30 Jahre auf dem Schiff

Im Sommer werden es 30 Jahre- so lange wohnt Wolfgang Friedl bereits in ein und derselben WG in Wien. Er erzählt beim Gespräch in ebendieser von seinen 129 Mitbewohnern aus aller Welt, berichtet von seiner Zeit als Seemann, und erklärt uns, wie man einen Handtaschenräuber zur Strecke bringt.

Wolfgang ist einer, dessen Erzählungen und Geschichten einen zu stillschweigendem Lauschen und Genießen anregen. Das scheint er zu wissen, als er uns mit ruhiger und bedächtiger Stimme durch jene WG im 6. Bezirk in Wien führt, die eigentlich als Weltkulturerbe gehandelt werden sollte. Wolfgangs Zimmer ist geprägt von Werken der Weltliteratur in den Regalen, und Seefahrer-Bildern an der Wand, die vom bewegten und belesenen und abenteuerlichen Leben des 64-Jährigen zeugen. Sogar seine alte Seefahrer-Uniform zaubert er aus dem Schrank.

„Als ich hier eingezogen bin, war ich der Zweitjüngste. Jetzt bin ich schon sehr froh wenn ich einen alten als Mitbewohner kriege. Alt heißt so um die 35. Da ist dann der Unterschied nicht so groß. In der Ausschreibung steht dann: ‘Jemand, der nicht gar so übertrieben jung ist.’ Und er oder sie soll etwas Vernünftiges studieren, Physik zum Beispiel.

Was hast du studiert?

„Psychologie. Und Landwirtschaft.“

So lange hier zu bleiben habe ich zu keiner Zeit vorgehabt

Wir haben uns in der Küche niedergelassen. Das regelmäßige Tropfen des Wasserhahns mit hypnotisch-beruhigender Wirkung begleitet unser Gespräch.

“So lange hier zu bleiben habe ich zu keiner Zeit vorgehabt. Die Alternativen waren einfach immer schlecht.”

Die Tür neben der Küche geht auf, eine junge Dame strahlt uns entgegen:

“Hi.“
„Look, the journalists are here, talking to us.”
“I gotta go, I have a german course now.“

„Hier in der WG sind wir zu fünft. Wir nennen es zum Spaß unser Schiff, ich bin halt der Kapitän. Als gewesener Seemann finde ich diese Metapher passend.“

Johanna, die auf Skype anruft, weil sie gerade zuhause in Oberösterreich ist, erklärt uns, dass sie und Wolfgang das Entstehen einer Parallelgesellschaft in der WG vermeiden möchten, und deshalb auf Multikulturalität setzen. “Zwei Österreicher sind ja fast schon zu viel!”

Johanna ist die erste Offizierin. Wolfgang: “Es steht ja nirgends geschrieben, dass ein erster Offizier eine Wampen und ein Alkoholproblem haben muss. Das kann ja auch eine junge, schöne Frau sein.”

Johanna studiert Lebensmittel- und Biotechnologie. Sie lebt seit zweieinhalb Jahren in der WG. Auf die Frage, ob sie länger hier bleiben möchte, meint sie: “Ich habe nicht vor, jemals wieder wegzugehen. Wo soll ich denn hin? Ich kann doch nicht einfach so von Board gehen. Der Wolfgang ist der beste Kapitän den man sich vorstellen kann.”

Wolfgang rollt sich einen Tschick, zündet ihn an einem Feuerzeug an, das an einer Schnur befestigt ist, damit es nicht abhanden kommt.
“Bevor ihr hier wart habe ich mir gedacht: Die werden mich vielleicht fragen, wo die nun alle hingekommen sind.”

