„Ich habe die Rotlichtszene revolutioniert“

Das war das meist geklickte Interview auf Helden-von-heute.at im Jahr 2015: Richard Steiner führte ein Leben, in das viele von uns keinen Einblick haben oder haben wollen. Der heute 44-Jährige war knapp 14 Jahre lang der Boss des Wiener Rotlichtmilieus. In seiner Kindheit von Gewalt umgeben, machte der ehemalige Fremdenlegionär nach einer spektakulären Flucht aus Österreich im Gefängnis in Brasilien eine Wandlung durch. Seit damals ernährt sich Steiner streng vegan und ist praktizierender Buddhist. Bekannt wurde Steiner medial durch die größte und teuerste Polizeiaktion in der österreichischen Geschichte, und dem darauf folgenden größten “Mafiaprozess”. Ende 2014 brachte er seine Biografie “Richard Steiner – Ein Mann der Ehre” heraus. Heute widmet sich der gebürtige Kroate der Vodkaherstellung.

Herr Steiner, die erste Frage: ist alles wahr, was Sie in Ihrem Buch schreiben?

Es ist alles wahr, auch wenn es unglaublich klingt. Bis jetzt ist auch noch nichts reklamiert worden.

Sie haben lange Zeit in Wien gelebt. Wo ist aktuell Ihr Lebensmittelpunkt?

Hauptsächlich in Mallorca und Kroatien. Aufgrund meiner Firma Exakt Vodka bin ich aber viel in Deutschland, in Frankfurt und Wiesbaden, unterwegs.

Ist Wien trotzdem noch eine Ihrer Lieblingsstädte?

Nein, da muss ich Sie enttäuschen. Da halte ich mich an mein Motto “Rede wahr und zahle bar”: Mein Lieblingsort ist Mallorca, alleine schon wegen des Klimas. Ich habe aber in Wien noch sehr gute Freunde, die auch für mich da waren, als alle anderen gegen mich waren. Österreich ist ein absolut gespaltenes Land. Es gibt hier die besten Leute, aber auch die schlechtesten. Zum Einen gibt es einen gewissen Sadismus: die Österreicher sperren andere ja gerne ein. Natürlich verbinde ich auch viele schöne Momente mit diesem Land, das mit sehr viel ermöglicht hat. Somit habe ich eine gewisse Hassliebe zu Österreich.

„Die heutige Situation ist mir lieber“

Um gleich über Ihre Vergangenheit und das Buch zu sprechen: Welcher Alltag ist Ihnen lieber – der aktuelle oder der damalige?

Das kann ich so nicht sagen. Ich bin jetzt in einer anderen Entwicklungsstufe als damals. Damals war mein Horizont noch nicht so weit, und ich habe mich in der Situation ganz wohl gefühlt. Aber nach den Erkenntnissen, die ich gesammelt habe, ist mir die heutige Situation viel lieber.

Wie kann man sich das Leben in der Rotlichtszene als Ottonormalverbraucher vorstellen? Stimmen alle Klischees?

Dazu muss man wissen, dass es diese Rotlichtszene, in der ich mich bewegte, und die auch gleichzeitig die Unterwelt war, so nicht mehr gibt. Nach der großen Verhaftungswelle wurde die ganze kontrollierte Szene zerstört. Es ist wieder die Gewalt im Vormarsch, es wird wieder gemordet. Nur die Berichterstattung darüber fehlt. So weiß das Volk leider nie, wie gefährlich es wirklich ist, es sei denn,  man ist selbst betroffen, und zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wie war das zu Ihrer Zeit?

Es gab eineinhalb Jahrzehnte keine Drogen und keine Waffen. Im Kleinen war es eine friedliche Zeit. Mittlerweile ist wieder Chaos ausgebrochen. Es gibt auch keinen Ehrenkodex mehr.

Wenn man sich für dieses Leben entscheidet, schwingt immer ein Risiko mit. Muss man täglich damit rechnen mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten?

Natürlich. Es ist eine opportunistische Gesellschaft, in der wir uns befinden. Man geht auf jene los, die keine Lobby haben, und die Rotlichtszene hat keine Lobby. Ich habe mich darum bemüht, die Straße von Drogen und der sinnlosen Gewalt zu befreien, man hat sich zu jeder Zeit sicher bewegen können. Wir waren sehr präsent in der Szene, und bei Problemen jeglicher Art schneller als die Polizei. Das war unsere Errungenschaft. Da ich damals noch dazu einen luxuriösen Lebensstil geführt, und auch im Ausland viel Geld verdient habe, war ich natürlich vielen ein Dorn im Auge.

