“Political Correctness ist nicht realistisch”

Über „Neger“ spricht Simplice Mugiraneza oft. Der 31-Jährige ist Comedian und rüttelt unter seinem Künstlernamen “SoSo” gewaltig an der Political Correctness. 2001 musste er vor dem Krieg in Burundi fliehen. Heute füllt er „Schmäh-Zentren“ wie Vindobona und war im Finale der Großen Comedy Chance des ORF. Nebenbei hat er eine Talkshow und den Verein „Football Helps Foundation“, mit dem er Kinder in Afrika unterstützt. Außerdem ist er noch Friedensbotschafter des Wiener Jugend-Friedenspreis, eine Initiative von Social City Wien. Im Interview spricht er sich dafür aus Rassismus einfach zu ignorieren und warum es nichts bringt, ein großes Tam-Tam zu machen.

SoSo, bitte stelle dich kurz vor. Wer bist du?

Ich bin jemand, der irgendwann mal von Afrika nach Europa und dann nach Österreich gekommen ist. Und ich mache Stand-up Comedy.

Woher aus Afrika kommst du genau?

Ich komme ursprünglich aus Burundi, bin aber 2001 vor dem Bürgerkrieg geflüchtet. Dass es Österreich war ist Zufall. Wenn man vor dem Krieg flüchtet sucht man sich nicht aus, wohin man will, sondern versucht nur wegzukommen. Ich bin dann mit 18 nach Österreich gezogen, weil mein Vater bereits zwei Jahre zuvor mit meinem kleinen Bruder hergekommen war.

Ich verstehe, dass Menschen irritiert sind, wenn etwas Neues kommt.

Wie schwierig war es für dich in Österreich Fuß zu fassen?

Nicht sonderlich. Bevor ich nach Europa kam, war ich Flüchtling in fünf afrikanischen Ländern. Da war es hier einfacher. Aber ich hab diesbezüglich ein anderes Verständnis. Schau, wir sind damals in Linz angekommen. Wir waren eine der ersten Afrikaner dort. Wir waren Exoten. Da gab es Menschen, die noch nie zuvor einen Afrikaner gesehen haben. Jetzt kann man verschieden reagieren, wenn man was Exoitsches sieht. Ich handhabe das so: Ich verstehe, dass Menschen irritiert sind, wenn etwas Neues kommt.

Also wären auch manche Afrikaner irritiert, wenn plötzlich ein Österreicher auftaucht?

Ja sicher. Wenn ein Europäer in Afrika auftaucht, ist er auch ein Exote. Allerdings verbinden die Afrikaner mit dir etwas anderes. Ein Europäer in Afrika ist jemand, der Hoffnung bringt. Wenn Kinder in Afrika Engel zeichnen, sind es weiße Engel. Europäer stehen für Jobs und Hilfe – die Leute wären also begeistert und würden glauben, dass du etwas Positives bringst. Hier ist es halt so, dass Menschen mit schwarzer Haut mit Negativem assoziiert werden. Bei mir werden in Österreich Türen zugemacht, bei dir werden in Afrika Türen aufgemacht.

Bist du eigentlich noch hin und wieder in Afrika?

Ja, ich habe dort meinen Verein: Football Helps Foundation. Wir organisieren Fußballturniere für Kinder, die in afrikanischen Armenvierteln leben. Wir bringen Fußbälle hin und machen Workshops zu Themen wie HIV und Sauberkeit.

Football Helps Foundation

Spiel für den Frieden in Afrika
Worin siehst du das größte Problem bei dieser Rassismus-Debatte?

Die Menschen haben aufgehört sich untereinander auszutauschen. Sie reden nicht mehr miteinander. Sie überlassen das Denken den Politikern und den Staaten. Man gibt seine Verantwortung an das politische System ab. Dann heißt es: ‘Die sollen schauen, wie sie mit dem Problem Afrika zurecht kommen.‘ Selbst kommen nur wenige auf die Idee hinzufliegen. In Europa sind die Menschen sehr egozentrisch und interessieren sich hauptsächlich für ihre 40 Stundenwoche. Deshalb sind alle sehr beeinflussbar und leicht zu trennen. Viele haben einfach keine Zeit mehr, um nachzudenken.

Ein Rassist ist wie ein Verrückter, der nackt auf der Straße läuft: der muss zum Psychologen.

