Österreicher sind glücklicher, in Polen wird mehr gejammert

Natalia Kociuba ist 21 Jahre alt, kommt aus einem polnischen Dorf an der ukrainischen Grenze und studiert seit 2 Jahren in Wien. Mit uns hat sie über ihre Heimat geplaudert.

Natalia, erzähle ein bisschen über dich. Was studierst du?

Eigentlich wollte ich Transkulturelle Kommunikation mit Dolmetsch und Übersetzung studieren, aber das war nichts für mich. Ich habe damals gemerkt, dass mein Deutsch noch nicht gut genug ist. Also habe ich angefangen zu arbeiten, weil ich nicht wusste was ich studieren wollte. Ich habe bei Messen im Service mitgearbeitet, und war auch als Babysitterin tätig. Dafür habe ich einen Babysitter-Kurs gemacht. Dann musste ich mich entscheiden. Ich habe zufällig die FH für technisches Vertriebsmanagement gefunden, und am letzten Tag der Frist meine Unterlagen hingebracht. Ich wurde zu einer Aufnahmeprüfung und zu einem Interview eingeladen – und angenommen. Im September 2013 ging es dann los.

Ich kann alles lernen, es ist nie zu spät.

Technisches Vertriebsmanagement – Wie kommt man darauf?

Das war Zufall. Eigentlich ist es lustig, weil ich in Polen eher sprachen-orientiert war. Ich bin eigentlich nicht so technisch begabt und plötzlich war ich in technischen Laboren. Aber ich habe mir gedacht, das mit der Technik, das werde ich schon schaffen, auch wenn ich es zuvor noch nie gemacht habe. Aber ich habe die Einstellung: Ich kann alles lernen, es ist nie zu spät. Ich bin jung, habe noch so viele Jahre vor mir, also mache ich etwas Vernünftiges mit meiner Zeit.

Du hast vorhin davon gesprochen, dass du kaum Deutsch konntest, als du nach Wien gekommen bist. Mittlerweile sprichst du fast akzentfrei. Wie hast du so schnell Deutsch gelernt?

Ich habe bereits in der Schule Deutsch gelernt, aber dort lernte ich gerade einmal die Basics. Den Rest habe ich hier gelernt. Ich habe, als ich nach Wien kam, zunächst kaum Deutsch gesprochen, weil ich Angst hatte nicht verstanden zu werden. Das habe ich dann durch das Arbeiten abgelegt. Ich habe einen Deutschkurs gemacht und mich selbst weitergebildet, durch Filme, Mails, Medien. Ich lerne noch immer jeden Tag Deutsch. Wenn ich etwas nicht weiß, schaue ich einfach im Internet nach.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Ist Deutsch in eurer Schulbildung Standard?

Zwei Fremdsprachen sind Pflicht. Englisch und eine Sprache, die man sich aussuchen kann. Latein gibt es bei uns in der Schule selten, und kommt eher im Studium vor. Ich habe mir Deutsch ausgesucht und auch ein bisschen Russisch gelernt.

Worin liegen die größten Sprachunterschiede zwischen Polnisch und Deutsch?

Ach, da gibt es so viele. Es gibt vor allem Unterschiede bei den Artikeln und bei den Fällen. Im Polnischen gibt es zum Beispiel 7 Fälle.

Ist Polnisch schwer zu lernen?

Ich glaube schon. Wir haben eben 3 Fälle mehr als die deutsche Sprache. Im Polnischen haben Buchstaben oft eine doppelte Bedeutung. Das hängt von den grammatikalischen Regeln ab. Es ist schwer zu erklären – bei uns können bestimmte Wörter zwar gleich ausgesprochen, aber gewisse Buchstaben im Wort verschieden geschrieben werden. Beispielsweise kann U gleich Ó sein. Das spricht man gleich aus, wie das österreichische U, nur hängt es von der Grammatik bzw. Rechtsschreibung ab. Ein weiterer Unterschied ist, dass bei uns nur Eigennamen groß geschrieben werden. Also dominiert eigentlich die Kleinschreibung.

Wie sieht euer Schulsystem aus, wie ist es aufgebaut?

