Unsere Gesellschaft ist von Ängsten dominiert

Philipp Albrecht (26) ist das, was man einen Selfmade-Man nennt. Der gebürtige Deutsche revolutioniert gerade den medizinischen Bereich. Er hat sich dem Problemlösen verschrieben und sagt: „Ich eigne mir Sachen in dem Moment an, in dem ich sie gerade brauche.“ Und: Er hat bereits seine Grabrede geschrieben. Zur Motivation, wie er meint.

Wer bist du und was machst du?

Ich bin Erfinder und Unternehmer.

Was erfindest du?

Lösungen für ungelöste Probleme. Ich habe eine Beobachtungsgabe, die es ermöglicht Dinge zu sehen, die andere nicht sehen. Das Problem ist, dass ich tausende Ideen habe, weil ich überall Dinge sehe, die besser laufen können.

Das heißt, Problemlöser ist dein Hauptberuf?

Ja genau. Es gibt verschiedene Kanäle wo ich das mache. Ich bin nicht nur Erfinder im geheimen Kammerl, sondern bringe die Dinge auf den Markt.

Was ist deine aktuelle Erfindung?

Zwei Dinge. Das eine sind die Erfindler – da arbeiten wir an Lösungen für die Zukunft. Wir haben ein “DreamaLab”, wo wir uns eine gute Erfindungsumgebung schaffen, wo wir mit 12 Leuten nach Blumau fahren und uns den Ideen hingeben. Wir schaffen einen Freiraum, der frei ist von Erwartungen. Wir haben uns angesehen, was es braucht, damit so etwas entstehen kann. Haben wir gerade gemeinsam mit einer sehr bekannten Job-Plattform gemacht.

Ihr geht mit Kunden auf Ideenfindung?

Genau, wir entwickeln mit den Kunden gemeinsam Lösungen für alle möglichen Herausforderungen. Das können neuartige Marketingideen sein oder ein Positionierungsproblem. Ganz verschiedene Dinge. Wie können Attraktionen der Zukunft in Vergnügungsparks aussehen? Alles Fragen von Kunden.

Ok, und was hast du jetzt erfunden?

HappyMed – eine Entspannungslösung für den medizinischen Markt. Wir denken Health Care neu. Medizin bzw. Heilungsprozesse müssen nicht mit Angst, Stress und Schmerzen verbunden sein. Wir überlegen uns Wege, wie wir es den Menschen einfacher machen können. Wir gehen auf Bedürfnisse ein um für den Behandlungserfolg bessere Voraussetzungen schaffen zu können. Wenn man relaxed ist, geht alles einfacher.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Wie kommt man auf so eine Idee?

Indem man beim Zahnarzt bei der Wurzelbehandlung sitzt und sich denkt: naja, das ist nicht so cool (lacht) Ich habe dann mit dem Zahnarzt gesprochen, was wäre, wenn man Filme während der Behandlung zeigen würde. Doch er meinte, dass das nicht so einfach sei wegen der Urheberrechte, der Installationen und so weiter. Also habe ich mir eine Videobrille gekauft und begonnen Zahnarztsituationen zu simulieren. Mit einem Sonnenstuhl in der Küche – und eine Freundin hat bei einem Freund Zahnärztin gespielt. (lacht)

Na das klingt wild. Wie habt ihr dann gestartet?

Wir haben 125 Interviews geführt und bekamen die Möglichkeit das bei Operationen zu testen. Dann ist dann eine Kooperation mit der FH Krems entstanden. Mittlerweile arbeiten wir an 4 Studien grenzüberschreitend, haben Awards gewonnen – wie den Investor-Sta – sind im Init-StartupInkubator und so weiter.

HappyMed

happymed.org
Wie finanziert ihr euch?

Bisher haben wir uns aus eigenen Mitteln finanziert. Wir sind Kämpfer. Wir hatten das Glück uns lange selbst finanzieren zu können. Ohne finanziellen Druck ist es schon einfacher.

Wie waren die ersten Reaktionen?

Das war so cool. Eine unserer Testpersonen, eine ältere Dame in der Onkologie, hatte ein Lachen im Gesicht, als wir sie mit HappyMed an den Strand geschickt haben. Sie konnte alles rundherum vergessen. Ein anderer hat sich eine Stunde vor seiner Operation Otto Waalkes angesehen. Es geht wirklich darum, den Patienten rauszubekommen, aus der OP-Angst. Ein anderer wiederum hat sich während der Ellbogen-OP eine Dokumentation über Gummibärchen angesehen. Womöglich  können wir so auch den Einsatz von Beruhigungsmitteln reduzieren. Somit wird das Risiko mit Vollnarkosen geringer. Der Patient braucht auch insgesamt weniger psychische Betreuung.

Was treibt dich an, wenn du solche Dinge erfindest?

