Egal wo du herkommst, deine Träume sind wertvoll

An einem sonnigen Tag im schönen Manchester hatte ich die Chance einen jungen und inspirierenden Mann namens Rodrigo bei einem Bier zu interviewen. Rodrigo ist von Natur aus aufgeweckt und neugierig. Seine Augen und Ohren sind gleichermaßen offen für die Wunder dieser Welt. Ursprünglich kommt er aus Barra do Bugres, einem kleinen Dorf auf dem Land im Matto Grosso State in Brasilien. Es ist eine bäuerliche Gegend. Er und seine Familie hatten nie Geld, aber anstatt sich auf seine Probleme zu konzentrieren hat Rodrigo gelernt sich auf seine Möglichkeiten – so klein diese auch sein mögen- zu fokussieren und diese zu nutzen, egal wie weit er von seinem Ziel entfernt zu sein schien. Seine innere Motivation war dabei immer andere Kulturen auf einer internationalen und nationalen Ebene zu verstehen und Brücken zu bauen für ein besseres Verständnis untereinander. Dies war auch der Grund für ihn an diversen internationalen Treffen und Konferenzen teilzunehmen. Der wichtigste Part, den man über Rodrigo wissen muss ist jedoch, dass er die Bildung als Nährboden für eine gesunde Entwicklung eines Landes, eine stabile Wirtschaft und ein erstrebenswertes Lebensgefühl sieht. Darum unterrichtet Rodrigo Englisch seitdem er 18 war.

Es ist schön, dass du hier bist! Das letzte mal, als wir miteinander sprachen, warst du in Brasilien, ich war in Österreich und jetzt treffen wir uns hier in Manchester. Rodrigo, dieses Jahre war der Fokus der Welt auf Brasilien, da dort die Fußball Weltmeisterschaft stattfand. Wir sahen ein farbenfrohes Land und sein buntes Volk konfrontiert mit Problemen wie Gewalt, Korruption und Drogen. Glaubst du die Situation wird sich in der kommenden Zukunft in Brasilien zum Positiven ändern?

Ich würde gerne daran glauben, da ich mein Land liebe.

Aber ich glaube, dass eine bleibende positive Veränderung in den nächsten Jahren nicht möglich sein wird. Das Problem liegt verborgen in unserer Kultur. Wir haben viel zu bieten, aber wir handeln oft uneffizient und müssen unsere Ressourcen effektiver nutzen, da diese weit verstreut über das Land liegen.

Als ich kürzlich in Marokko war fragte mich ein Bettler auf der Straße, was er tun könne, um seine Situation zu verbessern. Ich hatte keine Antwort. Was würdest du ihm raten?

Es gibt ein Zitat einer berühmten Schauspielerin namens Lupita Nyong´o, welche einen Oskar letztes Jahr gewann: „Egal woher du kommst, deine Träume sind wertvoll.” Ich glaube, dass es das Wichtigste ist, dass wir selbst an unsere Träume glauben und dass wir unserem inneren Kompass folgen. Ich wurde in eine Familie und Umstände geboren, in denen das Erlernen einer anderen Sprache und Reisen generell undenkbar sind. Mein Heim liegt mitten im Amazonas und es wird gewöhnlich als Verschwendung betrachtet zu reisen. Wir müssen unseren Besitz sehr vorsichtig verwalten und Menschen aus dieser Region investieren ihre raren Ressourcen normalerweise in Essentielles wie Wasser und Nahrung. Aber ich bin hier in England und dank dieser Tatsache der Meinung, dass du alles erreichen kannst, wenn du für dich einen klaren Standpunkt hast, dich fokussierst und deinen Weg Schritt für Schritt gehst. Falls du dies nicht machst, wirst du eventuell nie herausfinden, wer du wirklich bist. Ich unterrichtete 10 verschiedene Klassen an Schulen und musste zusätzlich 8 Kurse an der Uni besuchen. Es ist Fakt, dass ich kein “Leben” hatte. Aber der Blickwinkel spielt hier eine zentrale Rolle. Die Lehrtätigkeit war für mich mein Leben, weswegen ich all meine Energie dafür bündelte.

