20 Jahre Star-Fotograf, 20 Jahre Soldat: Die drei Leben des Christian Holzknecht

Wenn man Christian Holzknechts Vita hört, sieht oder liest, glaubt man an eine Romanfigur. So viel Erfahrung, so viele widersprüchliche aber spannende Erlebnisse sieht man sonst nur in Filmen.

Doch der 52-jährige Starfotograf hat alles erlebt, was er erzählt – und viel mehr noch: Er hat jede seiner Erfahrungen reflektiert. Heute ist das sein großer Vorteil als Motivator, Coach und Speaker. Aber der Reihe nach.

„Ich habe sehr viel Wertvolles zu geben“

Der gebürtige Vorarlberger ist 1992 nach Los Angeles ausgewandert, um sein Leben der Fotografie zu widmen. „Und plötzlich konnte ich nicht mehr zurück, ins alte Leben. In Los Angeles habe ich das Leben des Glamour-Fotografen gelebt, komme ursprünglich aus der Nacktfotografie, wie etwa Helmut Newton Ich habe mit der Zeit viele Promis fotografiert. Das sage ich aber nicht um Eindruck zu schinden, sondern weil es immer die größten Herausforderungen waren. Es ist schwierig jemanden zu fotografieren, der oder die von sich selbst behauptet: „Ich bin nicht schön“. Gleichzeitig finden das aber sehr viele, gerade weil man sie dann immer irgendwie so darstellt. Mit den Jahren habe ich gemerkt, dass sich die meisten Menschen gar nicht schön finden“, sagt Christian und ergänzt: „Andererseits wird man in unserer Gesellschaft auch komisch angeschaut, wenn man von sich behauptet, man ist ein richtig geiler Typ.“ Diese Diskrepanz sollte ihn nicht mehr loslassen.

Christian Holzknecht

Während er fotografierte, merkte Christian, dass das nicht alles sein konnte, was das Leben zu bieten hatte. Ihm fehlte etwas. Die Glitzer- und Glamourwelt war ihm rasch zu seicht. Sein Vorteil: Er war zum Zeitpunkt als er Österreich in Richtung USA verlassen hatte bereits ausgebildeter Soldat. Das kalifornische Großstadtpflaster war auch Anfang der 1990er Jahre ein hartes. Und so verdingte er sich parallel zu seiner Fotokarriere als Personenschützer. Irgendwann zog es den ausgebildeten Soldaten in seinen ersten Auslandseinsatz – und das war der Beginn eines etwas anderen Pendlerlebens.

6 Monate Star-Fotograf, 6 Kriegsgebiet

Was bewegt jemanden, aus der behüteten Glamourwelt in den Krieg zu ziehen? „Als Fotograf wurde ich schnell frustriert. Meine Aufgabe war es den Menschen das Gefühl von Schönheit zu vermitteln. Ich musste sie schön-fühlend darstellen. Ehrlich gesagt habe ich es bei wenigen geschafft, denn die meisten fanden sich einfach nicht ok. Die Menschen, die überzeugt waren nicht schön zu sein, bei denen hatte ich keine Chance. Ursprünglich war ich Fotograf geworden, weil ich den Menschen etwas Wertvolles geben wollte. Aber mit der Kamera war mir das damals nicht möglich. Weil ich schon ausgebildeter Soldat war, habe ich begonnen als Personenschützer in Kriegsgebiete zu ziehen.“

Über 20 Jahre lang wechselte Christian fortan zwischen den auf den ersten Blick widersprüchlichen Welten. In dieser Zeit hatte er sie alle vor der Kamera, die Models, Stars und Sternchen der Hollywood-Welt. Währenddessen hatte er auch das furchtbare Gesicht des Krieges mehrmals erlebt und was es heißt, einfach nur überleben zu wollen (und zu müssen).

Ein innerer Konflikt begleitete ihn ständig: „Ich hab mich oft gefragt: Bin ich denn ganz sauber, wie wir in Vorarlberg sagen würden? Mein Antwort: Nein. Trotzdem hat es mich immer mehr in den Krieg gezogen, als zurück nach LA.“ Erst viele Jahre später sollte er die richtige Antwort auf sein Dilemma finden. „Ich habe immer den Anspruch an wahrhaftige, ehrliche Menschen gehabt. Meine Frage war immer: Warum bist du nicht du?“ In LA ein Problem: „Dort hatte ich die höchste Zahl an Fake-Menschen vor der Kamera.“ Im Krieg genau das Gegenteil: „Am Abend willst du nur leben. So hat mir der Krieg mehr von dieser Wahrhaftigkeit geboten. Nur war mir klar: Das geht auf Dauer nicht gut, irgendwann sterbe ich.“ 2014, als Christian seinen 45. Geburtstag feierte, kam dann der große Moment: „Als ich auf einem Containerschiff vor Somalia stand, um es vor Piratenangriffen zu schützen wurde mir ganz klar : höre ich nicht sofort auf, ist das mein Ende.“

Den entscheidenden Anstoß lieferte ihm eine indianische Schamanin: “Du bist kein Verstandsmensch, du bist ein Herzensmensch!” hatte sie ihm ins Gesicht geschleudert – und ihm die Augen geöffnet. Dieses Erlebnis nahm Christian zum Anlass, sein gesamtes Leben umzukrempeln. Er widmete sich neben der Fotografie auch dem Coaching, der Persönlichkeitsentwicklung und der Zen-Meditation.