Es ist auch unser Ziel, die Gemeinschaft und den Austausch der Menschen zu fördern. Wie gehst du damit um, wenn es dich persönlich betrifft?

Ich bin nicht traurig, wenn jemand nicht weiß, wie er mit mir umgehen soll. Er ist halt in dieser Gesellschaft aufgewachsen und kann nichts dafür. Es sind ja nicht alle so. Viele haben einfach keine Zeit mehr um sich über andere Kulturen zu informieren. Aber Rassismus gibt es halt, so wie es Krankheiten gibt. Rassisten sind für mich wie kranke Menschen – die sind halt so. Ein Rassist ist wie ein Verrückter, der nackt auf der Straße läuft: der muss zum Psychologen.Ich möchte mich nicht die ganze Zeit mit kranken Menschen beschäftigen.

Bist du eigentlich schon einmal eine Diskussion mit einem Rassisten eingegangen?

Das Problem ist, dass ich nie einen Rassisten treffe. Denn wo sich Rassisten aufhalten, gehe ich nicht hin. Bei 80 bis 90 Prozent der Clubs hier darf ich deshalb sowieso nicht rein. Wenn ich Comedy mache, gibt es da keine Rassisten. Und bei mir zu Hause gibt es auch keine Rassisten (lacht).

Wie war es bei deinen Jobs?

Wenn ich einen Job hatte, und gemerkt habe, dass mein Chef ein Rassist ist, dann ging ich. Natürlich gibt es Leute, die klein beigeben und das akzeptieren. Aber irgendwann muss man sich entscheiden: will man bleiben und täglich jammern, oder seinen eigenen Weg gehen. Ich habe bei einem großen Autokonzern gearbeitet. Mein Chef dort war  einer, der immer hinten herum gelästert hat. Er hat sich nur getraut über Türken zu schimpfen, wenn sie nicht da waren. So war es dann halt auch, wenn ich nicht da war. Irgendwann wurde mir ohne Grund, von einem Tag auf den anderen Tag gekündigt. Aber gut, ich wollte auch keine Sekunde länger mit diesem Menschen verbringen. Ich habe bei ihm nicht “gebuckelt”. Das hat ihn gestört.

Also sollte man ausländerfeindliche Menschen einfach ignorieren?

Ich denke, wenn man ihnen Aufmerksamkeit schenkt, dann macht man zu viel Werbung für sie. Nehmen wir den Akademikerball als Beispiel. Stell dir vor, niemand würde dagegen demonstrieren, dann würde keiner mehr davon hören. Das Rundherum führt eigentlich dazu, dass daraus so ein Spektakel wird. Also machen die Gegner eigentlich Werbung für die, die sie bekämpfen wollen.

Political Correctness ist nicht das, was ich erlebe, wenn ich im 10. oder 11. Bezirk unterwegs bin.

Was auffällt: Du verwendest selbst immer wieder den Begriff “Neger” in deinen Programmen. Wie stehst du zur Political Correctness?

Political Correctness ist nicht realistisch. Da reden ein paar wenige gescheit daher. Aber 90 Prozent sprechen nicht so. Political Correctness ist nicht das, was ich erlebe, wenn ich im 10. oder 11. Bezirk unterwegs bin. Bei dem Wort Neger kommt es auch auf den Kontext an. Ich weiß nicht, wie gut du dich im Hip-Hop auskennst, aber das kann man mit dem Begriff “Kill” vergleichen. Wenn ich sage: “I kill you”, heißt das “Ich töte dich”. Aber wenn ich sage: “I killed it”, dann meine ich, dass ich etwas gut gemacht habe. Der Spruch “Hey, my nigger” bedeutet also in diesem Kontext so etwas wie “Hey, mein Freund”.

Und welche Bedeutung hat der Begriff für dich?

Es gibt Leute, die sagen zu mir Neger weil sie mich beschimpfen wollen. Es gibt aber Leute, die zu mir Neger sagen, weil sie nicht wissen wie sie mich sonst nennen sollen. Schau, ich war vorher viel als DJ unterwegs, da habe ich in Oberösterreich in Klubs gespielt, wo die Leute sagten: “Hey, Neger, willst du ein Bier haben?” Die meinten es aber eigentlich nett. Ich achte immer auf den Kontext.

Um zu deinem Dasein als Comedian zu kommen: Du hast in einem Interview mit der Wiener Zeitung erzählt, dass du für deine Auftritte schnell Deutsch lernen musstest. Wie hast du das geschafft?