„Kann jetzt ohne Gewalt kommunizieren“

Weil sie gerade von Gewalt sprechen: Sie haben im Buch geschrieben, dass sich viele Menschen gar nicht vorstellen können, wie die Realität in der Szene aussieht. Dass man sich nicht einfach hinsetzen und alles ausreden kann. Wieso nicht?

Es prallen hier viele Kulturkreise aufeinander. Wenn du Menschen, die unter restriktiven Gesetzen aufgewachsen sind, erklärst, dass sie etwas nicht dürfen, weil es sich nicht gehört, lachen sie dich aus – und verprügeln dich. Einen Dialog verstehen solche Menschen nicht. Deswegen fühle ich mich jetzt auch besser – weil ich kommunizieren kann, ohne dass Gewalt mitschwingt. Und wenn die Kommunikation nicht passt, dann kann ich mich einfach umdrehen und gehen.

Sie sagen, Sie haben das Rotlichtmilieu in gewisser Weise stabilisiert. Haben Sie den Frauen in Ihren Betrieben dadurch auch eine Sicherheit bieten können?

Ich habe die Rotlichtszene nicht stabilisiert, sondern revolutioniert. In den Jahren vor meiner Zeit – das steht so auch im Buch – gab es 60 Milieutote in Wien. In meinen fast 14 Jahren gab es keinen einzigen Toten in der Szene. Es gab in dieser ganzen Zeit auch keine einzige Anzeige bezüglich tätlicher Angriffe auf die Prostituierten, und alle haben das ihnen zustehende Geld bekommen. Und sollte es einmal vorgekommen sein, dass ein Zuhälter einer Frau eine Ohrfeige verpasst hat, – das war auch Gegenstand der Verhandlung – ist er am selben Tag von unserer Seite zur Rechenschaft gezogen worden. Wir haben die Frauen verteidigt. Ich behaupte aber nicht, der Dalai Lama des Rotlichmilieus gewesen zu sein. Das würde sich widersprechen (lacht).

Also haben Sie jetzt eine viel ruhigere Zeit?

(lacht) Naja, jetzt ist die Aufbauzeit von Exakt Vodka. Ich bin jeden Tag in einer anderen Stadt, ein Termin jagt den anderen. So ruhig ist es nicht. Die Zeit ist stressig, aber dieses Steinzeitgehabe ist nicht mehr vorhanden. Man muss nicht mehr ständig trainieren und auf einen Kampf vorbereitet sein.

Wieso Kampf?

Sie müssen sich das so vorstellen: Es kann ja auch passieren, dass jemand aus den eigenen Reihen durchdreht. Dann musste man auch kämpfen. Es war immer eine latente Spannung da. Man muss schließlich auch die eigenen Bodyguards kontrollieren können.

Sie haben es schon ein paar Mal erwähnt: ihr Vodka. Was hat es damit auf sich?

Mit Exakt Vodka verbinden wir das Know-how der Russen mit der österreichischen Wasser- und Kartoffelqualität. Denn die Russen sind brilliante Techniker, aber haben eben das richtige Wasser noch nicht gehabt. Alfred Müller, der Gründer, hat mich gebeten als Partner einzusteigen. Nach Verkostungen und einer gründlichen Überprüfung habe ich dann zugesagt.

Sie sind ja Veganer. Trinken Sie überhaupt Alkohol?

Sehr, sehr selten. Wenn, dann mein Produkt oder einen sehr guten Rotwein.

„Kein einziges Buch war so blutrünstig wie die Bibel“

Ihr veganer Lebensstil ist ja zeitgleich mit ihrem Wandel zum Buddhismus gekommen. Inwieweit hat Sie Ihre Gefangenschaft in einem Käfig in Brasilien bekehrt?

Wir sprechen jetzt von der Zeit bevor ich nach Wien gekommen bin. Ich war auf der Straße, im Krieg. Ich kannte damals nur die Gewalt. Als ich in Brasilien damals in diesem Käfig eingesperrt war, hatte ich viel Zeit um nachzudenken, und ich hatte zwei Bücher: die Bibel und Texte von Dostojewski. Dostojewski war ein Pazifist und hat mich mit seiner Weltanschauung beeinflusst. In der Bibel selbst habe ich zu viele Widersprüche entdeckt, und gesehen, dass das Alte Testament doch sehr blutrünstig ist. Seit damals habe ich unzählige Bücher gelesen und kein einziges war so blutrünstig wie die Bibel. Das war mein Weg zum tibetischen Buddhismus.

Wie sieht es mit der Gewalt im Buddhismus aus?

Buddha hat einmal gesagt: Es ist besser zu verzeihen, als den Groll des Hasses auf sich zu laden. Aber auch der Buddhismus ist nicht ganz gewaltfrei, man muss sich schließlich nichts zweimal gefallen lassen. Ich gehe übrigens davon aus, dass jeder sein Schicksal hat.