Jumbo. Foto: Christian Holzknecht

Wir wollen alle nur geliebt werden

So widersprüchlich diese ersten beiden Welten auf den ersten Blick wirken: In Summe sind sie die zwei Pole unseres Lebens und der Grund, warum wir existieren. Auf der einen Seite jene, die sich selbst nicht lieben können, obwohl sie von Hunderttausenden angehimmelt werden – die Models. Auf der anderen Seite die, die sich mit Waffengewalt verteidigen müssen, obwohl sie eigentlich nur eines möchten: ein ruhiges, liebevolles Leben.

„Nach diesem Erlebnis habe ich mich intensiv weitergebildet und studiert, um eigentlich nur eine Frage zu klären: Wofür sind wir hierher gekommen? Weil wir geliebt werden wollen!“

Mittlerweile hat es Christian zu seiner Mission gemacht, die Wahrhaftigkeit in den Menschen zu fördern – also die Ehrlichkeit. Seine Idee ist es, den Menschen zu helfen ihr Glück wiederzufinden, was das auch immer für jeden einzelnen bedeuten mag.

Schönheit ist, sich zu lieben: „Wie genau machst du es?“

Gewiss, man hört diesen Satz oft. Christian gibt ihm eine neue Bedeutung. Er weiß aus seiner beruflichen Erfahrung wie schwer es vielen Menschen fällt, sich selbst zu lieben. Deshalb verfolgt er einen anderen Ansatz. Er predigt nicht. Er gibt keine Weisheiten weiter, er hat keine Lösungen. Er erarbeitet mit den Menschen ihren ganz persönlichen Ansatz von Liebe. Und dazu reicht ihm eine ganz spezielle Frage: „Wie genau machen es die Menschen? Wie genau machen sie es, wenn sie sich nicht schön fühlen?“ Eine Frage, die einen Knoten im Kopf macht. Man erkennt schnell: Es muss ein Muster geben, dass man aktiviert, wenn man von sich ein Bild kreiert – und man ist nicht alleine dafür verantwortlich. „Ich kenne nämlich kein Baby, das zum anderen rüberschaut und sagt: Wow, hat das fette Schenkel. Also wo fängt das ganze Theater an?“, sagt Christian.

Reinhold Messner. Foto: Christian Holzknecht

Das Problem: Wir vergleichen uns permanent.

„Ich muss mich mir selbst schlanker vorstellen, als ich bin. Sonst würde ich ja nicht sagen, mein Schenkel oder ich bin fett.“

Ein besonders einschneidendes Erlebnis hatte er vor einigen Jahren, als er mit einem internationalen Topmodel zusammenarbeitete. „Es war das teuerste Model, das ich fotografiert habe, mit 7.000 Euro Tagessatz. Da würde man erwarten, dass eine besondere Person reinkommt. Doch kaum im Studio, begann sie sofort aufzuzählen, was an ihr alles nicht schön ist.“ Kein Einzelfall, wie er sagt: „Ich möchte sagen, ich habe Tausende Models fotografiert und viele davon waren unzufrieden.“

Zu sagen, das sei ein Selbstwert-Problem greift nicht tief genug. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen. Ein Druck, der bereits von Kindesbeinen, besonders auf Frauen lastet. Der Augenöffner kam für Christian wenige Zeit später: „Eines Tages kam ein Vater zu mir ins Studio, der Angst hatte, dass seine Tochter in die Magersucht rutscht.“ Er bat Christian, mit seiner Tochter zu sprechen. Der fragte sie: „Wie machst du das, wenn du dich zu dick fühlst?“ Daraufhin antwortete die 14-Jährige: „Ich vergleiche mich mit diesen schönen Models, die du fotografierst.“ Christian erkannte, er musste hier gegenarbeiten.

In dieser Zeit, das nächste AHA-Erlebnis. Er sollte zwei Frauen fotografieren, die Brustkrebs hatten. „Das Spannende war: Die beiden kamen in mein Studio und wollten sich sofort oben ohne fotografieren lassen. Ohne Scheu und Scham. Weil sie den anderen zeigen wollten, dass das alles nicht so schlimm ist, wie man sich es vorstellt. Und da war mir klar: Da kann doch was nicht stimmen, wenn sich vermeintlich perfekte Menschen hässlich fühlen und vermeintlich nicht perfekte plötzlich super fühlen. Ich wollte den Grund erkennen.“ Das war die Initialzündung zu Christians neuem Buch.

