ich habe in meiner Schulzeit nicht alle Aufgaben erfüllt. Das Schwierigste am Lehrerberuf ist die Ohnmacht.

Das Schwierigste an meinem Beruf ist die Ohnmacht.

Wie kann man Schüler am Besten dazu motivieren etwas zu lernen?

Ich glaube es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem. Unsere Gesellschaft ist satt. So auch die Kinder, die sagen ‚wozu soll ich in die Schule gehen? Wozu soll ich etwas leisten? Ich bekomme eh mein nächstes neuestes Handy, den Führerschein bekomme ich auch bezahlt, undnd die Oma wartet schon mit dem Autoschlüssel.’ Diese Sättigung ist meiner Meinung nach eine der Ursachen. Wenn ich in der Früh im Radio höre “Mein Gott die armen Schüler müssen heute schon wieder in die Schule gehen” oder “Sie Arme, sie müssen jetzt wieder arbeiten gehen”, frage ich mich, warum man nicht froh ist, dass man eine Arbeit hat, und  lernen darf? Ich sage manchmal zu den Schülern: “Wenn du nicht lernen willst, dann zieh in ein Land in dem man gar nicht lernen darf!” Bei vielen Schülern fehlt das Bewusstsein, dass sie ein totales Privileg genießen. Unsere Gesellschaft ist satt.

Vielen Schülern fehlt das Bewusstsein, dass sie ein Privileg genießen

Hat Bildung einen Wert in unserer Gesellschaft?

Das Ergebnis hat einen Wert, aber nicht der Weg dorthin. Wenn jemand gebildet ist, ist das schon toll. Auch die Schüler genießen es, wenn sie etwas wissen. Sie wachsen damit. Aber dass damit Arbeit verbunden ist wird ungern gesehen. Dieser Weg dorthin, wird als lästig dargestellt, als unnötig. Bei vielen Schülern fehlt das Bewusstsein, dass sie ein totales Privileg genießen.

Als Schüler ist man einem Lehrer oft ausgeliefert

Inwiefern helfen die Eltern heutzutage mit?

Heutzutage versuchen viele Eltern Erziehung und Verantwortung Richtung Schule zu schieben, und wenn etwas daneben geht, ist die Schule daran schuld. Das war nicht immer so. Das hat sich in den letzten 20 Jahren verändert. Auch in unserer Berufsgruppe gibt es, wie überall, weniger Talentierte. Das Problem ist, dass du hier den Untalentierten nicht ausweichen kannst. Wenn ein Arzt oder Anwalt schlecht ist, geh ich nicht hin. Als Schüler ist man einem Lehrer aber oft ausgeliefert. Damit entsteht auch die Meinung ‚Es ist der Lehrer schuld’. Wenn einem Schüler ein Fünfer im Zeugnis droht, sind wir verpflichtet Warnungen auszuschicken. Die Eltern und Schüler werden zu einem Beratungsgespräch eingeladen. Ich glaube ich kann sagen, dass 90 Prozent der Eltern nicht erscheinen. Wenn die Schüler volljährig sind, haben sie die Möglichkeit selbst die Entschuldigungen zu unterschreiben. Dann passiert es schon leicht, dass die Anwesenheit drastisch sinkt. Es ist schwer, wenn die Eltern nicht dahinter stehen. Auch die Schüler sollten einen gewissen Leistungsgedanken haben: ‚Ja ich gehe arbeiten, weil ich meinen Beitrag leisten will.’ Ich bin für die Ganztagsschule. Diese wäre auch gut für ein Gemeinschaftsgefühl. Wenn ein Arzt oder Anwalt schlecht ist, geh ich nicht hin.

Was können die Eltern ändern?

Eltern sollten auch manchmal die Aussagen ihrer Kinder hinterfragen.. Oft erzählen Kinder zu Hause, dass sie ein Lehrer nicht mag. Das passiert aber höchst selten- Wir sind ja auch nur Menschen, aber dennoch dazu verpflichtet möglichst objektiv zu sein. Eltern sollten mehr nachfragen, sich auch an die eigene Schulzeit erinnern. Sie sollten mehr kontrollieren und mehr mit den Lehrern zusammenarbeiten, mehr Interesse zeigen und auch die Bildung und nicht nur das Ergebnis als wichtig erachten. Eltern sollten ihren Kindern nicht alles glauben.

Was ist für dich eine Heldin?

Jemand der sich seinen Aufgaben stellt und nicht jammert, weil ihm dieses oder jenes passiert ist, sondern dies akzeptiert und Geschehenes hinter sich lässt.  Dazu gehört auch, sein Schicksal anzunehmen, und die Lektion, die einem das Leben stellt, zu meistern.

Siehst du dich selbst als Heldin?

Nein, ja. (schmunzelt). Nach dieser Definition: Ja. Auch unter unseren Schülern sehe ich immer wieder Helden. Zum Beispiel Schüler in Erwachsenenrollen, wenn sie kranke Eltern oder Geschwister pflegen, und sich in so frühen Jahren nicht unterkriegen lassen.