Wir müssen reden

Robin Reithmayer kann – so wie viele andere auch- sprechen.  Er verfügt aber auch über die Fähigkeit, gesprochene Worte in Kunst umzuwandeln.
Um euch, liebe Leser, Robins künstlerisches Schaffen und seinen schrägen Humor greifbar zu machen, kommt hier ein Heldenporträt der anderen Art, das sich mit einem Augenzwinkern besser lesen lässt.

Wer bist du und was machst du?

Diese Frage ist zu schwierig.

Anders gefragt: Wenn du ein Mädchen kennenlernst, was erzählst du ihm von dir?

“Ich züchte Meerschweinchen.”

Robin ist 21. Er studiert “Sprachkunst” an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Der kleine Sprechdachs schreibt seit 3 Jahren Worte in Heftchen, und seit 2 Jahren widmet er sich dem “Poetry Slam”. Eine Disziplin, die man im 19. Jahrhundert wohl als “Dichterwettbewerb” bezeichnet hätte.

Kannst du uns eine kurze Anleitung zum Thema “How to study Sprachkunst” geben?

Man wird zu einem 15-minütigen Interview geladen, bekommt Fragen gestellt wie:
“Was liest du? Warum schreibst du?”

Robin machte es frei nach dem Motto: “Veni, vidi, violini. Ich kam, sah und vergeigte.”
Doch nicht mit dem Reithmayr. Er ging noch einmal in den Interviewraum und sprach, klar, Text:

“Ich habe Bock das zu machen, und wenn Sie mich dieses Jahr nicht nehmen, dann komm’ ich nächstes Jahr wieder!”

Er kam wieder, sah wieder – und wurde genommen.

“Beim zweiten Mal haben sie sich bereits an mich erinnert.”

Wie wurde aus Robin Reithmayr ein Sprachkünstler mit dem klingenden Namen Mriri?

Ich habe immer viel gezeichnet, viel fotografiert. Das war alles super aber es hat mich nie so richtig gepackt. Einmal ist es mir sehr schlecht gegangen, wegen einer…hm… “sehr netten Bekanntschaft”. Na gut, ich hatte mich zum ersten Mal so richtig in ein Mädchen verschaut.
Als ich eines Nachts nicht schlafen konnte, weil ich beim Zivildienst den Kaffee nicht wegschütten wollte, habe ich ein richtig schmalziges Gedicht über sie geschrieben. Das löste eine regelrechte “Epiphany” in mir aus. Ich begann Zeichnungen mit Texten anzufertigen.
“Wow, wie geil ist es zu schreiben?!” Das war mit 19. Eigentlich sollte ich diesem Mädchen sehr dankbar sein. Ich sollte sie mal anrufen. Ich war dann ein halbes Jahr sehr brav, habe schmalzige Texte und nur für mich selbst geschrieben. Das war eben typische Studentenlyrik: Alles reimt sich. Dann bin ich mit einigen Texten an die Öffentlichkeit gegangen und habe mich auf Bühnen gestellt. Ich will mich hier gar nicht denunzieren, aber nach aller mir innewohnenden Selbstreflexionsbemächtigung war ich damals sehr, sehr (er sucht ein bestimmtes Wort)…schlecht. Man hat halt Höflichkeitsapplaus bekommen. Vor einem Jahr hat es dann Klick gemacht und ich bin plötzlich auch beim Publikum angekommen. Mittlerweile gibt es keinen in der österreichischen Slammerszene, der mich nicht kennt.

Wie ist sie so, die Slammer-Szene?

Sehr entgegenkommend und warmherzig. Wir nennen uns deshalb auch “Slammily”. In Österreich sind es an die 200 Leute, die regelmäßig slammen.

Wie ist es so, das Slammen?

Du konfrontierst dich eben mit einer Riesenmenge unbekannter Leute.
Es gibt öffentliche Slams, wo jeder mitmachen kann, und Slams mit höherem Niveau, wo nur geladene Gäste dabei sind. Du schreibst dein Ding, liest es einige Male durch, dann gehst du hoch auf die Bühne.

Foto: Thomas Sieberer

Foto: Thomas Sieberer

Hattest du je Angst vor Mittleidsapplaus?