Ich bin in Freiburg aufgewachsen und komme aus einer sehr liberalen Familie, die mich immer unterstützt hat. Das ist ein großer Segen. Gesagt zu bekommen, da gibt es einen alternativen Weg, das ist super. Ich war und bin Autodidakt. Ich muss die Dinge selbst tun. Ich eigne mir Sachen in dem Moment an, in dem ich sie gerade brauche. Ich lerne nichts Unnötiges. Ich war keinen Tag in meinem Leben angestellt und war so immer selbstverantwortlich.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Wie bist du Erfinder geworden?

Ich habe mit 14 Jahren begonnen Websites zu programmieren, bin dann nach Berlin gezogen. Dort habe ich Würstchen verkauft und nebenbei meine eigenen Sachen gemacht. Mal Kosmetik verkauft, von Tür zu Tür gegangen – da habe ich viel gelernt. Ich habe sehr früh finanziell die Verantwortung übernommen. Ich wollte einfach, dass jeder Tag zum Abenteuer wird.

Ich will niemanden, der mir sagt was ich tun soll.

Mittlerweile habe ich mir ein großes Netzwerk aufgebaut und kann viele Leute fragen, wenn ich was brauche. Leute, bei denen nicht alle gleich an ihren eigenen Vorteil denken, wenn ich mal an der Tür klopfe. Man unterstützt sich gegenseitig, das ist das tolle in der Startup Szene.

Das ist wohl ein wesentlicher Punkt heutzutage, oder?

Ich glaube,es geht nicht anders. Man braucht Leute, die mit einem arbeiten wollen. Auf diesem Weg findet man so viele neue Menschen – da kann ma viel Energie daraus ziehen. Man sollte sich nicht mit Menschen umgeben, die sagen: das geht nicht oder ich habs eh gesagt.

Wie gehst du generell mit Kritikern um?

Ich möchte immer wissen, warum sie glauben, dass etwas nicht geht. Denn geht nicht, gibt’s bei mir nicht. Wenn etwas nicht geht, dann nur weil ich mich nicht stark genug dafür einsetze. Der Wille versetzt Berge.

Aber wie gehst du persönlich mit solchen Menschen um?

Solche Menschen nenne ich Energievampire und versuche sie zu umgehen. Man muss zwischen konstruktivem Feedback und nicht reflektiertem Feedback unterscheiden. Es ist gut, wenn jemand reflektiert die Punkte aufzählt, auf die man aufpassen muss.

Sollte man als Unternehmer nicht von Haus aus kritikfähig sein?

Ich gehe den Weg als Unternehmer, weil ich meiner Leidenschaft folgen kann. Daraus hole ich mir Energie. Damit kann ich mir es erst leisten, andere Leute mit meinen Visionen zu unterstützen. Wenn mich meine Arbeit nicht inspiriert, kann ich nichts einbringen.

Das wichtigste Gut ist unsere Lebenszeit.

Also: Darf oder muss Arbeit Spaß machen?

Muss! Das wichtigste Gut, das wir haben, das ist unsere Lebenszeit. Die möchte ich nicht mit etwas vergeuden, was keinen Spaß macht. Deshalb: Überlege bei einem neuen Job immer, ob er dir deine Lebenszeit wert ist! Das gilt auch für andere Aktivitäten. Auch bei unserem Gespräch hier: bringt mir das was, langweile ich mich oder bin ich nur hier weil man das von mir erwartet? Mir ist es prinzipiell egal was andere über mich denken. So bin ich nicht fremdgesteuert von Erwartungen.

Aber du wirst doch nicht dein ganzes Leben nach diesen Fragen ausrichten?

Natürlich nicht. Teilweise ist es ein bisschen schwierig, wenn man alles bewertet. Dann reduziert man den Anteil der möglichen Gesprächspartner (lacht). Daran darf ich noch arbeiten.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Für was nimmst du dir Zeit?

Für meine Freundin. Und für mich. Ich habe meine Big-5 definiert und aufgeschrieben, was ich tun möchte. Ich habe mich gefragt, was meine persönlichen Aspekte dahinter sind. Da gibt es den Abenteurer, den Unternehmer, den Freund, den Künstler und den Beobachter. Diese Typen muss ich ansprechen. Ein Grund, warum ich für 7 Wochen nach Thailand gereist bin – einfach mit einem kleinen 25 Liter Rucksack. Ohne Plan. Es ist cool, was sich für Möglichkeiten auftun, wenn man im Denken etwas flexibler wird. Mit diesen Big-5 for Live konnte ich schon anderen Menschen helfen. Ich bin sogar schon soweit gegangen, meine eigene Grabrede zu schreiben.

Echt jetzt, eine Grabrede?

Ja, da geht es darum: meine Frau hält eine Rede über mich, wer ich war. Das ist nichts anderes als eine rückwärtsorientierte Zielsetzung für das Leben. Man kann überlegen in welche Richtung man geht

Das habe ich bis jetzt noch nie gehört.

