Franz Schubert: „Plötzlich bekam ich die Angst aufzuwachen und festzustellen, dass ich tot bin“

Er war über 35 Jahre lang eine fixe Größe im österreichischen Literatur- und Buchhandel, lernte erst mit 48 Jahren Saxofon zu spielen, war ein guter Freund von Manfred Deix, ist auf Du und Du mit Literaturgrößen wie T.C. Boyle und ist seit sechs Jahren verantwortlich für die einzigartigen Events im berühmten Cafè Korb in Wien: Franz Schubert.

Ja, wer in Wien Franz Schubert heißt, der hat es nicht leicht – ich bin nicht der erste, der ihm mit diesem Schmäh kommt. Verstecken muss sich der gebürtige Wiener aber keineswegs hinter berühmten Pseudonymen. Reichen die Erfahrungen seines Lebens doch locker für den eigenen Eintrag in das große Wiener Buch der Legenden. Wobei: mit Legendebildungen hat er es eigentlich nicht so. Und so schickt Franz bereits vor der ersten Frage voraus: Der Begriff „Held“ treffe auf ihn gar nicht zu: „In der Regel sind Helden tot. Ich fühle mich aber noch quick lebendig.“

Foto: Privat

Franz, erzähl uns doch kurz wer du bist.

Mein Name: Franz Schubert, gelernter Buchhändler und schon seit frühesten beruflichen Jahren mit wahnsinniger Neugierde ausgestattet. Ich habe schon in den 1970er, in meiner Lehrzeit, festgestellt, dass es viel spannender für mich war die Menschen in die Buchhandlung zu locken, als sie drinnen zu bedienen. Heute sagt man Guerilla-Marketing dazu, was mir damals nicht so bekannt war.

Warum gerade Buchhändler?

Naja, ich habe mit 15 geglaubt, dass es wichtigere Dinge gibt als die Schule und habe die AHS abgebrochen. Weil ich aber Angst hatte über die Kontakte meiner Eltern am Ende beim Konsum oder Meinl hinter der Vitrine zu landen, habe ich mir meinen Lehrberuf selbst gesucht. So kam ich in den Buchhandel. Und das war am Anfang alles andere als einfach. Mein erster Job: 18 Paletten Bücher von Aufklebern zu befreien. Da stand ich vor der ersten wichtigen Entscheidung: Bleibe ich dabei oder schmeiße ich wieder alles hin?

Du hast dich fürs Durchziehen entschieden.

Ja, Gott sei Dank. Ich habe meine Ausbildung zum Buchhändler abgeschlossen. Und danach ging es zum Zivildienst. Im Anschluss habee ich einen 1981 einen einen Job angenommen, in dem ich Guerilla-Marketing betrieben habe. Mein damaliger Chef war bereits 86 Jahre alt und ich konnte mich austoben. Ende der 1980er Jahre hatte ich dann die Chance selbst eine Buchhandlung aufzumachen.

Welche Buchhandlung war das?

Reiseladen. Das war eine Kombination aus Reisebüro, Reiseveranstalter und Buchhandlung. In der Dominikanerbastei im ersten Wiener Bezirk. Ich hatte viel fremdsprachige Literatur aus allen Ländern für sehr anspruchsvolles Publikum. Zwölf Jahre lang habe ich das Geschäft betrieben und leider bei den Eigentümern erlebt, was die Gier aus Menschen machen kann. Irgendwann ist sich das mit meinen Vorstellungen nicht mehr ausgegangen. Denn wenn man nur noch lügen muss, dann wird es unlustig. Denn eines kann ich sagen: Man trifft jeden Menschen mindestens zweimal im Leben.

Aber was meinst du mit Lügen?

Beim Reiseladen war auch die Öffentlichkeitsarbeit Teil meines Jobs – und ein bisschen Flunkern gehört da dazu, um Produkte zu vermarkten. Das ist PR, keine Frage. Aber offensichtliches Lügen, also Dinge behaupten, die einfach nicht so sind – das kann man nicht bringen. Heute kann ich den Menschen von damals wenigstens noch immer in die Augen schauen und habe einige tolle Karrieren begleiten dürfen. 1999 war dann der Schlussstrich. U.a. wegen Amazon.

Amazon hat der Buchhandlung bereits Ende der 1990er Jahre den Garaus gemacht?