Die Pflichtschule startete bei mir mit 6 Jahren, das wurde mittlerweile etwas geändert. Die Volksschule dauert 6 Jahre. Inklusive Vorbereitungsjahr 7 Jahre. Danach kommt das Gymnasium, das dauert aber nur 3 Jahre. Das Gymnasium wird mit einem schriftlichen Pflichttest abgeschlossen. Ähnlich der Matura. Wenn man die Prüfungen besteht, bekommt man Punkte. Je nach Punkteanzahl kann man sich für die Oberschule bewerben, die startet mit 17 und dauert wieder 3 Jahre – bei technischen Schulen 4 Jahre. Man schließt dann mit 19 Jahren ab. Ich bin dann in die Oberschule und mit 17 Jahren von zu Hause ausgezogen, in ein Schülerheim. Dort war ich dann zwei, drei Jahre und hatte mit einer Freundin ein Zimmer.

Wolltest du eigentlich immer im Ausland studieren?

Ja, immer schon. Ich hatte schon einmal die Möglichkeit, in der Schulzeit nach Wien zu kommen. Mir hat es hier damals schon sehr gut gefallen.

Sind alle aus deiner Klasse woanders hingegangen?

Ich bin eigentlich die Einzige. Die Anderen sind nach Krakau oder Warschau gegangen. In meiner Heimatstadt gibt es nur eine sehr kleine Universität. Jede Stadt hat ein anderes Spezialgebiet.

Ist es in Polen nicht so üblich ins Ausland zu gehen?

Nicht jeder traut sich. Und einige sind nicht so sprachbegabt. Aus meiner Klasse sind viele an den Bereichen Mathematik, Finanzen, Mechatronik interessiert. Das ist sprachlich, im Ausland, natürlich schwieriger.

Natalia Kociuba
Finanzierst du dein Studium selbst?

Eigentlich schon. Meine Eltern unterstützen mich ein bisschen, aber ich versuche so viel wie möglich selbst zu finanzieren. Und da ich mit meinem Freund zusammenwohne, ist das auch einfacher.

Das heißt, du arbeitest neben dem Studium?

Ja, ich habe im 2. Semester begonnen einen Job zu suchen. Damals habe ich noch im Verkauf gearbeitet. Heute arbeite ich bei einer IT-Firma im Marketing.

Wie ist es um die Jobchancen in Polen bestellt?

Wenn man in Krakau oder Warschau lebt, kann man sehr gut verdienen. Aber am Land sind die Chancen nicht so gut. Prinzipiell kann man überall was erreichen, wenn man will. Die besten Bereiche in Polen sind die Öl- und Gas-Industrie sowie der Web/Software- Bereich.  Auch als Handwerker kann man gut verdienen – am ehesten aber als Selbständiger.

Wie ist der Lohnunterschied zu Österreich?

Groß. Als Verkäufer verdient man in Polen etwa 1500 Zlotys (348 Euro, Anm. d. Red.) im Monat.

Sind die Lebenskosten dafür geringer?

Wenn wir von Mieten sprechen, dann ja. Für ein großes Haus am Land betragen die Betriebskosten etwa 150 Euro – inkl. Steuer. Ich war sehr überrascht als ich nach Wien gekommen bin. Die Wohnkosten sind hier sehr hoch.

Hier sind alle viel glücklicher.

Was sind die größten Unterschiede zu Polen, die du festgestellt hast?

Das Gesundheitssystem hier ist super. In Polen wartet man auf Arzttermine teilweise bis zu 6 Monate. Es sei denn man zahlt privat – oder schwarz. Was noch auffällt: Hier sind alle viel glücklicher. In Polen wird mehr gejammert. Bei uns sind alle immer unzufrieden und etwas neidisch. Wenn jemand ein neues Kleid hat, ein neues Auto und so weiter.

Würdest du sagen, dass die Polen ehrgeiziger sind?

Es ist schon so, dass viele meiner Schulkollegen hart arbeiten und ehrgeizig sind. Viele machen neben dem Studium viele Sachen. Darauf bin ich auch etwas stolz.

Viele internationale Firmen haben mittlerweile ihren Sitz in Polen. Es tut sich einiges und man kann zumindest in den großen Städten gut verdienen.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Was war für dich die größte Umstellung?

Die Öffnungszeiten der Geschäfte. Bei uns haben die Geschäfte auch am Sonntag offen – von 9 bis 20 Uhr. Natürlich eher in den größeren Städten. Aber trotzdem. Und das, obwohl wir viel religiöser sind. Bei uns geht man in die Kirche und danach einkaufen (lacht).

Gehst du selbst oft in die Kirche?

Ich bin zwar gläubig, aber ich praktiziere den Glauben nicht wirklich. Ich bin griechisch-katholisch und rumänisch-katholisch, da ich aus einer Polnisch-Ukrainischen Familie komme. Meine Mutter ist wegen meinem Vater nach Polen gegangen.

