Der erste Schritt

Marc Haller alias Erwin aus der Schweiz – Für Helden-von-heute.at schreibt Marc exklusiv über sein Künstlerleben und die Ambivalenz von Kunstfigur und realer Welt. Einmal im Monat nimmt er uns mit auf seinen Weg zum neuen Programm. Ein ganz persönlicher Einblick.

Ich glaube fest daran, dass, wenn man sich etwas wirklich wünscht, man dieses Etwas auch erreichen kann. So wie in meinem Fall.

Ich weiß noch, wie ich 2008 in New York mit dem Buch „The Secret“ in Berührung gekommen bin. Ich war in der U-Bahn unterwegs und es war mir unmöglich meinen Blick von dem Buchrücken meiner Sitznachbarin abzuwenden. Der Titel ist gut gewählt: „Das Geheimnis“. Als Zauberkünstler jongliere ich Tag für Tag mit Geheimnissen. Wenn ich ehrlich bin, wurde ich Zauberkünstler weil ich mit unerklärlichen Dingen schwer klarkomme und insgeheim die Trickgeheimnisse entlarven möchte.

Ich liebe das U-Bahnfahren. U-Bahnen sind für mich inspirierende Orte. Auch jetzt, wo ich ein neues Bühnenprogramm schreibe, setze ich mich in die Wiener U-Bahn und warte, bis ich von der Muse geküsst werde. Vielleicht ist es das monotone Rattern der Räder. Oder das Hin- und Herschaukeln. In der U-Bahn bin ich entspannt und empfänglich für neue Ideen und Bilder.

Doch zurück zu jenem Tag in der Subway in New York, der mich nicht nur inspiriert, sondern auch mein Leben verändert hat. Dieses Buch – das “Geheimnis” – hatte mich nicht mehr losgelassen – zwei Tage später ging ich zu Barnes and Nobles und kaufte mir ein Exemplar von “The Secret”. Ich fragte mich: Was kann so geheim sein und doch für jedermann zugänglich? Auf der Rückfahrt nach Brooklyn habe ich mich nicht getraut, das Buch in aller Öffentlichkeit auszupacken. Dinge, die mir in meinem Leben wichtig sind, behalte ich meistens für mich. Als wollte ich meine Träume schützen. Die ersten 10 Jahre meiner Laufbahn wusste außer meiner Familie zum Beispiel niemand, dass ich im Begriff war, Zauberkünstler zu werden. Dass ich jeden Tag Münzen- und Kartentricks übte und bereits Geld mit Auftritten verdiente.

Zu wichtig war mir mein Hobby, das eigentlich immer schon mehr als nur ein Hobby war. Die Zauberei begleitete mich durch die Pubertät. Sie gab mir ein Lebensziel und ließ mir das Erwachsenwerden sinnvoll erscheinen. Aber um dieser Kunst gerecht werden zu können, dazu musste ich mich öffnen. Ich musste in mich gehen, in mein Innerstes vordringen und auch meine verletzlichen Seiten kennenlernen.

Ich gebe zu: Ich war ein Nerd. Ich hatte nicht viele Freunde, geschweige denn eine Freundin. Während meine Schulkollegen ihre ersten sexuellen Erfahrungen machten und auf Partys feierten, habe ich in meinem Zimmer Kartentricks geübt. Allerdings nicht freiwillig. Ich hatte die Wahl: Werde ich ein Opfer und widme mich dem Selbstmitleid oder nutze ich die Zeit und gehe meinen eigenen Weg. Das Leben ist kurz – zu kurz um zu zögern und sich selber was vorzumachen. Ich glaube an Gott. Ich glaube aber, dass Gott dir nur hilft, wenn du selbst den ersten Schritt wagst und ins kalte Wasser springst.

Ist es nicht so, dass wir unsere innigsten Wünsche oft für uns behalten, weil wir glauben, die anderen würden uns auslachen und uns nicht verstehen? Wir schämen uns für unsere Träume. Warum? Es ist die Angst vor dem Scheitern. Die Angst, dass unsere Träume nicht in Erfüllung gehen könnten und wir eine schmerzliche Niederlage hinnehmen müssten.

Ich glaube, dass Träume ihren Ursprung in der Tiefe unserer Seelen haben und darauf warten, von uns gefunden und befreit zu werden.

Doch das Erwachsenwerden erschwert und den Zugang zu unserer Seele. Träumen wird immer schwieriger. Oft vergessen wir sogar unsere Träume und Momente unserer Kindheit. Eine Zeit, in der Tage noch Ewigkeiten dauern konnten. Ich liebe das Zitat von Erich Kästner:

„Schaut, die meisten Menschen legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt. Ihr Leben kommt ihnen vor wie eine Dauerwurst, die sie allmählich aufessen, und was gegessen worden ist, existiert nicht mehr (…) Nun, die meisten leben so (…) Früher waren sie Kinder, dann wurden sie Erwachsene, aber was sind sie nun? Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch“.