Ja. Zur Erklärung: Meine Buchhandlung war damals ums Eck von der Wollzeile – also eigentlich „Buchzeile“ genannt. Ich hatte die achte Handlung in dem Gebiet. Die Konkurrenz war heftig. Zwar konnte ich mich mit einem hochwertigen und exklusiven Sortiment behaupten, aber mit Amazon kamen die Online-Shopper ins Geschäft. Sie sahen sich die Bücher bei mir an, kauften sie aber online. Wie heute. Und da kam der Realist in mir durch, der da sagte: DAS ist kein Busines-Model mit Zukunft – mach was anderes.

Was hast du danach gemacht?

Ich war kurzfristig Schauspieler. Es war allerdings nicht mein Ansinnen Karriere zu machen, sondern mich hat die Branche einfach interessiert. Arbeiten durfte ich damals beispielsweise u.a. mit Bruce Beresford (u.a. Oscar für „Miss Daisy und ihr Chauffeur“).

Foto: Privat

Aber man wird doch nicht einfach so Schauspieler, muss man da nicht ewig lange darauf hinarbeiten? Wie steigt man denn da so einfach ein?

Wenn man Karrierepläne hat schon. Die hatte ich aber nicht. Ich war damals ja schon um die 40 und kam durch eine Agentur zu kleineren Rollen. Mit diesen Erfahrungen war ich dann auch schon zufrieden…

…und hast wieder was Neues gemacht?

Richtig (schmunzelt). Das ist übrigens ein roter Faden, der sich gekonnt durch mein Leben schlängelt: Immer wenn der nächste Karrieresprung angestanden wäre, ist mir meine Neugierde in den Weg gekommen und ich musste was Neues machen. Aber das sollte man nicht unbedingt nachmachen, das ist kein guter Rat (lacht).

Was stand nach dem Ausflug in die Filmbranche an?

Libro. Kurz vor dem völlig desaströsen Börsegang. Damals von André Rettberg an Board geholt. Zum Glück habe ich nach einem halben Jahr gesagt: So ein Konzern ist nichts für mich und habe gekündigt. Wenig später war Libro pleite.

Also hast du auch eine natürliche Allergie gegen Konzernstrukturen?

Ich kann nicht zwei Stunden in einer Sitzung alles abnicken und meinen Widerspruch nicht kundtun. Das ist in meinen Augen nicht der Sinn von Meetings. Ich habe schon immer zurückgeredet und meine eigene Meinung vertreten. Ich bin immer gerne der konstruktive Widerpart gewesen. Aber in Konzernen geht das nicht, da läuft das anders. Vielleicht bin ich damals mit einer zu großen Naivität an die Sache rangegangen. Zumindest eine große Aktion ist mir gut gelungen: Die Präsentation vom Harry Potter Band 4 am Wiener Westbahnhof.

Der Buchbranche bist du aber weiter treu geblieben. Mit einer frechen Bewerbung.

Ziemlich frech sogar. Ich habe zum damaligen Geschäftsführer von Morawa gesagt: „Sie wissen es zwar noch nicht, aber Sie brauchen mich.“ Und das war mein Einstieg. Er kannte mich schon zuvor als recht „goscherten“ Zeitgenossen – und schließlich nahm er mich als Marketingleiter der Morawa-Buchhandels-Gruppe auf. Eine spannende Zeit. Ich hatte viel Spielraum, konnte mich austoben. Konnte auch mit schrägen Ideen und unkonventionellen Dingen punkten. Aber leider war halt immer auch das Motto: „Herr Schubert, machen Sie was Sie wollen, so lange es nichts kostet“.

Was dir als Guerilla-Marketer nicht schwer gefallen sein dürfte.

Richtig. Da ich ja in kleineren Strukturen groß geworden bin und wusste, wie man mit geringen budgetären Mitteln etwas zaubert, war ich damit auch im Großen recht erfolgreich. Die Idealsituation ist natürlich: Idee und Geld. Wenn das Geld alleine da ist und die Idee schlecht, ist es schade ums Geld. Aber wenn die Idee gut ist, aber kein Geld da ist, kann man trotzdem viel probieren und erreichen.

Das klingt schon wieder ein bisschen nach einem Plot-Twist.