Also erstmal: Deutsch ist die schwierigste Sprache der Welt. Wenn mir in Afrika jemand gesagt hätte, dass ich einmal deutschsprachige Comedy machen werde, hätte ich ihm den Vogel gezeigt.

Was macht die Sprache so schwierig?

Deutsch muss einfach schwierig sein, wenn sogar diejenigen, die Deutsch als Muttersprache sprechen, die Sprache nicht können (lacht). Wenn ein Österreicher einen Afrikaner sieht, spricht er entweder Englisch oder dieses gebrochene Deutsch. Das gibt mir dann dieses Gefühl, dass die Sprache kompliziert sein muss. Das Schräge ist: Hier erwartet sich aber niemand, dass man Deutsch spricht. Englisch hingegen ist normal. Wie oft man das hört: ‘Oh, du sprichst so gut Deutsch!’ Wenn du durch New York gehst wird niemand sagen: ‘Oh, your English is really good.’

Zu deinem Hauptberuf: Wie hat sich das mit der Comedy ergeben?

Schon in Afrika war ich künstlerisch aktiv. Damals habe ich Traditionstanz gemacht. In Kenia war ich in der DJ-Szene unterwegs. Hobbymäßig. Mein Problem war immer das gleiche: Stand up Comedy gab es in Afrika noch nicht bzw. war es keine Kunst, die anerkannt wurde. So richtig gestartet habe ich erst vor 3 Jahren. Ich war für meinen Verein in Afrika, und habe versucht meine Präsentation mit Humor aufzubereiten. Der Direktor von TV Afrika hat sich das angesehen und meinte, ich sollte Comedy machen. Er fragte mich, ob ich für ihn eine Show machen würde, also habe ich einfach begonnen.

Das heißt, du hast dir Comedy selbst beigebracht?

Lustig war ich schon immer (lacht). Aber ja, die ersten Schritte auf der Bühne waren dann ganz nach dem Prinzip Trial and Error. Ich habe das Glück, dass mir dauernd lustige Dinge passieren. Ich muss mich nicht erst hinsetzen und etwas erfinden.

Das heißt die Dinge, von denen du in deinem Programm erzählst, sind echt passiert? Sowie der Rassist, der dich auf der Mariahlifer Straße beschimpft hat?

(lacht) Du meinst das mit dem Rassisten, der eine Banane isst? Es war so: ich habe mal so einen Typen gesehen, der eine Banane gegessen hat. Daraufhin ist mir dann diese Geschichte eingefallen. Natürlich muss man als Kabarettist übertreiben, damit die Story hängen bleibt. Comedy lebt ja von der Übertreibung. Sonst werden die Geschichten nicht glaubwürdig.

Was ist deine Motivation, dein Ziel?

Mein Ziel ist, dass die Leute lachen. Ich möchte einfach über meine Erlebnisse erzählen. Jeder kann meine Comedy interpretieren wie er möchte. Es wird manche geben, die werden beleidigt sein, andere wiederum sind der Meinung,  dass man das nicht sagen darf, und manchen gefällt es einfach.

Du hast einmal gesagt, die Leute wissen oft nicht ob sie lachen dürfen oder nicht.

Naja, manche wissen nicht ob sie lachen sollen, wenn ein Afrikaner einen Witz über einen Rassisten macht, oder ob sie Mitleid haben sollen. Aber wenn ich es selbst lustig finde, verstehe ich nicht, warum jemand anderes es nicht lustig finden sollte.

Welchen Stellenwert bzw. welche Bedeutung hat Humor für dich?

Humor ist das einzig Positive, das man nicht kaufen muss. Als Afrikaner kann ich das sagen. Bei allem was ich erlebt habe, ist das Einzige was geblieben ist der Humor. Wenn man nicht mehr lachen kann, dann ist das der Anfang vom Ende.

Kann dich nichts verstimmen?

Ich habe keine Zeit für Negativität. Für was soll das gut sein? Ich kann mich mit allen Dingen beschäftigen, die ich beeinflussen kann. Aber mit Dingen, die ich nicht ändern kann, beschäftige ich mich keine zwei Minuten. Warum soll ich mich darüber aufregen, dass Menschen abgeschoben werden, wenn ich es durch das Jammern alleine nicht verhindern kann?

Afrika wurde alles weggenommen, was man nur wegnehmen kann – bis auf den Humor.