Also jeder hat sein Schicksal und muss aus seinem Leben das machen, was möglich ist? Jeder ist seines Glückes Schmied?

Naja, das ist von der hinduistischen Seite gesehen schwierig. Du kannst dein Schicksal nicht verändern. Das Schicksal ist so wie es ist. Wenn ich heute sterben müsste, würde ich genauso meine Termine wahrnehmen. Ich darf mich darüber nicht beklagen, sondern muss das Schicksal immer positiv sehen. Man muss sich ja nur das Universum anschauen, da passt alles zusammen. Das bedeutet, jeder kleinste Teil hat seinen Sinn und Zweck. Wenn man das versteht, greift man eigentlich niemanden an.

Das heißt, man darf nicht jammern?

So wie es ist, ist es. Man sollte immer freundlich sein, und allen Lebenswendungen positiv gegenüberstehen.

Seit einer schweren Kopfverletzung als Kleinkind können Sie ja keine Angst mehr empfinden. Wie darf ich mir das vorstellen?

Angst habe ich nicht, ich habe nur Schamgefühl – weil ich so erzogen worden bin. Angst kann ich auf Grund des Unfalls keine mehr haben. Aber in meinen Augen ist Angst auch lächerlich, weil sie nichts bringt. Sie ist nur Energieräuber. Wenn Menschen Angst haben, machen sie Fehler.

Angst sollte man im Leben also keinen Platz einräumen?

Das wäre ideal. Dadurch würden sich viele Leute vieles ersparen. Es gibt unzählige Ängste und Phobien in unserer Gesellschaft, obwohl wir eigentlich aufgeklärt sind.

„Es gibt nichts, was du nicht ertragen könntest.“

Zurück zu Ihrer Vergangenheit: Sie waren 7 Monate in Brasilien eingesperrt, saßen in Österreich zwei Jahre lang im Gefängnis. Wie haben Sie Ihre Gefangenschaften erlebt?

Ich habe eine sehr harte Kindheit gehabt. Wenn ein verwöhntes Kind in eine solche Situation käme, würde dieser Mensch brechen. So viel Leid auf einmal zu ertragen ist nicht leicht. Ich sehe es so: Wenn man einen Marathon laufen will, muss man auch trainiert sein. So kann man sich das bei mir vorstellen. Ich war durch die Fremdenlegion, durch den Krieg und durch meine Strafen in meiner Kindheit vorbelastet, und habe das aushalten können. Ich glaube auch hier, dass jeder im Leben so viel aufgeladen bekommt, wie er aushalten kann. Es gibt nichts, was du nicht ertragen könntest. Und sollte dein Los dir doch einmal aussichtslos erscheinen, dann ändere das Urteil darüber und es wird sich ändern.

Sie tragen ein auffälliges Medaillon um den Hals – hat das eine Bedeutung?

Ja, es zeigt Marc Aurel, der auch Vindobona gegründet hat. Es ist eine von drei Münzen weltweit. Für mich ist Aurel der größte Geist und ein großes Vorbild. Deswegen trage ich ihn aus Respekt und als Glücksbringer. Früher habe ich Alexander den Großen gehabt, aber seine Philosophie entspricht mittlerweile nicht mehr meiner.

Richard Steiner mit Ehefrau

Richard Steiner mit Ehefrau

Wie definieren Sie Helden?

Es gibt verschiedene Definitionen aus meiner Sicht. Die größten Helden unserer Zeit sind jene, auf die das Geld keinen Einfluss hat.  Vorallem auch die Menschen, die sich aufopfern, um ihre Familien durchzubringen, und dabei gutmütig und positiv bleiben. Auch jemand, der sich durch die gesellschaftlichen Zwänge nicht klein machen lässt, ist ein Held. Ich habe höchsten Respekt vor diesen Menschen.

Es darf also jeder ein Held sein?

Schauen Sie, für kurze Zeit kann jeder ein Held sein und eine Rolle spielen. Das macht auch jeder. Es ist wie eine Rolle im Film. Doch ein Spielfilm dauert nur eineinhalb Stunden, das Leben ist aber länger. Man muss es also schaffen tagtäglich, im echten Leben, ein Held zu sein. Man muss dem Gegenwind der Ungerechtigkeit Stand halten, und sich dabei treu bleiben.

Würden Sie sich selbst als Held bezeichnen?

Nein, wirklich nicht. Seitdem ich die Facebook-Page habe, bekomme ich unzählige Lobeshymnen, ich kann das gar nicht alles lesen. Mir sind ein paar Sachen gelungen, aber das liegt vielleicht an der Anatomie. Man sagt ja, wer einen großen Kopf hat, der ist altruistischer. Und ich habe einen großen Kopf (lacht).