Richtig. 2006 habe ich nämlich auch diesen spannenden Job gekündigt. Eigentlich wegen einer Kleinigkeit: Ich hätte einen weiteren Mitarbeiter gebraucht, für den kein Budget freigegeben wurde. Also habe ich mir gedacht: Dann halt nicht, dann mache ich wieder was anderes. Der damalige Geschäftsführer ist aus allen Wolken gefallen und hat es nicht verstanden. Was wieder eine gute Entscheidung war, weil es mich ins Echo Medienhaus geführt hat. Dort habe ich einen umfangreichen Tätigkeitsbereich gefunden – vor allem wieder mit Büchern und Literatur gearbeitet. Ich habe u.a. die Agenden der Aktionen „Eine Stadt, ein Buch“ und „Wiener Kriminacht“ übernommen. Einer meiner faszinierendsten Gäste war sicher 2013 der US-Star-Autor T.C. Boyle.

Mit US Star-Autor T.C. Boyle. Foto: Privat

Warte: Du kennst T.C. Boyle?

Ich kenne viele Autoren – besonders dank der Frankfurter Buchmesse, zu der ich über 30 Jahre lang gepilgert bin. Das ist wohl das Schönste an meiner langen Literaturkarriere. Die Menschen, die ich kennen lernen durfte. Daraus sind echte Freundschaften entstanden.

Vermisst du das heute?

Ich kann mich mittlerweile austoben und das tun, was mir Freude bereitet. Dazu komme ich später noch. Denn was ich sicher nicht vermisse, ist die viele Arbeit. Ich habe 70 Stunden pro Woche gearbeitet. Plötzlich bekam ich die Angst eines Tages aufzuwachen und festzustellen, dass ich tot bin. Und ich wollte es nicht meinem Vater nachmachen, der in Pension ging und ein halbes Jahr später verstarb. So kam dann bald einmal ein großer Knacks bei mir. Ich will das gar nicht als Burn-out bezeichnen. Ich kann nur eine Warnung aussprechen: Wenn du was mit Leidenschaft machst, ist die Gefahr groß, dass du in eine Erschöpfungsdepression abgleitest. Im Moment in dem die Empathie für deine Leidenschaft fehlt, ist die Gefahr am größten.

Wie hast du dich aus deinem Tief rausgeholt?

Ich habe medizinische Hilfe in Anspruch genommen. Da spreche ich von Psychoanalyse, von Psychotherapie. Beides Bereiche, die für einen Zyniker wie mich zunächst schwierig anzunehmen sind. Aber das größte Glück für mich in dieser Zeit war, dass ich den richtigen Saxophonlehrer gefunden habe. So ist auch mein Musikprojekt S.I.A, „Saxofon im Alter“ entstanden. 10 Jahre lang ist das Ding bei mir Zuhause herumgestanden.

Kannst du mir ein bisschen mehr zu S.I.A. verraten? Wie bist du auf die Idee gekommen plötzlich Saxophon zu spielen?

Saxophon hat mich immer interessiert. Das Erweckungserlebnis war 1999 beim „Sunsplah“ in Wiesen , zu dem ich Musiker von den Kapverdischen Inseln vermittelt habe. Da habe ich auch Sigi Finkel kennen gelernt, einen begnadeten Saxophonisten. Der hat mich beraten und eines seiner Instrumente verkauft. Aber: Erst in meiner Auszeit 2009 habe ich dann Zeit und Muse gefunden, es wirklich intensiv zu lernen. Meine Frau hat mich darauf hingewiesen. Dann bin ich zu einem Saxophonlehrer gepilgert und habe dort meine ersten Töne getrötet. Mittlerweile spiele ich alles kreuz und quer. Das einzige was ich nicht spielen kann sind Notenblätter, dafür aber improvisieren ich in jeder Musikrichtung (lacht).

Foto: Privat

Du bist also dein Leben lang ein Improvisateur.

Ja sehr. Ich habe immer gerne neues ausprobiert, ohne Plan und Anleitung. Um bei der Musik zu bleiben: Ich hatte hier einmal eine Pianistin, großartige und begnadete Spielerin. Ich wollte mit ihr einen Blues spielen, aber das konnte sie nicht – weil ich keine Noten dafür hatte. Das hat mich etwas irritiert. Ich war völlig sprachlos. Aber das ist mir schon während meines Saxophon-Unterrichts untergekommen: die meisten Musiker studieren die Technik perfekt. Sobald es darum geht selbst etwas zu kreieren, das Gefühl dafür zu haben, scheitern viele. Man muss eben den Flow finden.

