Selbstverständlich gut

Würde dieses Porträt ohne Namen und Altersangaben, nur mit Angaben zu Werten und Errungenschaften der Person Teresa Schwarz veröffentlicht, man würde sich schwer tun, ihr Alter zu erraten. Ihre Werte: Nachhaltigkeit, Sparsamkeit, Entschleunigung. Ihre Errungenschaften: Ein Jahr in den USA gelebt. Den Jakobsweg gegangen. Eine NGO gegründet. Teresa Schwarz ist 21. Zu unserem Gespräch kommt sie mit einer peruanischen Mütze auf dem Kopf und einem dicken Grinser im Gesicht. Und hat einiges zu erzählen.

Für gewöhnlich wird einem durch die Familie ein gewisser Druck auferlegt. Ein Druck, eine fundierte Ausbildung abzulegen und einen möglichst sicheren Job zu finden. Teresa erfährt durch ihre Familie eine andere Art von Druck: Ihre Großeltern waren Pioniere des sozialen Engagements in Österreich, haben „für jeden guten Zweck gespendet.“ Ihre Mutter war bereits in den 70ern als Entwicklungshelferin in Sambia tätig. Auch ihr Onkel beweist sein soziales Engagement auf außergewöhnliche Art und Weise: Mit dem Motorrad fährt er von Schwanenstadt nach Tansania, und hilft dort mit einem befreundeten Arzt ein Spital aufzubauen. Der Name dieses Onkels: Heini Staudinger.

Was hätten Teresa‘s Eltern wohl gesagt, hätte sie sich nicht sozial engagiert?
„Die hätten mich enterbt.“, spaßt sie. „Nicht zuletzt durch das soziale Auslandsengagement drei meiner vier älteren Geschwister in Bolivien, Costa Rica und Ghana war klar: Auch ich gehe ins Ausland.“ Bis nach der Schule wollte die Arzttochter damit nicht warten, das sechste Schuljahr verbringt sie in den USA. Aber auch nach der Schule zieht es sie wieder weg: Zwei Tage nach ihrem 18. Geburtstag macht sich Teresa, die Matura im Gepäck, auf nach Spanien, um den Jakobsweg zu gehen. Als sie 6 Wochen später wieder im Flieger sitzt, ist sie insgesamt über 1.000 Kilometer und jeden Tag über einen Marathon gelaufen. Das „Sich verlieren an Orten, wo sonst keine Touristen hinkommen“ und das „Treffen von lässigen, verrückten und vor allem bewusst reisenden Menschen“ gibt Teresa‘s Leben die entscheidende Richtung.

Aber egal was ich in meinem Leben plane, es kommt sowieso alles anders.

Der Flieger, in dem sie sitzt, bringt sie übrigens nicht nach Hause, sondern nach Peru. Teresa will sich für 6 Monate als Volontärin engagieren. „Aber egal was ich in meinem Leben plane, es kommt sowieso alles anders. Ursprünglich wollte ich ein halbes Jahr nach Peru, am Ende bin ich zwei Jahre geblieben.“

Foto: privat

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Was hat Teresa in Peru gefunden, das sie dazu bewegt hat, zwei Jahre dort zu verbringen?
Das Gespräch kommt an einen Punkt, an dem sich Teresa‘s fröhliche Augen noch ein Stück erweitern, ihr Lächeln noch ein wenig breiter wird. Ein starkes Indiz dafür, dass es um ihre Leidenschaft geht. Diese hat in ihrem Fall einen konkreten Namen: „Helping Overcome Obstacles Peru“, kurz „HOOP“. Gemeinsam mit 4 Volontären aus England, Taiwan, Peru und den USA gründet Teresa eine NGO, die am Stadtrand von Arequipa agiert. Die zweitgrößte Stadt Peru‘s steht vor einem Problem, das dem der Favelas in Rio de Janeiro ähnelt: Vom nahegelegenen Titicaca-See, den Anden und aus dem Urwald siedeln sich immer mehr Menschen in der Hoffnung auf Arbeit an den Stadtrand. So entstehen so genannte „pueblos jovenes“, junge Dörfer. Die Stadtverwaltung hat für dieses Problem einen wenig kreativen Lösungsansatz: ignorieren. Die jungen Dörfer werden nicht anerkannt, somit müssen sich die Eltern mit unterbezahlten Jobs herumschlagen, die Kinder gehen in schlechte Schulen und sind am Nachmittag oft alleine. Hier setzt HOOP an: „Wir nehmen die Kinder in eine Nachmittags-Schulbetreuung auf, machen die Hausübung und lernen Englisch mit ihnen. Auch die Mütter kommen zu uns, wir geben ihnen Unterricht in Business- und Finanzwesen. Als ich begonnen habe, kamen 3 Mütter, jetzt sind es über 40. Insgesamt betreuen wir über 140 Mütter und Kinder. Früher war alles grau und trist in der Gemeinde, wenn ich jetzt sehe, wie Mütter gemeinsam Volleyball spielen und die Kinder mir lachend entgegen laufen, ist das für mich das größte Glück!“