„Perfect“ – Fühle deine innere Schönheit

Darin begleitet er 20 Menschen, die aus dem Blickwinkel der „eitlen“ Gesellschaft aus der Norm fallen. Es sind Menschen, die durch Unfälle entstellt worden sind. Etwa wie Vanessa Münstermann. Die Deutsche wurde vor einigen Jahren von ihrem Freund mit Säure überschüttet, als sie ihn verlassen hatte. Mittlerweile ist die Make-up-Artistin Mutter geworden und mir ihrer Jugendliebe zusammen. Für Christian war das Shooting mit ihr ein besonderes Erlebnis. „Normale Menschen würden zu ihr hässlich sagen. Und auch ich hatte am Anfang echte Probleme, weil der Anblick ziemlich fordernd ist. Was mich aber besonders berührt hat: Sie war in der Beautywelt immer sehr unglücklich, fühlte sich „nie genug“. Und dann sagt diese Frau, die durch das Attentat ihr rechtes Auge und Gesichtshälfte verloren hat: Das ist voll super. Ich war Visagistin und mein ganzes Leben war Beauty. Ich war nie schön genug und hab zwei Mal versucht mir das Leben zu nehmen. Heute geht es mir super. Ich bin aus dem Koma erwacht und habe gewusst, dass mein Leben anders ist. Ich fühle mich perfekt wie ich bin.“

Vanessa Münstermann. Foto: Christian Holzknecht

Zunächst konnte ihr Christian nicht ganz glauben: „Es war für mich nicht vorstellbar. Ich habe viel darüber nachgedacht und irgendwann verstanden, was sie eigentlich sagen will, nämlich, dass sie nun nie mehr schön sein muss. Und dann erst ist mir bewusst geworden, wie enorm groß der Druck auf Frauen ist, schön sein zu müssen. Das habe ich von ihr gelernt.“

Wir haben ein falsches Bild von uns im Kopf

Und hier schließt sich der Kreis bei der 14-Jährigen, die drohte in die Magersucht zu rutschen: „Das Problem ist, dass wir bereits kleinen Kindern erzählen, dass sie alle gleich sein müssen und sollen. Und nachdem wir uns selbst ja nur im Spiegel oder auf Fotos sehen, müssen wir diesem Bild glauben. Deswegen wird der neue, virtuelle Spiegel – also Selfies und gestellte Model-Fotos – zur Referenz für viele. Wir haben den ganzen Tag ein Bild von uns im Kopf, das eigentlich falsch ist. Denn es ist nur das Bild, wie wir uns sehen – nicht wie uns andere wirklich wahrnehmen.“

„Wir sind ziemlich resistent für Komplimente. Die sind uns gleich peinlich“, sagt Christian. Für ihn ist besonders unser sprachliches Gebaren ein Problem: Viel zu oft würden Menschen negative Floskeln und Wörter verwenden. Besonders, um sich selbst zu beschreiben. Das müsse sich ändern.

Hanno Pinter. Foto: Christian Holzknecht

Social Media-Sucht durch Mangel an Zuneigung

„Was ist es, das wir alle Menschen gleich haben und was ist es, das wir alle wollen und brauchen? Es ist Liebe!“, plädiert der Coach. Wir seien alle nur auf die Welt gekommen, um geliebt zu werden. Idealerweise ohne etwas dafür tun zu müssen. „Ich höre so viele über soziale Medien schimpfen. Aber ich frage mich: Wo ist der Mangel dieser jungen Menschen, wenn sie die menschliche Liebe nur noch in den sozialen Medien glauben zu bekommen?“ Aber Vorsicht: Christian will keinesfalls als Social Media-Gegner verstanden werden. Immerhin nützt er diese Channels auch gerne für seine Arbeit. Ihm ist wichtig einen normalen Umgang damit zu lehren und zu lernen. „Meine These: Wenn wir keinen Mangel an Liebe hätten, wären nicht so viele so gerne in den sozialen Medien unterwegs. Wir können natürlich alles verteufeln, das wird uns aber nichts bringen. Wir dürfen uns aber fragen, wie wir wieder etwas im richtigen Leben bieten können, das die Menschen aus der virtuellen Welt rausholt. Wenn wir den Mangel erstmal erkannt haben, können wir das Verhalten ändern. Also lasst und das Leben unserer Kinder interessanter machen, dann wird sich die Problematik rasch ändern.“

Christian Holzknecht bei seinem BreakTheRules.Today Vortrag am 12.2.2020 in Wien. Foto: Dominik Achatz