Was ist für dich dieser „Flow“?

Der Flow ist, wie das Glück, ein Vogerl, also ein sehr kurzer Moment, den man erst bemerkt, wenn er vorbeizieht. Aber das Schönste an S.I.A.: Es gibt dort nur einen einzigen Menschen, der über mein Tun entscheidet: Mich. Denn da habe ich gar keine Karrierepläne. Das ist ein Leidenschaftsprojekt. Und wenn man das mit einer gewissen Gelassenheit macht, kommen die kuriosesten Anfragen. Ich wurde vor 4 Jahren eingeladen, für ein großes Literaturfest in Prag zu spielen. Das war nie mein Ziel. Aber ist so passiert, weil ich eben keine Pläne damit habe. Eines habe ich mir nämlich geschworen: Mit dem Saxophon lasse ich mich nie stressen.

Aber zurück zu deiner Karriere: Du hast in deiner Auszeit nicht nur Zeit und Muse fürs Saxophon gefunden, sondern auch einen neuen Job?

Richtig. Nachdem ich ohne Sicherheitsnetz und Jobangebot meinen Beruf aufgegeben hatte, wusste ich nicht wie es genau weitergehen sollte. Ich ließ mich überraschen. Und die Überraschung ist ja geglückt. Ich bin im Cafè Korb gesessen, damals als begeisterter Gast. Ich habe das Korb immer für Termine oder als Event-Austragungsort verwendet. Ich war also bereits ein bekanntes Gesicht dort. Irgendwann kam die Inhaberin, die Susanne Widl, auf mich zu. Sie hatte erfahren, dass ich beim Echo-Medienhaus gekündigt hatte. Dann hat sie mich ziemlich kokett angesehen und gemeint: „Naja, willst du nicht für mich arbeiten?“ Im ersten Moment war ich schockiert. Ich dachte mir: Naja, ein junger, knackiger Kellner bin ich nicht gerade, was will sie denn von mir?

Offenbar wusste sie es damals schon genau: Einen Profi für die Art Lounge.

Wir haben uns dann gemeinsam hingesetzt und ein Jobprofil für mich entwickelt – und es ist die künstlerische Leitung der Art Lounge geworden, wenn man dem Ganzen unbedingt einen Titel umhängen will. Aber hauptsächlich ist das hier mein Traum. Ich arbeite, um zu Leben. Verdiene mein Geld in einem Job, von dem ich etwas verstehe, mit Menschen, die auf meiner Wellenlänge unterwegs sind und darf mich um ein Programm kümmern, wo ich die Diversität extrem hochhalten kann. Von Jazz-Konzerten über Klassik, bis Performances und Autorenlesungen. Wir haben Musik aus allen Genres. Akkordeon-Spielerinnen aus Berlin, die Wiener Philharmoniker – zumindest ein paar wenige davon – oder Buchpräsentationen von etwa Dirk Stermann, oder eben deine Albumspräsentation von k.wiena am 16. September 2020 (Anmeldung unter info@kwiena.art) Es ist hier ein reges buntes Treiben.

Aber es war schon ein radikaler Schritt.

Absolut. Ich habe zu mir gesagt: „Du hast die Hälfte deines Lebens Literatur gemacht, nun machst in der anderen Hälfte etwas anderes“ (lacht). Von außen sieht man den wichtigen Manager plötzlich ins Kaffeehaus arbeiten gehen. Aber ich kann seit damals vor allem zwischen Freude und Spaß unterscheiden. Und das ist ganz wichtig.

Foto: Marko Zlousic

Sind Spaß und Freude nicht dasselbe?

Keineswegs. Wir leben ja in einer Spaßgesellschaft. Jeder muss Spaß haben. Und höre einmal genau hin: In vielen Sätzen schwingt das „Viel Spaß“ völlig bedeutungslos mit. Es wurde eine Art Grußformel, nichtssagend und unpassend. Denn viele Dinge machen einfach keinen Spaß und können auch nie Spaß machen. Das liegt in der Natur der Sache.

Ist das nicht ein wenig sehr detailverliebt?

Finde ich nicht. Schau, ich habe in meiner Karriere gelernt zuzuhören. Zuhören ist ja heutzutage eine völlig in Vergessenheit geratene und verlernte Kunst. Aber es ist sehr sinnvoll. Besonders bei so einer Floskel: Viel Spaß. Das ist halt unser gesellschaftlicher Konsens.