Früher. Mittlerweile hab ich es halt drauf. Die Leute wissen meinen andersartigen Stil zu schätzen. Schwierig ist es in Deutschland, wo die Menschen eine andere Definition von Humor haben.

In einem gleichsprachigen Land gibt es tatsächlich so große Unterschiede im Lustigsein?

Ja, bei der landesweiten Meisterschaft in Deutschland 2013 wurde ich als der mit Abstand Schlechteste des gesamten Wettbewerbs gewertet. Meine Sachen gefallen halt nicht jedem.

Seit Julia Engelmann ist Poetry Slam vielen ein Begriff. Gibt es in der Slammer-Szene so etwas wie Mainstream?

Klar. Wenn du einen Text schreibst, der eh jedem gefällt, na dann gratuliere.

Beispiel?

“Der Himmel ist blau, das gefällt mir, die Sonne scheint und das gefällt mir auch.”

Viele Künstler verfolgen ein bestimmtes Ritual, um ihre Kreativität anzukurbeln, hast du auch eines?

Ich fahre meistens U-Bahn. Ich schaue aus dem Fenster, habe einen Block vor mir liegen und schreibe Gedanken auf. Meistens bist du gerade irgendwo oder sprichst mit irgendjemandem, schreibst ein Wort nieder und dann artet es aus.

Wie siehst du deine Zukunft, deine nächsten fünf Jahre?

Mir fällt es schwer, über mich zu reden. Ich bin ein sehr zweckorientierter Typ.

Sollen wir lieber über deine Meerschweinchen sprechen?

Ich möchte weiterhin alt und weise werden.

Du fühlst du dich bereits alt und weise?

Jein. Ich will weiterhin ein reflektiertes Leben führen. Die Zukunft ist mir relativ egal. Was geht mich das an, was ich in fünf Jahren mache? Mich interessiert: Was macht es mit Menschen, wenn ich etwas auf der Bühne sage. Was passiert, wenn ich die Leute sympathisch begrüße, was wenn nicht? Ich sage zum Beispiel oft, wenn ich auf die Bühne komme: “Einen sympathischen Gruß meinerseits”, habe aber ein todernstes Pokerface aufgesetzt. Wie reagiert der Mensch auf bestimmte Dinge? Das interessiert mich. Durch das Schreiben verfüge ich über ein Werkzeug, das ich anwenden kann, in meinen privaten sozialen Studien.

Du führst privat Studien durch?

Schon. Die Leute denken ich mache das für sie, aber in Wirklichkeit habe ich ein Logbuch zuhause.

Wie wichtig sind dir Werte wie Freundschaft, Familie?

Sind das Werte?

Okay, lassen wir das. Liest du viel?

Nein. Ich sollte fürs Studium unglaublich viel lesen, von den vorgegeben 50 Büchern habe ich zwei angefangen. Ich hoffe mein Professor liest genauso wenig wie ich, vor allem nicht diesen Artikel.

Du bist ein Denker oder?

Ja, ich denke sehr viel nach. Und beobachte viel.

Robin, was ist für dich ein Held?

Ich denke nicht, dass es eine logische, auf Vernunft basierende Definition von “Held” gibt.

Dann sei unvernünftig.

Für mich ist ein Held jemand, den ich biologisch als solchen betrachte, also jemand, den mein Hirn als Held darstellt – ganz simpel gesagt.

Ernüchternd. Versuchst du es noch einmal?

Was mich an Leuten beeindruckt ist, wenn sie sehr sicher sind in ihrem Leben- wenn sie über den Dingen stehen.
Ein Held ist also…

Ja?

…jemand, der sich selbst erkennt, der mit sich selbst arbeitet, und bereit ist sich neu zu erfinden.
Einer, der immer das Gleiche macht, immer wieder auf dieselbe Art und Weise glücklich und unglücklich ist, ist kein Held. Du bist automatisch ein Held, wenn du dein Leben so führst, wie du es tatsächlich führen willst. Ohne zu sagen: “Nimm dir ein Beispiel an mir.” Das ist dann nicht mehr notwendig, weil du es dann ausstrahlst.