Nie wieder Armut in Brasilien

Wie viel kann ein Einzelner gegen die Armut eines ganzen Landes bewegen? Trotz der pessimistischen Ausgangslage lässt sich die 25-jährige Brasilianerin Tamy Kobashikawa nicht entmutigen. Sie ist nach Japan gezogen, ins Land ihres Vaters, um dort ihren Master in Public Policy zu machen. Damit will sie im brasilianischen Ministerium für soziale Entwicklung und Hungerbekämpfung aktiv gegen brasilianische Armut vorgehen. Im Interview erzählt sie über die Missstände des brasilianischen Systems, und was sie selbst zur Veränderung bewegt.

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Tamy, warum hast du dich dazu entschlossen, deinen Master in Japan zu machen?

Mein Ziel ist es, beim brasilianischen Ministerium für soziale Entwicklung und Hungerbekämpfung zu arbeiten, und dort Programme zur Unterstützung von armen Menschen in meinem Land zu entwickeln. Dafür möchte ich die bestmögliche Ausbildung haben, und meine Unvoreingenommenheit gegenüber Unbekanntem weiter zu stärken. Natürlich gibt es auch gute Universitäten in Brasilien, aber ein Auslandsstudium gibt mir die Möglichkeit, Menschen aus verschiedenen Ländern kennenzulernen und mich dadurch weiter zu entwickeln. Außerdem wollte ich an einer bestimmten japanischen Uni studieren, der Soka Universität in Tokyo, weil sie meine Werte und meine Vorstellungen über Menschlichkeit als Buddhistin widerspiegelt. Und natürlich kommt meine Familie väterlicherseits aus Japan.

Für dich ist das also wie zu den Wurzeln zurückzukehren?

Ja, das ist es schon. Es ist aber auf jeden Fall eine große Herausforderung für mich, weil der Master komplett auf Japanisch unterrichtet wird und ich muss erst noch Japanisch lernen. Das ist auch der Grund, warum ich ein Jahr vor dem eigentlichen Beginn des Studiums angereist bin – um innerhalb eines Jahres mein gesamtes Studium meistern zu können.

Und was genau wirst du in Japan studieren?

Ich mache meinen Master in Public Policy, mit einem Fokus auf Armuts-Studien. Während des Studiums will ich mein Forschungsprojekt fortführen, das ich in Brasilien gestartet habe. Darin möchte ich Brasilien mit anderen Ländern mit ähnlichem Profil vergleichen und schauen, wie dort mit Armut umgegangen wird und wie sie bekämpft wird.

Foto: Ioanna Döringer

Foto: Ioanna Döringer

Was genau war dein Forschungsprojekt in Brasilien?

Ich habe ein komplettes Förderprogramm von 1988 bis heute analysiert. Das Programm hieß ‚Bolsa familia‘. Es wurde entwickelt, um Geld an förderbedürftige und arme Familien zu geben. In meiner Studie habe ich dabei den Gebrauch und den Nutzen des Programms verfolgt, weil es auch oft als durch Korruption manipulierbar kritisiert wurde.

Und was waren deine Resultate?

Auf dem Papier ist es ein gutes Programm, aber leider gibt es in Realität wirklich viele Einflüsse durch Korruption, wo Geld abgezweigt wird und Informationen unterschlagen werden. Wie auch immer, selbst mit den Problemen, die dieses Programm hat, hilft es den Menschen immer noch, mehr Möglichkeiten in ihrem Leben zu erhalten. Es sind die kleinen Sachen, die Menschen nicht so schnell sehen, welche aber eigentlich die wichtigen Sachen sind: einfache Dinge wie der Kauf von vernünftiger Kleidung für ein Vorstellungsgespräch, sodass Menschen ihren eigenen Lebensstandard verbessern können. Ich denke, dass die Idee dieses Programms wirklich toll ist, aber halt ein kleines Update braucht.

Kannst du ein bisschen mehr über die brasilianische Politik erzählen?

Brasilien ist verrückt nach Politik. Die momentan stärkste Partei ist die Arbeiterpartei, die PT. Nun ja, es war mal die Arbeiterpartei, aber die Partei hat mit der Zeit begonnen, sich selbst an Firmen zu verkaufen und Abkommen mit anderen Parteien zu schließen, um an der Macht zu bleiben. Außerdem gibt es insgesamt mehr als 20 Parteien in Brasilien, es ist ein großes Chaos! Das Problem dabei ist, dass die rechten Parteien beginnen, immer mehr und mehr Macht zu erlangen. Das ist auch der Grund, warum es heutzutage immer mehr Proteste in Brasilien gibt.