Es ist nicht mein Problem, wenn den Leuten der Akzent nicht gefällt.

Hast du auch schon schlechte Erfahrungen in Österreich gemacht?

Naja. Ich bin ja prinzipiell ein bisschen schüchtern. Zum Beispiel beim Arzt: Wenn ich dort erklären soll, was ich habe, habe ich wieder Angst, dass die Leute mich wegen meines Akzents vorverurteilen. Ich hab dann immer die Sorge, dass man mich schlechter betrachtet.

Die Leute denken, als Ausländer ist man schlechter als andere. Ich war am Anfang auch sehr zurückhaltend. Da verändert sich dann natürlich auch die Körpersprache. Aber mit der Zeit hab ich gemerkt, dass es ok ist. Es ist nicht mein Problem, wenn den Leuten der Akzent nicht gefällt.

Vor allem hast du kaum einen Akzent – und du sprichst sehr schönes Deutsch.

Ich versuche hochdeutsch zu sprechen und nicht in der Umgangssprache zu reden. Ich finde das nicht so toll, wenn man in der Fremdsprache gleich den Dialekt annimmt, das klingt komisch.

Wie ist es um die Toleranz gegenüber Ausländern in Polen bestellt?

In den großen Städten sind die Leute schon toleranter. Aber natürlich gibt es Rassismus gegen Menschen mit einer anderen Hautfarbe oder gegen Homosexuelle. Das finde ich gar nicht gut. Sonst gibt es noch ab und an Unstimmigkeiten zwischen Polen und Ausländern. Die können miteinander nicht so gut.

Fährst du oft nach Hause?

Nein, ich fahre selten nach Hause. Ich war 2014 nur zwei Mal zu Hause.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Willst du eigentlich weiter hier bleiben?

Das weiß ich noch nicht. So lange ich studiere schon. Aber ich möchte jetzt einmal meinen Master machen. Nach Polen kann ich immer noch zurück. Aber ich kann nicht sagen, wo ich in 5 Jahren sein werde.

Marillenknödel – egal wo ich sie sehe, ich muss sie essen.

Ein ganz anderes Thema: Die Kulinarik – wo sind die größten Unterschiede?

Ich habe in meinen ersten Wochen in Wien nur Schnitzelhäuser und Brauhäuser gesehen. (lacht) Aber das Essen ist schon sehr ähnlich wie bei uns. Typisch polnisch ist zum Beispiel Sauerkraut mit Gewürzen oder Rote Rüben Suppe. Was neu für mich war, waren die Strudel, die Käsenockerl und der Kaiserschmarrn. Oder Marillenknödel – egal wo ich sie sehe, ich muss sie essen. Gerade Marillen gibt es bei uns in Polen nicht so oft. Die sind für mich der Himmel auf Erden (lacht). Ich esse selten in Restaurants. Erstens ist es teuer und zweitens nicht so gesund. Ich versuche seit März 2014 vegan zu leben. In Restaurants bestelle ich daher maximal vegetarische oder wenn möglich vegane Speisen. Aber die gibt es natürlich nicht überall. Ich probiere aber auch gerne Speisen aus anderen Ländern wie zum Beispiel Vietnam oder Indien.

Was muss man sich in Polen unbedingt ansehen?

Krakau ist sehr schön. Es ist auch die größte Partystadt. Da ist wirklich viel los, daher sollte man sich schon auskennen, wohin man geht. Warschau ist ebenfalls toll, aber teurer. Derzeit sind dort überall Baustellen, weil gerade die zweite U-Bahn-Linie gebaut wird. Bisher gab es wirklich nur eine U-Bahn. Im Norden Polens ist Danzig sehr interessant. Im Sommer ist die Gegend dort ziemlich populär – es gibt sehr, sehr viele Festivals. Man kann natürlich auch schwimmen, aber das Wasser ist nicht so warm.

Was ist dein Lebensmotto?

Wenn ich etwas erreichen will, unternehme ich alles, damit ich es auch erreiche. Ich rede aber erst darüber, wenn ich es geschafft habe.

Was war für dich ein bleibender Moment?

Es gab einen Friseur in Wien, den wollte ich schon in Polen immer besuchen. Aber ich wollte das Geld nicht ausgeben. Irgendwann zu meinem Geburtstag habe ich dann gesagt: ok. Und ich habe mir eigentlich immer gedacht, ich würde für ihn gerne als Model arbeiten. An diesem Tag hat er mich dann tatsächlich gefragt, ob ich für ihn Haarmodel sein möchte. Das hat mich natürlich umgehauen.