Zu Besuch im Wohnzimmer des Grünen Veltliners

Der 40-jährige Winzer aus dem Weinviertel bezeichnet sein Weingut als Wohnzimmer des Grünen Veltliners. Er will nicht nur von der Natur nehmen, sondern auch etwas zurück geben. Stefan Schmid baut seit 2012 nach den Regeln der Biodiversität an und managt seit dem Jahr 2003 einen mittlerweile 6 Hektar großen Betrieb. Etwas, das eigentlich nie geplant war, zeichnet ihn jetzt aus. Sich mit dem Mindesten zufrieden geben? Das gibt es bei Stefan nicht. Wenn er weiß, dass es besser geht, wird es auch besser gemacht. Der Winzer mit der sozialen Ader, will mehr Praxis und Raum für komplexe Projekte in ein wissenschaftliches System bringen.

Stefan, was genau kann man unter Biodiversität verstehen?

Ganz einfach erklärt geht es darum möglichst viel Natur in den Weingarten reinzuholen. Möglichst viele Protagonisten. Weil durch Artenvielfalt, egal ob Insekten, Pflanzen oder Vögel, hält sich das System selbst in Zaum.

Und wie bist du auf die Idee gekommen den Betrieb so umzustellen?

Biodiversität war nie geplant. Seit 2011 machen wir ein Seminar mit Frank John, wir bezeichnen ihn als „Flying Winemaker“, er ist ein Berater, der in ganz Europa herumfährt und große Weingüter berät. Innerhalb von einem Jahr ist das sehr komplex geworden. Durch die Vernetzung der ganzen Themen, Pflanzen, Gesundheit, Boden, Ernährung, Leben im Boden, Leben rundherum, kommt man immer wieder auf ein neues Thema. Ende 2013 habe ich dann gesagt, dass wir das komplette System umsetzen.

Auf eurer Website weist ihr extra nochmal darauf hin, dass ihr kein Bio-Betrieb seid. Was ist denn der Unterschied zu Bio?

Bei BIO-Zertifikaten gibt es verschiedene Ansätze. Die Biodynamiker arbeiten z.B. nach Leopold Steiner.

Ich sehe das eher pragmatisch, das Ziel ist für mich nicht der Konsument. Also nicht in diesem Sinne, dass man den Leuten irgendetwas erzählen kann. Meine Ziele sind ein möglichst gesunder Boden und die Schonung der Natur. Ich möchte auch möglichst viele Pflanzen im Weingarten haben und da ist mir so zu sagen „jedes Mittel recht“. Ich verwende, was die Biodynamiker nicht dürfen, mineralische Dünger. Nicht Stickstoff und Phosphor, sondern z.B. Zink, Eisen und Bor. Es geht darum, die Mängel, die wir im Boden haben wieder auszugleichen.

Bauernhof Schmid

Website des Weinguts
Gibt es da auch Nachteile?

Ja ich habe für 6 Hektar zwei Mitarbeiter im Außenbereich. Es gibt viele Weingüter, die 10 Hektar alleine machen. Die Personalkosten sind eigentlich das größte Problem, das wir haben. Aber das war auch ein bewusster Schritt, ich meine da ist mir die Wirtschaftskrise entgegen gekommen. Ich habe damals noch Geld gehabt (lacht) und habe das Geld in den Betrieb gesteckt. Da war es auch besser angelegt. Aber das ist so eine Eigenschaft von mir: Wenn ich weiß, dass es besser geht, dann kann ich nicht anders.

Bist du am Anfang auch von den Winzer-Kollegen belächelt worden?

Ja. Zumindest bis wir 2013 die weltweit größte Weinverkostung beim Grünen Veltliner gewonnen haben. Das war im Oktober, im Dezember haben wir dann den Weinbauförderpreis für das beste Nachhaltigkeitsprojekt bekommen und ich muss sagen, seitdem habe ich nie wieder Kritik gehört.

Was gab es da für Konflikte?

Sehr viele Kollegen, die mich kennen und wissen was ich mache sagen „Das ist super, aber das kostet so viel! Ob man das wieder reinbringt? Und wer weiß, macht das die nächste Generation weiter?“ Es gibt immer mehr Gründe, warum etwas nicht geht. Es entstehen halt sehr viele Generationenkonflikte. Die Jungen sagen: ich will das auch machen und der Vater fragt, ob sie wahnsinnig sind und, dass das sowieso ein Blödsin sei und nur Geld kostet, aber nichts bringt. Aber langfristig gesehen weiß ich, dass das besser ist. Natürlich, kurzfristig ist es ein riesiger Aufwand.

Also es besteht Interesse?