Was gefällt dir am Meisten daran?

Es ist der Kontakt mit meinen Schülern, der mir die Kraft gibt dieses Level zu halten.

Ihre kontinuierliche Steigerung der Leistung und ihre individuellen Erfolge erfüllen mich mit Stolz. Aber nicht, weil ich es war, der ihnen etwas beibrachte. Ich bin stolz auf sie und den Einsatz, den sie in ihre Studien stecken.

Gibt es ein Konzept oder Plan, wie du deine Qualität als Lehrer in Zukunft steigern willst?

Da ich derzeit als Austauschstudent am Molde University College in Norwegen inskribiert bin, würde ich die Chance gerne nutzen um herauszufinden wie die norwegischen Schulen es schaffen, das Englisch ihrer Schüler auf ein so hohes Level zu bringen. Wenn ich das herausgefunden habe, würde ich gerne ihre Methodiken in meinen Unterricht einbinden und mit nach Brasilien nehmen. Es wäre großartig, wenn ich das Lehrsystem in Brasilien verbessern könnte.

In Deutschland beginnen junge Lehrer ihr Referendariat üblicherweise mit 25. Wann hast du angefangen?

Ich habe mit 18 angefangen.

Das ist beeindruckend! Hast du jemals Probleme damit gehabt, dass sich andere über dich lustig gemacht haben oder deine Schüler dich nicht respektierten?

Es ist recht amüsant, dass ich unter meinen Kollegen einer der Beliebtesten war und von allen akzeptiert wurde. Ich denke, dass es daran liegt, dass der Altersunterschied zwischen mir und meinen Schülern sehr klein war, was zur Folge hatte, dass ich sie verstand und ihren Respekt durch die Anerkennung ihrer Probleme gewinnen konnte. In der ersten Woche, als ich anfing zu unterrichten, fragte sich jeder, ob es möglich sein könne, dass ein junger Kerl wie ich unterrichtet und ob ich imstande wäre eine adäquate und qualitativ hochwertige Stunde vorzubereiten. Doch dann realisierte jeder, dass ich mein Bestes gab und die Ergebnisse stimmten. Sie bemerkten, dass ich nicht unterrichtete, weil ich es als mein Hobby sah, sie spürten, dass es mehr für mich war. Ein zweiter Grund für ihr Wohlwollen war, dass Englisch Lehrer in meiner Region eine Seltenheit sind. Also hießen sie mich und meine Fähigkeiten herzlich willkommen.

Was waren für dich die schönsten Momente mit deinen Schülern?

Ich hatte viele besondere Augenblicke, aber einer war ganz besonders. Zum Abschied ging ich mit einer meiner Klassen in ein Pizza Restaurant. Während des Dinners begann eine meiner Schülerinnen zu weinen, da sie unglaublich dankbar war für alles, was ich für sie getan hatte. Sie erzählte mir, dass die Zeit in meinem Klassenzimmer sehr wertvoll für sie war und dass sie mich als einen sehr inspirierenden Mentor sah. Diese Situation brachte mich fast selbst zum Weinen. Es war einer meiner schönsten und und doch traurigsten Momente in meiner Karriere als Lehrer.

Menschen, mit denen du lange zusammen arbeitest werden immer in deinem Herz sein.

Ich bezweifle, dass ich diese Klasse je wieder unterrichten werde, aber ich hoffe, dass es ihnen gut geht, egal wo sie gerade sind oder was sie tun.

Das kann ich mir vorstellen. Was war der größte Altersunterschied zwischen dir und deinen Schülern?

