Er hilft zu helfen: guterzweck.at-Initiator Clemens Mayer im Interview

Clemens Mayer. Foto: Karin Schwarz

Alles im Leben hat seinen Zweck. Wäre Clemens Mayer heute, wie geplant, Tennisprofi, so wäre das für ihn schön. Noch schöner ist es aber, dass er es nicht geworden ist. Das ist gar nicht boshaft gemeint, sondern aus Sicht der Allgemeinheit gesprochen. Denn der 25-Jährige ist der Gründer und Initiator von guterzweck.at. Der gebürtige Wiener mit iranischen Wurzeln hat es sich zum Ziel gesetzt, anderen Menschen beim Helfen zu helfen. Auf seiner Plattform listet er alle Hilfsorganisationen – von der Caritas bis zu Vier Pfoten. Aber auch unbekanntere Organisationen sind vertreten.

Ich habe mich mit dem vor Energie und Hilfsbereitschaft strotzenden Macher getroffen und einige spannende Ansätze erfahren.

Clemens, du wolltest ursprünglich Tennisprofi werden – warum ist da nix daraus geworden?

Ganz einfach: Ich war nicht gut genug, um davon leben zu können. Ich bin für den Tennissport mit 16 sogar nach Deutschland gezogen, wo ich trainiert und gespielt habe. Bis zu meinem 20. Lebensjahr war ich dort. Danach habe ich gesehen: Es reicht einfach nicht.

War es schwer diesen Traum aufzugeben?

Rückblickend gesehen gar nicht so sehr. Ich habe mich außerdem parallel immer für die Onlinewelt interessiert. Schon im Sport ist mir aufgefallen: Die meisten Spieler können sich oft nicht richtig vermarkten. So habe ich begonnen, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Heute berate ich Unternehmen im Online Marketing, vor allem Social Media Marketing.

Aber hauptsächlich hast du ein großes Herz…

Stimmt schon (lacht). Mir war es immer wichtig Menschen zu helfen. Deswegen habe ich auch damals in der Flüchtlingsphase aktiv unterstützt. Da ich zweisprachig aufgewachsen bin, habe ich als Dolmetscher für Flüchtlinge gearbeitet. Im Sommer 2017 ist dann die Idee entstanden eine Plattform zu schaffen, die wohltätige Organisationen auflistet. Es gibt nämlich so viele tolle Projekte, aber niemand kann den Überblick behalten. Viele wollen helfen, aber die meisten wissen nicht, wo sie anfangen oder suchen sollen. Wir haben dann begonnen für alle Organisationen Profile auf unserer Plattform anzulegen und den Menschen es so einfach wie möglich zu machen zu spenden und zu helfen.

Du hast das alles selbst gemacht?

Genau, in den eineinhalb Jahren zu Beginn habe ich alles alleine gemacht. Mittlerweile haben wir auch eine Redakteurin auf Freelance Basis, eine Grafikerin und eine Agentur fürs Finetuning.

Ist da ein Businessmodell dahinter?

Bislang ist alles von mir privat finanziert. Wir wollen aber in diesem Jahr ausgewählten Unternehmen die Möglichkeit bieten, sich über die Plattform vorzustellen. Wenn jetzt ein Unternehmen sagt: Wir wollen die Umwelt schützen, dann helfen wir die richtigen Kontakte herzustellen und sich über uns vorzustellen. Mit diesen Einnahmen wollen wir die die Plattform finanzieren und ausbauen.

D.h. bei euch steht der soziale und nachhaltige Aspekt im Fokus? Und die Plattform stellt alle Projekt vor, die es gibt…oder welche habt ihr?

Jede Soziale Organisation. Voraussetzung ist Sitz in Österreich, und der Status als Verein, gemeinnützige GmbH oder Stiftung. Sie können sich bei uns vorstellen und natürlich auch darauf hinweisen, wie man sie unterstützen kann. Beim Roten Kreuz etwa durch eine Blutspende, bei andern durch Sachspenden.

Unsere Aufgabe ist es, diese Organisationen leichter auffindbar zu machen und die Barriere zum Helfen zu verringern. Wir wollen den Usern aber auch Tipps zum Thema Nachhaltigkeit geben und auch News aus diesem Bereich liefern.

Arbeitet ihr mit gewissen Organisationen konkret zusammen?

Wir sind eine neutrale Plattform. Wir featuren natürlich Beiträge oder Inhalte auch über Social Media, aber sonst sind unsere redaktionellen Inhalte auch unabhängig.