Es besteht sehr großes Interesse. Ich habe mittlerweile fast wöchentlich Winzer da und ein oberösterreichischer Heidelbeerbauer war auch schon bei mir. Schön langsam muss ich mich fokussieren, weil es für mich ein enormer Zeitaufwand ist. In drei Stunden ist das nicht zu erklären. Dafür ist die Natur zu komplex. Man muss sich dieses Wissen über Jahre erarbeiten.

Foto: Lorin Canaj

Foto: Michael Prügl

Wo gibt es da in deinen Augen Verbesserungsvorschläge?

Das Problem ist, dass man vieles in der Schule lernt, aber da ist man 15-18 Jahre alt. Da kann man das in so kurzer Zeit nicht vernünftig verarbeiten. Es gibt natürlich eine Bauernschule, aber in die gehen lauter Nicht-Landwirte und wir bräuchten eigentlich eine berufsbegleitende Schule für Praktika. Einmal im Monat ein Intensivkurs, drei Stunden am Abend. Um aktuelle Themen noch einmal aufzuarbeiten – von Grund auf. Das zum Beispiel wird in dem Seminar gemacht, das ich besuche. Aber natürlich, das ist auch sehr teuer (lacht).

Liegt es also am System?

Das System ist einfach auf wissenschaftliche Projekte, die sich mit einem ganz kleinen Bereich befassen, ausgerichtet und nicht auf Trial and Error Prozesse, wo man einfach probiert und schaut, was passiert (lacht)

Am Anfang macht man sehr viele Fehler. Doch wenn man fertig ist, weiß man wie es geht. Es gibt zwar Forschungsgelder, aber da muss man Pläne machen. Doch ich weiß noch gar nicht, wie ich alles machen will, weil ich das eigentlich erst entwickle. Es gibt viel theoretisches Wissen, aber ich kann nicht 20 Jahre warten, bis ich erste Bewegungen im Boden sehe, ich brauche das schneller. Erst wenn ich fertig bin kann ich sagen welche Maschinen, welches Saatgut und welche Personalkosten ich brauche. Dann bekomme ich aber keine Förderung mehr.

Es ist noch im Entwickeln?

Wir werden noch lange entwickeln. Das ist jetzt auch wieder ein Schritt, wo ich guter Dinge bin. Während der Arbeit bin ich auf neue Pflanzen gestoßen, die ich wieder dazusetzen will. Da sind wir mit einem Saatguthersteller im Gespräch, um fertige Mischungen zu bekommen. Aber wenn ich 100 Kilogramm Pfefferminz-Samen bestelle, ist das ziemlich teuer, weil die Samen noch nicht in großen Mengen produziert werden. Die produzieren pro Jahr vielleicht 1 Kilo. Erst wenn der Markt aufgebaut ist und größere Mengen vorhanden sind, sinken die Preise. Ich hätte gerne, dass man die Feinsämereien, die man mit der Hand ernten muss, gleich mit einem sozialen Projekt verbindet. Da gibt es das Projekt  „Gib der Armut das Gurkerl“, wo ein paar Dörfer Gurkerl produzieren, die im Anschluss von einem Verein nach Österreich gebracht werden. So gibt man ihnen eine wirtschaftliche Basis.

War der Grüne Veltliner dann auch der erste Wein, der nach der Biodiversität produziert wurde?

Nein, es funktioniert nicht bei allen gleich gut. Ich habe dieses Unterstocksystem nur in einem Weingarten gemacht und in den anderen Weingärten gestoppt. Ich muss mich jetzt auf diesen einen Weingarten fokussieren, weil finanziell nicht mehr machbar ist. Wenn dort das System steht, dann wissen wir auch für andere Gärten, wie wir es machen.

Foto: Lorin Canaj

Foto: Michael Prügl

Und ist es ein Familienbetrieb?

Die Eltern arbeiten ein bisschen mit. Sie sind in Pension. Wenn die Arbeiter auf Urlaub sind, sind sie ein paar Mal mit im Weingarten. Ansonsten ist das Weingut meine Sache.

Wie viele Flaschen Wein werden denn ca. in einem Jahr produziert?

Also in normalen Jahren 40.000 Flaschen. Die meisten Weine kosten 5,30-6,50 Euro, dann haben wir ein paar Premiumweine um 11-13 Euro. Wenn der neue Jahrgang kommt und wir den neuen Jahrgang schon haben, dann verkauft man die „alten“ Weine um 4 Euro ab. Die Weine sind in Ordnung und das ist gleichzeitig das Lockmittel für neue Kunden.

Wenn für jemanden die Preise der Grund sind, dass man nicht auf ein ökologisches System umsteigt, dann muss man nach der Einstellung fragen und nicht nach den finanziellen Ressourcen.