Zurück nach Brooklyn, wo ich damals – kaum zu Hause angekommen – das Buch geöffnet habe. Was dort stand, war unglaublich – und zugleich so einfach. Zu einfach, um wahr zu sein. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Kunst in der Einfachheit liegt. Mein Zauberlehrer hat immer gesagt: „Simplicity is the best“. Intelligente Menschen erkennt man meiner Meinung nach daran, dass sie in der Lage sind, einem die kompliziertesten und schwierigsten Dinge möglichst kurz und einfach zu  erklären. Wenn ich da an meine Schulzeit denke… Wie oft saß ich in der Schule und ein Lehrer versuchte uns, die einfachsten Dinge auf möglichst komplizierte Art und Weise zu vermitteln, nur um seine Macht und Intelligenz zu demonstrieren.

Obwohl das Buch „The Secret“ über 100 Seiten hat, kann ich es in einem Satz zusammenfassen: „Du kannst alles schaffen und erreichen, was du träumst, du musst es nur visualisieren und daran glauben.“ Die Gefährlichkeit dieses Satzes liegt in seiner Einfachheit.

Die meisten Menschen, die ich anschließend – mit dem “Geheimwissen” frisch gefüttert – nach ihren Wünschen und Träumen befragte, konnten mir keine klaren Antworten liefern. Ich war sehr erstaunt. Ich träume nämlich, seitdem ich denken kann. Meine ganze Schulzeit war davon geprägt, dass ich am Fenster saß und träumte. Ich träumte von meiner Zukunft bei einem Zirkus, von meiner zukünftigen Frau. Ich konnte sie genau vor mir sehen: ihren Körper, ihre Lachgrübchen und ihr braunes, schulterlanges Haar. Ich zeichnete mein Traumhaus und stellte mir vor, wie ich mit meinen Kindern darin spiele. Und ich träumte davon, auf einer großen Bühne die Menschenmassen zu begeistern.

Die erste Schwierigkeit liegt also darin, seine Träume zu definieren. Einen Traum zu definieren heißt, ihn mit einem kurzen prägnanten Satz auf ein Blatt Papier zu kritzeln. Als ob man seine Story verkaufen möchte.

Doch träumen, visualisieren und positiv denken reichen nicht aus. Das allerdings verrät das Buch nicht. Ich beobachtete, wie Freunde dieses Buch zu ihrer neuen Religion machten, sich in ihre Zimmer einschlossen und anfingen zu träumen und zu visualisieren. Sie schienen zu glauben, dass sich ihre Träume und Wünsche auf den Weg machten und von alleine zu ihnen kommen würden.

Aber unsere Träume kommen nicht von alleine zu uns. Ja, sie warten, aber wir müssen den ersten Schritt setzen. Wir müssen loslassen und uns auf den Weg machen.

Wenn das Ziel fokussiert ist, müssen wir den Bogen spannen und uns konzentrieren. Aber letztendlich, um den Pfeil ins Ziel zu befördern, müssen wir loslassen. So einfach es klingt, so schwierig ist es.

Viele Leute halten fest. Sie fürchten sich vor dem Sprung. Sich fürchten sich vor dem Fallen lassen. Doch wenn wir den ersten Schritt nicht wagen, werden wir nie unsere Ziele erreichen. Da können wir noch so visualisieren und positiv denken. Wenn wir unsere Angst nicht überwinden, über unseren eigenen Schatten springen und etwas riskieren, werden wir unsere Träume und Ziele nie erreichen. MACHEN heißt das magische Wort. Loslassen bedeutet etwas zurücklassen, etwas aufgeben. Unseren Beruf, unsere Altersvorsorge, die Eigentumswohnung. Fürs Erste.

Was uns auf der anderen Seite erwartet, wissen wir nicht. Wir müssen nicht permanent darüber nachdenken, wie wir unser Ziel am schnellsten erreichen. Was wir müsse, das ist einen Fuß vor den anderen setzen. Meine Oma pflegte zu sagen: „Setze immer einen Fuß vor den anderen. Dann wird auch nur einer nass, wenn du in eine Pfütze trittst“. Mehr ist es nicht.

Es ist wie eine Nachtfahrt mit dem Auto. Wir sehen nicht die ganze Strecke, sondern nur den, von den Scheinwerfern beleuchteten, Abschnitt. Wir fahren dieses Stück, bis uns die Scheinwerfer das nächste Stück anzeigen – immer so weiter. Bis wir unser Ziel erreicht haben.

Der Vorsatz sich Ziele zu setzen, zu visualisieren und ohne Konzept loszulaufen, hat mein Leben verändert. Ich scheitere jeden Tag aufs Neue. Doch letztendlich habe ich viele Ziele auch schon erreicht. In Wirklichkeit scheitern wir nur, wenn wir stehen bleiben. Als Kind mussten wir mühevoll das Gehen erlernen. Wir sind Hunderte Male hingefallen. Wir wären aber nie auf die Idee gekommen, aufzugeben und liegen zu bleiben.

Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag etwas zu tun, das mir Angst macht. Zu merken, dass ich die Angst vor der Angst verliere, ist ein wunderbares, unbeschreibliches Gefühl.

Marschieren wir also los. Vorwärts. Ein Schritt vor den anderen.

Denn es gibt zwei Arten von Lügen, die unser Leben bestimmen: Die, die wir anderen erzählen und die, die wir uns selbst erzählen.