Also ihr seid Google für nachhaltige Projekte?

Eher das österreichische DocFinder für soziale Organisationen. Mit dem Unterschied, dass die sozialen Organisationen auf unserer Seite nie etwas zahlen werden.

Kann man die bei euch auch bewerten?

Aktuell ist das nicht angedacht. Aber wir stehen als Suchplattform zu Verfügung. Wir überlegen auch eine transparente Spendenaufstellung anzubieten. In erster Linie sind wir aber einer Übersichtsplattform für alle, die sich einbringen wollen – und andererseits für NGOs um sich vorzustellen. Es ist mir aber auch wichtig, dass wir keine Marketingplattform werden. Deshalb suchen wir uns die Kooperationspartner ganz genau aus und übertreiben es nicht.

Wie viele Zugriffe habt ihr schon?

Das hängt immer auch von der Medienpräsenz ab, aber derzeit haben wir pro Monat bis zu 10.000 Unique Clients. Und wir wachsen ständig. Alles ohne großes Werbebudget. Darauf bin ich schon auch stolz. Weil mir es eben nicht ums Vermarkten geht, sondern etwas zu bewegen.

Kannst du von der Plattform leben?

guterzweck.at ist mein Leidenschaftsprojekt. Aber hauptberuflich habe ich eine Online Marketingagentur, mit der ich ganz klassisch Unternehmen beim Social Media- und Onlinemarketing berate und betreue.

Quelle: Guterzweck.at / Fundraising Verband

Hast du auch Lieblingsprojekte auf guterzweck.at?

Ich finde alle gut. Ich kann hier gar keines herauspicken, das wäre unfair. Wir haben derzeit über 130 Organisationen vertreten, da kann ich nicht alle unterstützen – deswegen will ich die Plattform möglichst als österreichweit bekanntes Sprachrohr aufbauen. So kann ich am Besten helfen.

Aber jetzt was anderes, zum Sport zurück: Machst du noch irgendwas im Tennis?

Derzeit spiele ich ehrlich gesagt gar nicht mehr. Aber ganz ohne Fitness und Sport geht es für mich nicht. Die Prioritäten haben sich aber verschoben. Natürlich ist mir Sport noch immer wichtig, aber rein als Hobby.

Als Sportler lernt man doch ehrgeizig zu sein, oder nicht? Wie sehr hilft dir das jetzt?

Voll. Ich merke das enorm. Gerade in der Anfangsphase hat es immer wieder Phasen gegeben, in denen ich 10 Stunden durchgearbeitet habe. Aber das kannte ich eben aus dem Sport. Allerdings: Man darf dennoch nie vergessen auf sich selbst zu schauen. Leidensfähigkeit ist schon da, aber übertreiben darf man es nicht.

Woher nimmst du deine Motivation?

Das ist jetzt sehr privat: Ende letzten Jahres ist leider mein Vater gestorben. Und meine Motivation ist seitdem: Was möchte ich, dass die Menschen eines Tages auf meiner Beerdigung von mir sagen? Also welches Erbe will ich hier auf der Welt hinterlassen? Und mir ist es wichtig, dass ich als jemand in Erinnerung bleibe, der etwas für andere getan hat. Wichtig ist, was von einem bleibt. Zumindest, dass man selbst damit zufrieden ist, was man hinterlässt.

Durch die Plattform gibst du ohnehin schon sehr viel weiter. Das ist doch ein großartiger Ansatz. Deswegen würde ich mal sagen: du hast da jetzt schon viel geschafft. Was willst du hier weiter tun?

2020 ist eine ganz neue Orientierung angesagt. Natürlich privat. Und was die Plattform betrifft ist es mein Ziel die erste Anlaufstelle für Menschen zu werden, die helfen wollen. Wenn jemand sagt: Ich will helfen, aber wo fange ich an? Dann will ich mit guterzweck.at die Nummer 1 werden.

Hast du einen Tipp für andere, wie man vorgehen soll, wenn man erfolgreich sein will?

Lesen und recherchieren – und sich nicht aus der Fassung bringen lassen. Bevor ich zum Beispiel mit meiner Plattform angefangen habe, hatte ich wenig Ahnung von Webdesign. Das hat mich nicht davon abgehalten. Auch nicht, dass es ähnliche Plattformen schon gab. Es gibt im Grunde alles schon in irgendeiner Form auf der Welt. Wenn man aber davon überzeugt ist, dann muss man es tun, gegen alle Widerstände. Man muss sich möglichst viel Inputs holen, die einen weiterbringen. Geh zu Events, lies Bücher, hör Podcasts. Alles was du konsumierst bringt dich ein kleines Stück weiter.