Gleichberechtigung ist in Brasilien kaum vorhanden

Also denkst du, dass der Ursprung der Armut im politischen System liegt?

Eigentlich ist Brasilien ein reiches Land. Es ist das fünftgrößte Land in der Welt. Wir haben viel bebaubare Fläche, wir können viele Produkte herstellen, und Firmen investieren in Brasilien. Trotzdem ist es nur zahlenmäßig ein reiches Land. Das Problem ist, dass eben dieses Geld nur auf zehn Prozent der gesamten Bevölkerung verteilt ist. Gleichberechtigung ist in Brasilien kaum vorhanden.

Und was denkst du verhindert Gleichberechtigung?

Es gibt einen Aspekt vom brasilianischen Temperament das wir malandragem nennen, eine gewisse Art der Vetternwirtschaft. Menschen, die an der Macht sind, missbrauchen dieses malandragem, und denken dabei nicht an andere, sondern nur an ihren eigenen Profit. Deshalb geht es in Brasilien so schlimm zu mit der Korruption. Es befindet sich in jeder Struktur, auch in der Regierung. Trotzdem ist nicht alles schlecht an malandragem: Es gibt den brasilianischen Menschen die Hoffnung, ihre eigene Situation aus eigener Kraft und mit Hilfe von Kontakten zu ändern. Und es ist immer noch ein Teil der brasilianischen Identität.

Du bist jetzt für den Master nach Japan gekommen, aber denkst du, dass es wichtig für dich war, deinen Bachelor in Brasilien zu machen?

Natürlich war es wichtig, meinen Bachelor in Brasilien zu machen. Es hat mir geholfen, noch besser zu verstehen, was in den Köpfen der brasilianischen Bevölkerung vorgeht, und ein Netzwerk mit Menschen aufzubauen, die ähnliche Intentionen haben wie ich. Trotzdem war ich nicht die ganze Zeit in Brasilien. Ich habe verschiedene Austauschprogramme gemacht, um einen Einblick in verschiedene Sozialsysteme in der ganzen Welt zu erhalten.

Wo hast du deine Austauschsemester gemacht?

Ich war für vier Monate in London und für sechs Monate in Spanien. Es war gut, andere Länder und ihre Kulturen zu sehen. Das hat mir geholfen, offener gegenüber Unbekanntem zu werden. Ich habe verschiedene Kulturen und Religionen kennengelernt und habe eines gelernt: egal welche Hautfarbe, Religion oder was auch immer, jede Person ist genau wie du und ich – mit denselben Gefühlen, Unsicherheiten und Träumen. Ich habe dadurch gelernt, Unterschiede unter Menschen zu akzeptieren. Genau das ist der Grund, warum ich es mag, andere Orte kennenzulernen. Ich möchte viel über andere Menschen lernen und im Umkehrschluss auch viel über mich selbst.

Hast du dabei auch mehr über Armut in anderen Ländern gelernt?

Nun ja, jedes Land hat seine eigene Art mit Armut umzugehen. Zum Beispiel ist die Armut in Brasilien offensichtlich. Favelas sind überall zu sehen. Hingegen habe ich hier in Japan noch keine Favelas gesehen. Natürlich gibt es hier Armut, aber sie scheint sich von der in Brasilien zu unterscheiden. In Japan wird man durch das System geschützt, in Brasilien wird das nicht gemacht. Betreffend dieser Sachen ist die Infrastruktur in Japan viel besser.

Würde es Brasilien helfen, das japanische System zu übernehmen?

Dafür ist Brasilien zu groß.

In den Favelas trifft materielle auf menschliche Armut.

Denkst du, dass es einen Unterschied zwischen brasilianischer und europäischer Armut gibt?

Also ich denke, dass es in Europa nicht ganz so normal ist, Familien auf der Straße leben zu sehen, die nur von 50 Dollar im Monat leben. Nahe meinem Haus in Brasilien gibt es eine Favela, und dort  sehe ich jeden Tag Kinder und Familien, die auf den Straßen leben. Das Schlimmste an ihrer Situation ist die Hoffnungslosigkeit. Es ist ein Leben ohne Träume. In den Favelas trifft materielle auf menschliche Armut.

Wie hast du es empfunden, in der Nähe einer Favela aufzuwachsen?