Hmm, schwierig zu sagen. Ich hatte Schüler, die waren 60 Jahre alt und dann wieder kleine Kinder, die gerade 6 geworden waren. Es ist eine bereichernde Erfahrung einen Austausch mit einer derartig variablen Menge an Persönlichkeiten zu haben. Es ist ja nicht so, als ob ich die Menschen nur unterrichten würde, es findet immer ein Geben und Nehmen statt. Darum könnte ich mir wieder vorstellen zu unterrichten, aber ein weiterer Traum meinerseits ist es Diplomat zu werden. Kulturen, Sprachen und Menschen mit anderen Mentalitäten sind meine Leidenschaft. Außerdem wäre es eine große Ehre für mich meinem Land dabei zu helfen seinen Wert auf der internationalen Bühne zu steigern. Es ist derzeit ein diplomatischer Zwerg, und weit davon entfernt sein ganzes Potential zu entfalten. Wir haben viel zu bieten und das nicht nur im kulturellen Kontext. Unsere Stärke ist auch ein Schatz an Wissen und Erfahrung. Egoismus ist jedoch unser zentrales Problem; er verdirbt Politiker und macht sie stur. Unsere Regierung muss endlich sehen, zu was wir fähig wären, wenn wir alle am gleichen Strang ziehen würden.

Hört sich nach einer starken Vision an. Ich hoffe, dass du es schaffen wirst, all deine Ziele zu erreichen! Wir sind fast am Ende und eine letzte Frage bleibt bestehen: Welchen Titel würdest du diesem Interview gerne geben?

Ein Gedanke kam mir gerade in den Sinn. Ich habe einen Freund, der aus einem entfernten Teil meines Landes stammt und es bis nach Yale geschafft hat. Dieses Ziel erschien ihm, seiner Familie und seiner Umgebung unmöglich. Er ist eine dieser Personen, die niemals aufgab. Er verfolgte seine Ziele, weil er wusste, dass seine – und die Träume aller – wertvoll sind. Er ist ein Idol für mich. Ich wähle das Zitat von Lupita Nyong´o. Es beschreibt präzise an was ich glaube.

Ein wahrhaft treffender Titel. Danke Rodrigo!

During a rather sunny day in beautiful Manchester, I had the opportunity to meet a very inspiring young man called Rodrigo for a beer in a small pub. Rodrigo is a very intelligent and curious person with his eyes and his mind open in equal measure. He originally comes from Barra do Bugres, a small city in the countryside of Matto Grosso State in Brazil — a rather rural area, according to Rodrigo. He and his family never had much money, but instead of focusing on his problems, he found a way for himself to use the opportunities that were offered to him, no matter how small they were or how far away he was from his goal. One of his inner drives always was to connect with different cultures and to work for a better understanding on an international, but also national, level. This is the reason for his strong will to participate in international events and gatherings. But the most important fact about Rodrigo is that he sees education as the most fundamental element in helping a country reach his full potential and develop a stable economy and lifestyle. This is why Rodrigo has been teaching English since he was 18.

It feels great having you here. The last time we talked you were in Brazil, I was in Austria and now we have finally managed to meet, here in Manchester. Thanks for taking part in this interview! Rodrigo, this year the focus of the world was on Brazil for the football World Cup took place. We saw a colourful country, with its unique and wonderful people, faced with huge problems like corruption, drugs and violence. Do you think the situation in Brazil is going to change over the coming years?

Well, I would like to believe in it. I love my country,

but I think that a constant change will not be possible within the next years. The main problem is hidden in our culture. I mean, we have a great culture and we have a lot to offer, but we need to learn how to structure ourselves more efficiently and we have to learn how to use our resources more effectively, as they are spread unequally across our country.

One day a beggar approached me in Morocco and he asked me during our conversation what he should do in order to improve his standard of living. I didn’t have an answer. What would you say?