HOOP - Helping Overcome Obstacles Peru

www.hoopperu.org

Wieder zurück in Österreich, bleibt die NGO Teresa‘s größte Leidenschaft. Gemeinsam mit Freunden gründet sie „HOOP Austria“, organisiert unter anderem ein Benefiz-Kabarett mit Josef Hader. In Peru hat Teresa also „vielleicht schon die Lebensaufgabe“, auf jeden Fall aber Freunde fürs Leben gefunden. „Deine Freunde auf der ganzen Welt verteilt zu haben ist beinhart! Ich arbeite 40-50 Stunden die Woche bei einem Praktikum, studiere nebenbei und habe schon Schwierigkeiten, meine österreichischen Freunde zu treffen. Und dann noch Kontakt mit den internationalen Freunden zu haben, ist verdammt schwer. Da setzt die Entfernung einfach Grenzen. Das ist wohl der negativste Teil an dem Leben, das ich zurzeit führe.“

Foto: privat

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Mit ihrer Rolle als WU-Studentin und der Art und Weise, wie Wirtschaft unterrichtet wird kommt Teresa nicht ganz klar: „Wirtschaft ist so ein wichtiger Faktor in unserer Gesellschaft. Wir alle hängen in den wirtschaftlichen Systemen in irgend einer Weise zusammen, ob wir wollen oder nicht. Dann schlittern wir in eine Wirtschaftskrise und obwohl wir sie nicht wirklich verstehen, analysieren oder lösen konnten, werden den angehenden Wirtschaftswissenschaftern die gleichen Thesen wieder beigebracht. Mehr produzieren, mehr exportieren, mehr konsumieren, so soll die Wirtschaft wieder angekurbelt werden. Im Grunde kann es aber so nicht weitergehen. Das macht mir schon Sorgen.“

Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir das alles antue.

Teresa stellt sich mit 21 gegen das System und auf die Seite der Schwächeren. „Manchmal frage ich mich schon, warum ich mir das alles antue. Meine Schwester hat vor Kurzem ein Kind bekommen und geheiratet. Sie leistet großartige Arbeit beim Roten Kreuz, hilft vielen Menschen und baut sich zurzeit ein wunderschönes Leben auf. Was ich von ihr lernen kann ist eine bessere Balance. Bei einer so kleinen NGO gibt es kein Limit, du bist ständig gefragt. Wenn es ein Problem gibt, musst du es gleich lösen, zu jeder Uhrzeit. Da muss ich lernen abzugrenzen, wie viel ich geben kann. Ich denke aber, ich würde mit mir selbst nicht klar kommen, würde ich nichts in diese Richtung machen.“

In so jungen Jahren solch eine Verantwortung zu tragen ist gewiss nicht einfach. Woher nimmt Teresa die Kraft? „Von meiner Familie, meinen Eltern und Geschwistern. Aber auch von meinem Onkel Heini. Vor Kurzem habe ich ihn angerufen und gesagt, dass ich ihn auf einer Liste der Österreicher, die am meisten in unserem Land bewegen, gefunden habe. Darauf meinte er lachend: ,Die kleinen Veränderungen sind mir zu wenig, ich will den Umsturz!
In Peru sind es die Kinder und ihre Mütter, die mir die Kraft geben. Wenn ich sie frage, was gerade in ihrem Leben Schönes passiert, dass da so oft unser Projekt erwähnt wird, das macht mich schon sehr glücklich.“

Dass ich versuche zu helfen, wenn einer was braucht ist nicht gut, sondern normal.

Zum Schluss will ich von Teresa wissen, wie sie einen Helden definiert. „Die Ute Bock hat das mal auf den Punkt gebracht, als sie gefragt wurde, wie sie es empfindet, als ,Gutmensch‘ dazustehen: ,Dass ich versuche zu helfen, wenn einer was braucht ist nicht gut, sondern normal.‘ Der Meinung bin ich auch: Jemandem zu helfen sollte eigentlich etwas Grundlegendes und eine Selbstverständlichkeit sein. Ute Bock ist für mich eine Heldin, weil sie einfach eine lässige Frau ist, die die Debatte der Asylpolitik in Österreich angeregt und selbst schon so vielen Asylwerbern geholfen hat. Sie ist einfach eine starke Frau. Als Fotograf Sven und ich uns einig sind: „du aber auch“, lächelt Teresa nur bescheiden und meint: „Mal schauen wie‘s weitergeht.“