Er spricht von den 129 Personen auf der Liste, die vor uns auf dem Tisch liegt. Im Zuge eines früheren Artikels über die WG hat er sich gemeinsam mit einer ebenfalls hier wohnhaft gewesenen Junior-Korrespondentin von “Le Monde” Paris an alle 129 Mitbewohner erinnert, die in den fast 30 Jahren hier gewohnt haben. Die Liste enthält Vornamen, Nachnamen und Nationalität. Das Kürzel AUT ist nur hinter den wenigsten Namen zu finden.

Foto: Philipp Schuster

Foto: Philipp Schuster

Anstelle mancher Nachnamen stehen Fragezeichen, an Stelle 87 steht bloß “Wixi”.
“Ich weiß seinen Namen nicht mehr, aber der hat irre Telefonrechnungen durch Anrufe bei Telefonsex-Nummern produziert. 20 Prozent der Personen auf dieser Liste sind gute Freunde von mir geblieben. Ich reise oft und besuche dann viele von ihnen, weltweit.
Es haben die unterschiedlichsten Menschen hier gewohnt, viele nur für ein paar Monate. Oft hatten wir Musiker aus Montreal, weil 2 unserer Zimmer schalldicht und somit perfekt zum Üben sind.”

Aufgewachsen ist Wolfgang in Oberösterreich, studiert hat er in Salzburg.
“Ich habe Zeit meines Studiums desöfteren eine Sinnkrise im entwickelt, habe aber beide Studien fertig gemacht mit der Mentalität ‘Was auf den Tisch kommt wird aufgegessen.‘”

“Ich bin promovierter Gerontologe.
Mein zusätzlich erlernter Beruf ist Hochsee-Schiffsmaschinist. Und in weiterer Folge Kapitän der Binnenschifffahrt.

Wo erlernt man diesen Beruf?

“Am Schiff!“

„Das habe ich für zwei Jahre, parallel zum Studium gemacht. Ich habe ja nie was getan auf der Uni. Zu Beginn des Semesters habe ich immer meine Koffer gepackt, und bin aufs Schiff gegangen.
Dort hatte ich ja alle Zeit der Welt um zu lernen. Dann bin ich zurückgekommen und habe meine Prüfungen gemacht. Ich war bei Fahrten um Afrika, Südamerika, Kanada und im Südwestpazifik dabei. Das letzte Mal war vor ich 6 Jahren auf einem Containerschiff unterwegs.“

Wolfgang versucht uns einen Kaffee zu kochen, doch will ihm das nicht ganz gelingen. 
“Ich trink keinen Kaffee, deshalb wird das da nix.”

Foto: Philipp Schuster

Foto: Philipp Schuster

Schon während des Studiums habe ich eine Einrichtung zur Altenhilfe gegründet. Die gibt es heute noch, mit über 80 Leuten. Dann habe ich einen Studienassistenz-Posten auf der Uni bekommen. Ich war auch zu einem Drittel Landwirtschaftslehrer, und 8 Jahre lang auf der Uni  als Assistenzprofessor für Psychologie tätig.“

Mein Freund, wenn dir was nicht passt, denk’ daran: Ich lasse Gesetze aufheben!

Während ich noch überlege, wie er all das damals unter einen Hut brachte, fügt Wolfgang hinzu:

“Dann habe ich noch eine Einrichtung gegründet. Das war die erste ernsthafte Obdachlosen-Betreuungsstelle in Salzburg. Wir waren damals richtig groß, mit 10 Häusern und drei Bauernhöfen für die Obdachlosen.

Ich habe 6 Jahre lang dafür gekämpft, dass das Salzburger Polizeistrafgesetz 1979 aufgehoben wird. Als dies tatsächlich geschah bin ich fast größenwahnsinnig geworden. Ich fühlte mich wie Westernheld: “Mein Freund, wenn dir was nicht passt, denk’ daran: Ich lasse Gesetze aufheben!”

“In den Einrichtungen wurde immer viel auf mir abgeladen. Also beschloss ich, jedes Jahr zu Weihnachten abzuhauen und am 1. März wieder aufzutreten. Ich begab mich auf exotische Fernreisen. Als ich dann einmal in Japan 14 Tage lang fast nur geschlafen habe, merkte ich erst wie nahe ich dem Burnout stand.”