Aber was ist jetzt Freude?

Das, was ich hier mache: Seiner Leidenschaft nachgehen. Natürlich ist das sehr individuell. Aber ich mache meinen Job mit großer Demut und in größtmöglicher Freiheit. Ich kenne viele Menschen, die in meinem Alter vor allem von Angst getrieben sind. Niemand weiß mehr, wie es morgen schon um seinen Job bestellt ist. Selbst in Konzernen. Dort wird der Zynismus überhaupt auf die Spitze getrieben, wenn man dann Mitte 50-Jährige auf die Straße setzt und ihnen dabei noch auf die Schulter klopft, mit den Worten: „Wir stehen Ihnen nicht im Weg, um Ihnen neue Karrierechancen zu bieten.“ Etwas Zynischeres gibt es ja gar nicht. Welcher Mitte 50-Jährige findet in Österreich von heute auf morgen einen neuen, guten Job?

Glaubst du, es steht wirklich so schlecht um deine Generation?

Schau, ich bin ein klassischer „Baby-Boomer“. Ich bin in einer Generation aufgewachsen, da hatten wir immer das Gefühl, alles wird mit der Zeit besser. Es verändert sich immer zum Positiven. Meine Kinder etwa sind in der 80er zur Welt gekommen, sind Anfang und Mitte 30, die haben den Schwung noch ein kleinwenig mitgenommen. Aber alle danach, die 20 bis 25-Jährigen, haben kaum Perspektive. Denen wird immer suggeriert: Besser wird es nicht. Eigentlich ein düsteres Bild. Und so schließt sich der Kreis: Freude ist etwas, das immer größer wird, wenn man es richtig macht.

Aber ganz ohne den unlustigen Dingen wird es ja auch hier nicht gehen, immerhin muss auch ein Kaffeehaus überleben.

Sowieso. Ich kenne das ja auch meiner Buchkarriere. Kunst- und Kultur stehen mit der Wirtschaft immer ein bisschen im Krieg. Aber natürlich muss ein Kaffeehaus wie dieses in erster Linie profitabel laufen und überleben sowie die Mitarbeiter bezahlen können. Deshalb sehen wir die Kunst- und Kultur, die wir hier anbieten als Zusatz. Es ist eine andere Art von Öffentlichkeitsarbeit. In dem Moment, indem ich hier Events habe, mache ich nicht nur für die Events Werbung, sondern natürlich auch für unser Haus. Das hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt.

Foto: Salvatore Viviano

Wie viele Events pro Jahr wickelst du hier ab?

2019 waren es 166 Veranstaltungen in der Art Lounge. Ich muss aber hinzufügen, dass wir im Juli und August geschlossen haben.

Also quasi jeden Tag.

Nahezu, ja. Und damit ist jedes Event de facto ein Inserat für uns. Durch die Unterschiedlichkeit unseres Angebots, haben wir immer anderes Publikum. Das macht den guten Mix aus. Es ist mir in fünf Jahren noch nie passiert, dass es den Menschen hier ganz und gar nicht gefallen hat. Im Gegenteil. Die meisten, die hier herkommen, sind so begeistert, dass sie auch zu anderen Events kommen.

Wobei: Braucht das Cafè Korb eigentlich noch Werbung? Es ist ja ohnehin als Kaffeehaus bekannt, aus dem mehr Menschen rausgehen, als rein. Aber nicht weil es schlecht ist, sondern weil es einfach nie einen Platz gibt.

Uns gibt es ja erst seit 1904, also sind relativ jung am Markt (lacht). Nein, ernsthaft: Es gibt Stammgäste, die kommen seit 30 Jahren hierher, waren aber noch nie in der Art.Lounge. Wir brauchen also schon auch noch ein bisschen Werbung. Übrigens, ein Detail am Rande: Das Korb war und wird wahrscheinlich nie ein Touristen-Café. Denn bei uns sind wirklich immer alle Plätze belegt. Aber mit Wiener Stammkunden. 

Und seit wann gibt es die Art.Lounge?