Also ist der Austausch für dich ganz wichtig?

Ja, absolut. Aber mindestens genauso wichtig ist eine Struktur. Ich brauche schon einen Plan und eine Übersicht, über alles was ich vorhabe. Dann geht auch mehr weiter.

Hast du persönliche Helden oder Vorbilder?

Ich habe keine bestimmte Person, die ich als Held bezeichnen würde. Ich habe aus allen Bereichen, die mich interessieren, spannende Personen, denen ich folge. Von denen nehme ich das mit, was für mich gerade spannend ist.

Das heißt: Es ist Platz für mehrere Experten parallel? Gerade in einer Zeit, wo jeder schon Experte sein will – da sagst du, die haben Berechtigung?

Natürlich. Man muss nur vorab schauen: Ist die Person, der man folgt auch glaubwürdig. Das kann man heutzutage schon sehr einfach nachprüfen. Und es ist doch einfach: Ich geh nicht zu einem Fitnesstrainer, der 300 Kilo hat. Ich gehe nicht zu einem Zahnarzt, der keine Zähne hat. Das klingt banal, aber so kann man das ganz schnell feststellen. Das Problem ist nämlich, dass besonders viele Anfänger solchen Aufschneidern auf den Leim gehen.

Interessanter Punkt. Hierzu die Frage: Wie siehst du dann die Selbstdarstellung in sozialen Medien?

Ich würde wirklich jedem raten, sich das Selbstwertgefühl zu stärken. Da muss man hart daran arbeiten. Denn auch die besten Influencer haben ein mieseres Leben, als viele andere. Dieses Social Media-Leben ist wirklich nur Schein und Glamour. Obwohl ich selbst in dem Bereich arbeite, hat mich dieser Posting-Wahn nicht befallen. Man sollte die ganze Thematik überhaupt sehr realistisch betrachten. Das beginnt bei gekauften Fans: Mit Tools wie Sociablade kann man ja anschauen, wie die Follower-Struktur aufgebaut ist. Man darf sich einfach nicht blenden lassen, von den vielen Fakes. Einen teuren Wagen, eine Villa…das kann man sich alles auch mieten, das muss alles noch nicht Beweis für Erfolg sein.

Und zu welcher Art von Content würdest du dann heutzutage raten? Weniger ist mehr?

Ja absolut. Man sollte Social Media sowieso nur beruflich verwenden. Privat sind soziale Medien Zeitfresser. Was man preis geben will, das ist eine sehr individuelle Angelegenheit, das muss jeder selbst für sich wissen. Was den Tipp betrifft: Man sollte sich einfach ansehen, was einen selbst anspricht. Also nur posten, wenn es was Spannendes zu sagen gibt. Wenn nicht, dann nicht. Ich bin der Meinung: Qualität vor Quantität.

Aber was sollen wir gegen die Algorithmen unternehmen, die ja eigentlich das gegenteilige Verhalten belohnen?

Ich finde es wichtig, Kinder bereits entsprechend vorzubereiten und auszubilden. Ich bin dagegen Kinder zu früh damit zu belästigen. Sie müssen zuerst die Komplexität dahinter verstehen, dass es hier auch um Beeinflussung geht. Das können Kinder einfach noch nicht unterscheiden. Wenn man aber von Kindesalter an lernt, wie man wertvolle und wahre Beiträge erkennt, kann das später nur von Vorteil sein. Man muss zu aller erst Menschen wieder erklären, dass digitale Kommunikation mittlerweile eine enorm hohen Stellenwert hat…

…der in den Führungsetagen erst erkannt werden muss.

Genau. Es gibt genügen Unternehmen, die es sich nicht mehr länger leisten können die neue Kommunikationswelt zu ignorieren. Denn Social Media-Kommunikation kann man nicht per Formel berechnen. Du setzt X ein und erhältst Y funktioniert hier nicht.

Da gebe ich dir Recht. Social Media ist ja schon per Definition von Interaktion geprägt. D.h nicht viel anders als im echten Leben.

Ja, es ist natürlich auch eine enorme Chance. Man bekommt sofort Feedback und kann damit arbeiten. Bei allen alten Medienformen wusste man lange Zeit ja nicht, wie die Inhalte aufgenommen worden sind. Heute wissen wir das innerhalb kürzester Zeit und können daraus lernen.