Eines Tages beschloss Wolfgang, Salzburg hinter sich zu lassen.
“Es ging, wie so oft bei uns Männern, um eine Frau, von der ich mich nicht trennen konnte. Darum musste eine drastischere Maßnahme her: Weg hier! Außerdem war ich in Salzburg eh schon viel zu lange. Also ab nach Wien. Die Leitung meiner Einrichtungen habe ich abgegeben.

In Wien habe ich mir zuerst einmal ein Schiff gekauft. Eine Fähre am Donaukanal. Dazu muss ich sagen, dass ich ja eigentlich die Schiffsleidenschaft als lächerlich und kindisch betrachte, aber trotzdem hat es mich erwischt. Wenn jemand einmal mit der Seefahrt zu tun hatte, gibt’s das oft:
Immer wenn wir Seemänner beisammen sitzen, können uns die charmantesten Frauen gegenüber sitzen und wir würdigen sie keines Blickes. Viel zu vertieft sind wir in unsere “Seefahrts-Gespräche”, ganz ohne eigentliche Handlung oder Informationswert für Aussenstehende.

Sagt der eine: ‘Da bin ich einmal gefahren, westlich von Guinea, und da war ein Sturm, obwohl dort nie ein Sturm ist.’

Der nächste sagt: ‘Ich war in Kanada, und auf einmal war dort gar kein Sturm!‘

Das sind vollkommen sinnlose Gespräche, jedoch mit hohem Emotionengehalt, ähnlich wie bei Bergleuten, Taxifahrern oder Motorradfetischisten. Alles der gleiche Schlag.”

Foto: Philipp Schuster

Foto: Philipp Schuster

Sag…wo waren wir?”

Schifffahrt.

“Ach ja, ich bin drei Jahre auf der Donau gefahren. Das wird relativ schnell fad. Ist aber sehr romantisch. Dann ging ich wieder auf Hochsee-Fahrt auf einem Containerschiff rund um Australien, Neuseeland, die Salomonen-Inseln, Papua Neuguinea und Vanuatu. Ich war für die Instandhaltung der Maschinen zuständig. Womit man am Schiff am meisten zu kämpfen hat, ist die Temperatur, der Lärm und natürlich die Einsamkeit. Früher waren noch 35 Leute an Board, da hat man immer Freunde gefunden. Jetzt besteht die Besatzung aus 13 Personen, und jeder hockt am Abend alleine vor seinem Laptop.“

Spontanität und Abwechslung sind mir sehr wichtig.

Gerade wenn man denkt, man hätte die Person Wolfgang Friedl halbwegs erfasst, kommt ein Einwurf wie:

“Übrigens, seit 1987 bin ich übrigens Gerichtsgutachter für Psychologie. Also wenn ihr was angestellt habt Burschen, sagt’s Bescheid!”

Das Ungeplante bestimmt Wolfgangs Leben.

“Spontanität und Abwechslung sind mir sehr wichtig. Wenn ich alleine in meinem Haus (sein Zweitwohnsitz, Anm.) sitze, funktioniert das am ersten Tag, aber am zweiten werd’ ich depressiv. Ich bin zurzeit eher ein Familienmensch, jedoch ohne Familie. Das war ich aber nicht immer. Mein erwachsener Sohn hat sogar eine zeitlang hier in der WG gewohnt.

Im Herbst müssen wir übrigens wieder jemand neuen suchen. Das letzte Mal als mein damaliger türkischer Mitbewohner und ich einen neuen Bewohner auswählen mussten, haben wir uns gesagt: Okay, aus Paritätsgründen suchen wir uns eine Frau. Die Frau soll natürlich eine gute Ausstrahlung haben.
Was soll sie studieren?
Maschinenbau!
Dann wollten wir mit dem Rauchen wiedermal aufhören. Also haben wir gesagt, die muss eine lässige Stimmung aufs Schiff bringen und uns, wenn wir wieder rauchen wollen, uns sofort eine knallen. Natürlich sollte sie aus einem ordenlichen Land kommen, wild oder groß, Papua Neuguinea, das wär’s!
Also ein lässiges Mädl aus P.N.G, die Maschinenbau studiert.