Ich bin in einer armen Stadt geboren, deshalb ist es eigentlich normal, jeden Tag Favelas und Armut zu sehen. Menschen aus Favelas sind aber keine bösen Menschen. Es sind Menschen, die einfach arm sind.

Hast du noch weitere Chancen gehabt, Einblicke in das brasilianische System zu bekommen während deines Studiums?

Ja, ich habe verschiedene Praktika machen können und bin nach Abschluss meines Bachelors arbeiten gegangen, um Geld für meinen Auslandsmaster zu sparen. Es war eine kleine Firma für Marktforschung, also leider nichts, was mit meinem zukünftigen Ziel zu tun hat. Meine Soziologie-Kommilitonen haben begonnen, an brasilianischen Schulen zu unterrichten. Aber dort zu arbeiten ist furchtbar, die Bezahlung ist schlechter als die eines Kellners und die Schüler respektieren ihre Lehrer nicht. Das brasilianische System hat Bildung einfach zu lange missachtet und nie darin investiert.

Wie hast du denn deine eigene Schulausbildung erfahren?

Ich habe eine private Schule besucht, da öffentliche Schulen in Brasilien furchtbar sind. Schüler lernen dort gar nichts. Private Schulen sind aber auch nur bedingt besser. Wenn ich mehr Bildung haben wollte, musste ich mir diese selbst organisieren. Aus dem Grund habe ich immer viel neben der Schule lernen müssen.

Wann hast du dich dann dazu entschieden KSoziologie zu studieren und damit gegen die Armut in Brasilien zu kämpfen?

Es hat angefangen, als ich ein Kind war. Ich habe ein Magazin der Nichiren-Buddhismus-Glaubensgemeinschaft, genannt ‚Soka Gakkai International‘, gelesen, von dem ich und meine Familie Mitglieder sind. Der Artikel ging über den Wert des menschlichen Wesens, über globale Bürger, und das die Realität nicht das Limit ist. Das hat mich damals sehr inspiriert. Es hat mich dazu bewogen, die ganze Welt verändern und verbessern zu wollen. Als ich dann begonnen habe, Soziologie zu studieren, habe ich mich regelrecht in dieses Studium verliebt. Ich habe viel über Politik, Kultur und Anthropologie gelernt. Das war, was ich wirklich wollte. Es hat mir geholfen, zu lernen, wie man Veränderungen initiiert.

Religion scheint dir sehr wichtig zu sein?

Religion bringt mir bei, wie menschliche Entwicklungen die Welt verändern können. Wenn ich Veränderungen bewirken will, muss ich bei mir selbst anfangen und selbst ein besserer Mensch werden. Ich kann andere Menschen nicht ändern; ich kann ihre Herzen nicht verändern, ich kann nur mich selbst verändern – und dabei andere Menschen vielleicht anstecken und inspirieren.

Foto: Ioanna Döringer

Foto: Ioanna Döringer

Und was genau sind deine Pläne für die Zeit nach deinem Studium?

Ich werde zurück nach Brasilien gehen und für die Regierung arbeiten, genauer gesagt beim Ministerium für soziale Entwicklung und Hungerbekämpfung. Wenn ich eine Veränderung in Brasilien bewirken will, muss ich das im Herz des Landes, der Regierung, versuchen.

Was wären deine ersten Aktionen, wenn du schon im Ministerium arbeiten würdest?

Ich möchte ein Knotenpunkt sein zwischen armen Menschen und der Regierung. Ich möchte eine Kontaktperson sein und Ursprünge der Armut herausfinden, um diese besser bekämpfen zu können und weitere Programme zu entwickeln, die den Menschen helfen können.

Denkst du, dass Brasilien mehr ‚Helden‘ braucht, die das System verbessern wollen?

Eigentlich gibt es schon viele Menschen, die über ganz Brasilien verteilt sind. Vor allem die jüngeren Generationen wollen Veränderungen bewirken. Die Hauptfrage ist, ob jeder am Arbeiten bleibt oder einfach aufgibt. Wir sehen täglich so viele Probleme, dass viele Menschen frustriert werden und aufgeben.

Werde den Problemen ins Auge blicken

Aber du wirst weitermachen?

Alle meine bisherigen Erfahrungen und meine Auslandsstudien machen mich stärker; wenn ich nach Beendigung meines Masterstudiums nach Brasilien zurückkehre, werde ich eine noch stärkere Person sein, die den Problemen ins Auge blickt und hart daran arbeitet, diese zu lösen.


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