There is a quote from a famous actress called Lupita Nyong’o, who won an Oscar last year. It says „No matter where you are from, your dreams are valid“. I think the most important fact is that we believe in our dreams and that we follow our inner compass. I come from a family and an environment in which learning another language and travelling is inconceivable. My home is located in the state of Amazonas and it is usually seen as a waste of money if you travel; we have to be very careful about what we have and people in this area see it as rather intelligent to spend their money on essential things like food or water. But I am here and this is why I believe that you can reach anything if you make a stand, focus and go your way, step by step. If you avoid doing this, you might never find out who you really are. I was teaching 10 different classes in schools and additionally had to master 8 courses at university. It is a fact that I did not have a „life“. But it always is a matter of perspective. Teaching was my life, so I focused all my energy on it.

What do you like most about it?

It is the contact with my students and children that gives me the energy to keep this level up.

If I see their achievements and improvement I get a feeling of pride. But not because I taught them. This feeling is there because I am proud of them and the effort they put in their studies.

Do you have a concept of how you might even improve your teaching in the future?

Yes. As I am currently enrolled as an exchange student at Molde University College in Norway, I would firstly like to figure out why Norwegians are unbelievably good at English and how they manage to bring their pupils to such a high level in school. Once I find out more about their methods I would love to adapt their knowledge and improve my own teaching. It would also be great if I could improve teaching in Brazil.

In Germany young teachers usually start their teaching at the age of 25. When did you start?

I started when I was 18.

That´s impressive! Did you ever have any problems with mockery or children not respecting you?

A funny and confusing fact is that among my colleagues I was one of the most respected and accepted teachers. I think the main reason for this phenomena is that the age gap with pupils was very small, which means that I was able to understand them and that I could gain their respect by respecting their age and their problems. In the first week when I started teaching, everybody was wondering if a young boy like me was really capable of holding an appropriate and high-quality lesson. But then everybody realised that I was doing a good job. They realised that I did not teach because I wanted to have a nice hobby, teaching meant more to me and people around me could feel this. A second reason for their acceptance was that good English teachers are a rarity in my community. So they gladly welcomed me and my English skills.

Did you have any particular moments with your pupils that stand out?

There were plenty, but one particular comes to mind. Once I went out with with one of my classes to a pizza restaurant as it was time to say goodbye. During this farewell dinner one of my students started to cry as she was so thankful for everything I did for her. She told me that the time in my classroom was very special to her and that I was a very inspirational mentor and teacher to her. This situation almost made me cry as well. It was one of my most beautiful but also hardest moments in my career as a teacher.

People you work with a long time will always leave a mark on your heart, but it is a good feeling.

I actually doubt that I will ever teach these pupils again but I hope that they are fine, no matter what they do and where they are.

I can imagine. What was the most common age gap between you and your pupils?

Hmm, that’s difficult to say. I mean, I had pupils who were 60 years old and children who had just turned six.

It is a great experience if you have an exchange with such a huge variety of persons. It is not as if I would only teach them, it is always a give and take. This is why I could imagine myself as a teacher again, but another dream of mine is to become a diplomat one day. I simply love cultures, languages and people from different countries. And it would be an honour to help my country increase its diplomatic worth in our world. It may currently be considered as a diplomatic dwarf but it is far from reaching its full potential. We have so much to offer, not only in a cultural context but also in forms of knowledge and experience. Egoism is a huge problem; it makes politicians narrow minded and stubborn. Our government has to realise what we were capable of if we would all move in one direction.

That sounds like a great and inspiring vision to me. I hope that you will have the chance to achieve all your goals! We are almost at the end of our interview, but one last question remains: Which title would you like to give this interview?

A thought just came to my mind. I have a friend who comes from a distant part of my country and he made his way to Yale University — which seemed impossible to him, his family and everyone who knew him. He is one of these people who never gave up. He followed his dreams because he knew that his and everyone’s dreams are valid. He is such an inspiration to me. I will choose the quote from Lupita Nyong’o. It perfectly describes everything I believe in.

A truly fitting title. Thank you, Rodrigo!