Wisst ihr was rausgekommen ist? Der Martin aus Niederösterreich!

Wolfgang dreht den Wasserhahn zu, das Tropfen stoppt. Schade drum.
“Ihr sucht ja die Helden von heute. Da stellt sich die Frage: Was ist ein Held? Schau mal, da habe ich einen Messerstich und Muskelriss.”

Tatsächlich zeugt eine Narbe an Wolfgangs Oberarm von einer Rettungsaktion auf einer seiner Reisen:

“Es war auf einem Marktplatz im Sudan, ich habe gesehen wie ein Mann einer Frau ein Messer in den Rücken rammt. Und ich Trottel agiere als Held, laufe auf ihn zu, schreie ihn an, will ihm sein Messer wegnehmen. Zack- hat er mich auch erwischt.

Als Forensiker interessiert mich natürlich: Was passiert in solch einer Situation? Der Adrenalinspiegel schnellt in einer Sekunde in astronomische Höhen, man wird unheimlich wach und schnell. Ich habe, während ich auf den Typen zugelaufen bin, noch das Preisschild auf seinem soeben bei einem Stand gestohlenen Messer wahrgenommen. Außerdem kamen Gedanken wie: Verdammt, ich habe zu wenig Beschleunigung, ich hätte mehr Anlauf nehmen müssen, und so weiter.

So etwas passiert mir öfter, ich habe auch schon drei Handtaschenräuber gefangen. Da läuft das selbe Programm bei mir ab. Die Räuber stehen ja ständig unter Stress. Die suchen stundenlang nach einer Möglichkeit zur Tat, da rennt die Pumpe schon mit 120. Wenn einer dann schließlich etwas stiehlt, ist er schon völlig fertig. Ich aber starte von Null und bin ausgeruht.
Wenn man die Verfolgung aufnimmt ist es wichtig, laut zu schreien, das demoralisiert total. Dann macht man es wie mit einem Fisch an der Angel. Man holt bis auf einen Meter auf und lässt dem Räuber dann wieder ein wenig mehr Abstand. Beim dritten Mal einholen ist er dann zu erschöpft um weiter zu entkommen.“

Wolfgangs Bitte an die Leserschaft: Nichts von all dem Erzählten nachmachen!

Mein Altruismus ist kein großer Verdienst.

„So ein Verhalten jedoch als heldenhaft zu bezeichnen ist für mich unrichtig. Es passiert reflexartig, es fehlt die Zeit für eine Entscheidung und ist auch gefährlich. So etwas läuft fast unbewusst ab. Mein Altruismus ist kein großer Verdienst.
Als Held fühle ich mich eher in der Sache mit der Aufhebung des menschenrechtswidrigen “Sandlergesetzes” in Salzburg, weil ich dafür 6 Jahre lang hart kämpfen musste, und ich mich bewusst für diesen Kampf entschieden habe.

Ein Held ist also für mich jemand, der mit Zähheit, Berechnung und Konsequenz ein ethisch  hochstehendes Ziel verfolgt.

Als wir uns, wenn auch höchst ungern, aus seinem Schiff verabschieden, bringt uns Wolfgang noch hinaus auf die Planke. Erst jetzt fällt mir im Vorraum der per Flaschenzug an der Decke baumelnde Wäscheständer auf.

Sag Wolfgang, wie lange willst du eigentlich noch hier bleiben?

„Ach Ihr wisst ja: Ich bin der Kapitän. Und der Kapitän verlässt das Schiff als Letzter.“