Ist diese positive Lebenseinstellung etwas Afrikanisches?

Afrika wurde alles weggenommen, was man nur wegnehmen kann – bis auf den Humor. Wenn ich in Afrika bin und sehe, wie arm die Menschen dort sind, frage ich mich selbst, was es eigentlich zu lachen gibt. Aber die Menschen dort haben diese Fähigkeit, aus etwas Negativem etwas Positives zu machen. Auch bei Beerdigungen: Statt zum Psychologen gehen die halt zu einer Party (lacht). Ein Beispiel: Nach dem Genozid in Ruanda wurden Psychologen hingeschickt. Doch die Leute haben gesagt: ‘Wir brauchen euch nicht. Ihr versucht doch nur uns noch trauriger zu machen und uns das Vorzuhalten, was wir vergessen wollen.’ Ich weiß zwar nicht, ob sie wirklich glücklicher sind, aber die Menschen gehen einfach anders mit den Themen um.

Zurück zu dir: Kannst du schon von deinem Beruf als Comedian leben?

Naja, ich fahre noch keinen Ferrari, aber ich kann mir davon Essen kaufen (lacht). Ich muss nicht viel Geld haben, sondern bin glücklich wenn ich am Abend nach Hause gehe und weiß, ich habe das machen können, was mir Spaß macht. Mir ist die innere Zufriedenheit wichtiger als Geld.

Du bist recht viel unterwegs. Vor allem in Deutschland. Weißt du schon wo du in Zukunft sein wirst?

Wie es aussieht werde ich mehr in Deutschland sein. Dort existiert bereits eine Basis für die Ethnocomedy. Von Afrikanern bis hin zu Arabern und Türken. Mein Markt ist ein kleiner, und deswegen wird um Deutschland kein Weg vorbeiführen. Dort checken die Besucher auch, was du meinst. Ich fühle mich aber auch Österreich verpflichtet, um etwas für meine Community zu machen. Ich habe jetzt auch eine Talkshow.

Eine Talkshow?

Ja, aber mit dem Charakter einer Late Night-Show. Also etwas Lustiges, das es in Österreich zuvor noch nicht gab. Ich helfe damit vorallem Immigranten. Es gibt derzeit leider niemanden, der sich für die zweite Generation der Afrikaner interessiert, die in Österreich leben. Niemand schenkt diesen Menschen Aufmerksamkeit. Die will ich mit meiner Talkshow schaffen.

Wie definierst du für dich Helden?

Ein Held zu sein, heißt das zu machen, wofür du auf dieser Welt bist. Das müsste einmal jeder selbst herausfinden. Jeder, der für uns ein Held ist, ist ein Mensch, der etwas gefunden hat, wofür er gerne lebt. Viele Leute machen das eben nicht, weil der Mensch aufgehört hat für sich zu denken. Wie schon erwähnt: wir haben das Denken den Politikern überlassen. Wir lassen uns sagen wie viele Krankenstände wir haben dürfen. Ob dein oder mein Körper das mitmacht ist egal. Irgendwer hat auch gesagt, dass du 40 Stunden arbeiten musst. Niemand fragt sich eigentlich: kann ich das überhaupt? Aber alle machen es einfach so.

Siehst du dich selbst als Held?

Ja, für mich selbst schon. Ich weiß, was es mich gekostet hat, bis ich an diesem Punkt angelangt bin, an dem ich heute stehe. Seitdem ich Comedy mache, hat sich mein Leben geändert. Anfänglich hat sich meine Freundin von mir getrennt, weil sie meinte, dass ich damit kein Geld verdienen könne. Sie meinte, das sei verrückt und sie kenne niemanden, der damit Geld verdient. Aber ich war so stur und hinter dieser Idee her, weil ich einfach viel positives Feedback bekommen habe. Das war das Um und Auf. Leute machen ihre Jobs oft 20, 30 Jahre ohne positives Feedback. Schau mal: Wenn du auf die Welt kommst wirst du gelobt. Bis zum 8. Lebensjahr sagt dir jeder, wie toll nicht alles ist, was du machst. Dann ist plötzlich aus. Ich kann heute sagen, ich bin der erste Afrikaner, der hier Comedy macht. Der erste Afrikaner, der Vindobona füllt. Ich bin zu einem Rolemodel für viele andere geworden. Ja, ich fühle mich schon als Held.