Auch seit 1904. Aber in dieser Form noch nicht so lange. Das war früher einmal die Kegelbahn. Doch hat sich Kegeln nicht so als Trendsport durchgesetzt (schmunzelt). 2004 wurde dann die Art Lounge von Susanne Widl so wie sie heute hier dasteht eingerichtet und vom Architekten Manfred Wolff-Plottegg umgesetzt. Die Künstler Peter Weibel, Peter Kogler und Günter Brus gestalteten den Raum und machen somit die ART LOUNGE einzigartig. Übrigens: Man erkennt die Aktualität von Reiseführern ganz gut daran, ob noch drinnen steht, dass man im Korb die Kegelbahn besuchen soll.

Zum Abschluss: Stört es dich, dass du manche Chancen nicht zu Ende probiert hast?

Gar nicht. Wenn es einen wirklichen roten Faden gibt in meinem Leben, dann den, dass ich ein Geschichtenerzähler bin. Ich liebe es in meinen Berufen Geschichten zu kreieren und zu vermarkten. Das mache ich ja auch hier. Mit Veranstaltungen erzählt man Geschichten. Und meine Geschichte sind ja nicht frei erfunden, sondern alle erlebt und authentisch. Und ich muss sagen: Ich bin nicht geschmäcklerisch. Denn wenn ich nur nach meinem Geschmack sortieren würde, dürfte ich viele Dinge nicht machen. Gerade das ist aber das Spannende. Wir haben hier ein vielfältiges Programm, das aber nicht beliebig ist.

Schreibst du irgendwann ein Buch?

Dazu wurde ich schon so oft aufgefordert. Aber ganz ehrlich: Erstens, wer soll das alles lesen. Und zweitens, habe ich viel mit diesen berühmten Menschen erleben dürfen, weil sie Vertrauen zu mir haben und wissen, dass ich nicht gleich alles ausplaudere. Also ist es eine Sache des Vertrauens, dass ich nichts erzähle. Selbst wenn es Menschen sind, die heute nicht mehr leben. Ich will das nicht ausschlachten oder zu meinen Gunsten verbreiten. Weil eigentlich ist so ein Buch auch nur ein Ego-Trip, um darauf hinzuweisen, wie gut man ist.

Franz Schubert an seinem Arbeitsplatz im Cafe Korb. Foto: Privat

Allerdings erleben ja nur sehr wenige solche einzigartigen Storys wie du. Also wäre es schon spannend.

Naja, selbst wenn ich dir hier zustimme, dann bleibt die große Frage der Bewerbung. Und wie bewirbt man so ein Buch? Durch das Ausschlachten der persönlichen Geschichten anderer Menschen. Das wäre dann Namedropping pur und das ist ganz sicher nicht meines. Wozu auch: Ich muss mich nicht profilieren. Da halte ich es mit dem großartigen Gerhard Bronner, mit dem ich vor Jahren einmal zusammengestanden bin. Ich habe ihn gefragt, ob er seine Karriere geplant habe, ob das immer sein Ziel gewesen sei. Seine Antwort: „Nein. Ich habe mir nie ein Ziel gesteckt, weil ich die Angst hatte es zu erreichen. Wenn ich mir das jetzt so denke, was mache ich dann, wenn es passiert?“ Damals war er aber schon 76 und hatte viel erreicht. Und dazu fällt mir noch ein Zitat ein von „Saxophon-Gott“ Sonny Rollins ein. Anlässlich seines 80ers hat ein Journalist ihn gefragt, was ihn nach 70 Jahren auf der Bühne noch immer motiviert. Darauf sagte er: „I’m just looking for the right tone since 70 years.”

Mit Philipp Hochmair. Foto: Privat

D.h. hast du selbst nie Ziele gehabt?

Nein, weil das Leben unplanbar ist. Alles was man sich plant und aufbaut, kann mit jeder Entscheidung wieder dahin sein. Bei Hitchcock ist es die suspense. Ich nenne es: den Alltag. Das wäre es eigentlich von mir. Du hast jetzt eh Material für eine vierteilige Fernsehserie (lacht).

Fünf Teile, mindestens. Aber eine Frage habe ich noch: Hast du Idole oder Helden?

Beruflich nie. Aber ich war immer großer Fan von der Liza Minelli. Und Muhammed Ali. Den durfte ich einmal persönlich auf der Frankfurter Buchmesse kennen lernen. Meine unter Anführungszeichen jüngste Heldin, die mittlerweile eine gute Freundin geworden ist, ist die austro-amerikanische Psychoanalytikern Erika Freeman. Das sind für mich echte Helden und Heldinnen.