Ich habe ein paar tolle Mentoren, die mir beim Nachdenken helfen. Deshalb mein Tipp: Mentoren suchen, mit denen man ganz offen sprechen kann, auch über ganz geheime Themen. Man braucht jemanden, der beim Reflektieren hilft.

Die Freiheit unserer Generation hätte ich meinen Eltern gewünscht.

Dieses Reflektieren, über das Leben nachdenken, neue Ziele erschaffen – glaubst du, dass das ein Problem unserer Generation ist?

Absolut. Unsere Eltern hatten ganz andere Strukturen. Wir haben ganz andere Voraussetzungen. Wir brauchen beispielsweise keinen klassischen Lehrberuf erlernen. Wir könnten uns sehr viel Wissen selbst aneignen. Ich hab zwar nie studiert, kann aber eine Firma aufbauen, betriebswirtschaftlich denken und technische Ansätze erarbeiten. Die Freiheit unserer Generation hätte ich meinen Eltern gewünscht.

Aber was, wenn manche gar nicht die Möglichkeit haben?

Die brauchen jemanden, der sie unterstützt. Man darf niemals glauben man ist alleine. Man muss nur anfangen zu fragen und nicht versuchen alles alleine zu machen. Also: jeder hat die Möglichkeit.

Die Leute sollen mutiger sein.

Du meinst also, die Leute fragen zu wenig?

Unsere Gesellschaft ist von Ängsten dominiert: Wenn du das nicht tust, dann das und so weiter. Lauter Gefängnisse, in denen wir uns bewegen. Die Leute sollen mutiger sein. Der Weg der Sicherheit ist nicht der zum Glück – den Mutigen gehört die Welt. Wir tendieren dazu alles viel zu komplex zu machen. Setze den ersten Schritt. Alles andere ergibt sich.

Muss man hin und wieder scheitern? Wie siehst du das?

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Scheitern nicht toleriert wird. Man muss mit dem Begriff vorsichtig sein. Hier wird gesagt: In unserer Gesellschaft sind wir darauf bedacht keine Schwächen zu zeigen. Alles soll immer gut sein. Dadurch nehmen wir uns viele Möglichkeiten. Wenn in den USA einer einen Porsche fährt, geht man hin und fragt: Hey, was hast du gemacht? Hier ist die höchste Anerkennung der Neid.

Wie stehst du zum Thema Führung: Wie viel Führung brauchen Menschen?

Menschen brauchen auf jeden Fall Führung. Ich glaube nicht, dass einfach alle entscheiden können. Das funktioniert nicht. Leute brauchen immer etwas oder jemanden, an dem sie sich orientieren können, jemand der voraus geht.

Aber der ist nicht automatisch allwissend.

Nein überhaupt nicht. Gottes Willen, das ist das Schlimmste.

Das Glück kommt nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Herzen.

Wie würdest du als Kapitän agieren?

Offen miteinander reden, Fehler eingestehen, auch eigene Fehler vor Mitarbeitern eingestehen. Die Mitarbeiter sind nicht für die Firma da, sondern als Firma hat man für die Mitarbeiter da zu sein. Ganz wichtig: Reflexionsgabe & kritikfähig. Jemand der das nicht kann, kann nicht führen. Aber wie auch immer, jeder muss seinen eigenen Führungsstil zu finden. Wir versuchen irgendwelche Modelle irgendwo hineinzuzwängen. Wir haben verlernt uns auf unsere Intuition zu verlassen. Das Glück kommt nicht aus dem Kopf, sondern aus dem Herzen.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Wie definierst du Selbstständigkeit im beruflichen Sinn?

Für mich ist es der Weg der Freiheit. Ich weiß, dass ich die besten Jobs haben könnte, aber das interessiert mich nicht. Es geht nicht ums Geld.

Welchen Stellenwert hat für dich Geld?

Es ist ein Mittel zum Zweck. Geld ist eine Möglichkeit, die man hat. Es ist eine Notwendigkeit, so funktioniert unser System. Geld ist ein Indikator für wirtschaftlichen Erfolg, aber es hat nichts mit persönlichen Glück zu tun. Wenn zu wenig da ist, ist es schlecht. Wenn zu viel da ist, kann es auch zu Problemen führen. Mein Ziel ist es, eines Tages Business Angel zu werden. Also ja: ich will sehr viel Geld verdienen. Aber nicht wegen einer Yacht, sondern um anderen auch finanziell zu helfen ihre Träume zu verwirklichen.

Wie definierst du Helden?

Helden sind für mich mutige Menschen.

Würdest du dich selbst als Held bezeichnen?

Ja.

Du bist der erste der so ad hoc “Ja” sagt. Auf genau das wollen wir raus: jeder darf sich als Held bezeichnen.

Ich rede normalerweise nicht gern über mich. Das war die Ausnahme diesmal.