Sind das hohe Preise für Wein?

Ich glaube nicht, dass wir überteuert sind. Es ist unser Glück, dass die Kunden ganz bewusst bei uns einkaufen, weil sie unser System unterstützen. Wenn für jemanden die Preise der Grund sind, dass man nicht auf ein ökologisches System umsteigt, dann muss man nach der Einstellung fragen und nicht nach den finanziellen Ressourcen.

Und die Weine werden bis nach Salzburg geliefert bzw. kann man sie auch in Wien kaufen?

In Wien haben wir die Verkaufsstellen im 3. Bezirk am Freitag den ganzen Tag und am Samstag Vormittag im 4. Bezirk. Zusätzlich machen wir Hauszustellungen, ab drei Kartons ist die Zustellung gratis. Wir liefern monatlich nach Tamsweg, Schladming, Gmunden, Salzburg bis nach Zell am See. Es kommt immer darauf an von wo die Bestellungen kommen. Derzeit bestellen Private weniger, bis jetzt haben wir diesen Markt noch nicht bearbeitet. Wir fahren eigentlich nur für die vier/fünf Sterne-Hotellerie, das ist unsere Zielgruppe. Wir haben auch drei Stern-Hotels, die unseren Wein haben wollen, weil sie ihn beim Kollegen getrunken haben. Wir sind da wirklich einzigartig.

Bietet ihr neben den Weinen sonst noch etwas an?

Meine Eltern haben einen Gemüsegarten. Sie werden immer älter und die Arbeit immer anstrengender. Ich bin sehr stark am überlegen ob wir den Gemüsebau zurückschrauben. Bis jetzt haben meine Eltern die Pflanzen immer selbst produziert.

Ich bin Weinbauer und nicht Gemüsebauer, mit diesem Thema beschäftige ich mich nicht.

Das zweite ist, dass Gemüse eine Hackfrucht ist. Das heißt offener Boden. Da steht eine Pflanze, links und rechts der nackte Boden und ich kann das eigentlich nicht sehen (lacht). Das ist für den Boden eine Katastrophe. Offener Boden ist ein No-Go (lacht). Meine Theorie ist, dass wir einen guten Boden nicht kennen und gar nicht wissen, was der Boden eigentlich alles kann.

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Foto: Michael Prügl

Was ist dein Favorit bei den Weinen?

Na Grüner Veltliner, gar keine Frage! Das habe ich schon von den Eltern so übernommen. Die meiste Anbaufläche war bei uns mit Grünem Veltliner bepflanzt, der passt gut ins Gebiet.

Was macht einen Helden für dich aus?

Zu einem Helden gehört Mut, Zivilcourage. Dass man auch Dinge macht, die nicht unbedingt angenehm sind, die nicht gleich den Beifall aller sicherstellen. Als Held muss man sich in gewisser Weise auch selbst überwinden. Wenn man auch dann noch weitermacht, wenn einem die Prügel so zu sagen zwischen die Beine geworfen werden.

Dann ist deine Laufbahn auch heldenhaft, oder?

Na, auf das habe ich es jetzt nicht bezogen (lacht). Ich mache das, weil ich davon überzeugt bin, dass es richtig ist.

In der Historie vom Betrieb sehe ich mich als Zwischenstück zwischen Großvater, Vater und der nächsten Generation. Ich sehe meine Aufgabe nicht darin, das Geld zu erwirtschaften. Ich möchte den Betrieb modernisieren, ein gutes Image herstellen. Ich möchte die Basis legen für den Weiterbestand des Weinguts. Jetzt weiß ich gar nicht ob das überhaupt die Frage war (lacht).

Change your mind!

Willst du noch irgendetwas hinzufügen, was dir am Herzen liegt?

Ich glaube, es geht uns so gut, dass wir den Lebensstandard ein bisschen zurückschrauben und unsere Zukunft absichern können. Klima ist das Schlagwort. Das heißt, dass man vielleicht einmal weniger Geld für Urlaub, sondern für sinnvolle Projekte und für gescheite Lebensmittel oder besseres Gewand ausgibt. Ich war schon öfter in der Situation, dass ich mich mit meinem eigenen Tod auseinandersetzen musste. Übrig bleibt nur, was man im Endeffekt gemacht hat und nicht das, was man nur machen wollte. Natürlich kann man Pech haben im Leben. Aber ich glaube, dass sich sehr viele Leute viel mehr leisten könnten. Doch es herrscht halt die “Geiz ist geil”-Mentalität vor. Das ist dumm und kurzsichtig (lacht). Alles reduziert sich auf den Preis und nicht mehr auf den Wert des Produkts… ja also, change your mind!