Man kann niemanden vor Erfahrungen schützen

Martina Kapral hat Spaß am und im Leben. Als Künstlermanagerin und Gründerin der Agentur “Humor AG” ist sie jeden Tag von Spaßkanonen umgeben. Doch es war nicht immer lustig. Vor 8 Jahren nahm sich Martinas Mann unerwartet das Leben. Der Humor war es, der der zweifachen Mutter Halt gab. In unserem Interview spricht sie erstmals über diese Zeit und warum das Thema Selbstmord in unserer Gesellschaft ignoriert wird.

Dieses Interview hat Martina als Anlass gesehen, aktiv zu werden, und eine Selbsthilfegruppe für Suizid-Hinterbliebene zu gründen. Die erste Sitzung fand am 17. März von 17.30 – 19.30 Uhr im Raum der Stille am Hauptbahnhof in Wien statt. Infos: kapral@humorag.at

Martina, was machst du genau?

Ich verkaufe Menschen – täglich (lacht). Nein, ich bin Künstlermanagerin und Gründerin der Humor AG, einer Künstleragentur. Künstler, die eine gewisse Wertigkeit erreicht haben, kommen zu uns. Wir unterstützen sie beim Markenaufbau, machen das Booking, die Tourplanung, und helfen den Künstlern, sich in der Öffentlichkeit zu verkaufen.

Das klingt nach spaßintensiven Arbeitstagen.

Ich würde lügen, würde ich sagen, dass mir meine Arbeit ausschließlich nur Spaß macht. Auch die Frau “Humor AG” ist nicht immer lustig. Aber ich habe Vergnügen daran, und es ist meine Berufung.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Also warst du schon immer im Kulturbereich tätig?

Nein, ich habe eigentlich Technische Chemie studiert und war in einer Agentur tätig, als ich der Liebe wegen mit dem Kulturmanagement in Berührung gekommen bin. Mein Mann Peter und ich haben uns auf einem Festival kennengelernt, und sofort ineinander verknallt. Da er und sein Partner bei einer großen Agentur zu wenig Aufmerksamkeit bekamen, habe ich dann das Management übernommen. Damals haben wir Wirtschaftsthemen aufgegriffen und humoristisch verarbeitet. Das hat gut funktioniert – bis Peter eines Tages verstorben ist.

Du sprichst den Selbstmord deines Mannes an. Hat es dafür irgendwelche Anzeichen gegeben?

Nein, ich habe nichts bemerkt. Ich habe nie darauf geachtet. Erst nach Peters Tod wurden mir die Augen geöffnet. Zum Beispiel sind viele Zugverspätungen darauf zurückzuführen, dass Menschen auf den Gleisen liegen. Darüber wird aber nicht gesprochen. Darum geht es mir in diesem Interview: Die Selbstmordrate ist so hoch, aber niemand thematisiert das.

Warum, glaubst du, wird darüber nicht gesprochen?

Emotionen haben nach wie vor keinen Platz in der Gesellschaft. Ich habe selbst lange meine Emotionen zurückgehalten. Viele Leuten haben Angst, und wollen nicht, dass hinter vorgehaltener Hand über die Familie getuschelt wird. Also ist Selbstmord nach außen hin kein Thema. Dabei hilft es, wenn man jemanden hat, der eine ähnliche Situation durchstehen musste. Ein Beispiel: Einige Monate nach dem Selbstmord meines Mannes, geriet eine Bekannte in dieselbe Situation. Ich wusste damals nicht, was ich für sie tun soll. Für sie hat es aber gereicht, mich zu sehen und zu wissen: die Welt dreht sich weiter.

Wenn ein geliebter Mensch geht, geht ein Teil von dir.

Wie bist du mit der Situation nach dem Tod deines Mannes umgegangen?

Es war wie ein Reset von meinem Leben. Ich habe Monate lang gegrübelt und mir Vorwürfe gemacht, dass ich das nicht gesehen habe. Du möchtest ja für die Person, die du liebst, da sein. Für mich war es wichtig zu erkennen, dass es krankheitsbedingt war. Man ist nicht daran Schuld, weil man es nicht sehen kann.

Aber wenn ein geliebter Mensch geht, geht ein Teil von dir. Ich war die ersten 3 Monate in einer Art Zwischenraum, in einer Art Trancezustand. Ich bin damals zum Glück von meinen Freunden und meiner Familie getragen worden. Mein Bruder beispielsweise hat sein Schlafzimmer geräumt und für mich und meine KinderPlatz gemacht. Es gab Freunde, die angepackt haben. Einer, der mich gleich geschnappt hat, war der Josef Hader (Kabarettist und Schauspieler, Anm.) Da entstand eine große Freundschaft. Diese Branche (die Kunst- und Kabarettbranche, Anm.) hat mich getragen und gehalten, als ich es gebraucht habe. Also ist es an mir, etwas zurückzugeben.

Wie hast du wieder Boden unter den Füßen bekommen?

Ich habe Ratschläge zugelassen und mir Unterstützung geholt. Ich bin ganz kleine Schritte gegangen. Auch wenn es Mini-Schritte sind: Man kommt voran. Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, nach vorne zu schauen und sich Ziele zu setzen. Die Existenzgrundlage war weg, das Einkommen war weg. Doch das  Schulgeldmusste bezahlt und  der Kindergartenplatz organisiert werden. Ich habe mich damals mit jenen Menschen auseinandergesetzt, bei denen ich gespürt habe, dass sie mir gut tun. Man ist in einer solchen Phase viel sensibler. Ich bin damals bei einem Essen einfach aufgestanden und gegangen, weil ich das Gefühl hatte, fehl am Platz zu sein. Das hätte ich mich früher auch nie getraut.

Wie haben deine beiden Kinder die Situation realisiert und wie hast du Energie gefunden, weiter die Mutterrolle zu erfüllen?

Das ist etwas Archaisches, glaube ich. Wenn ein Mitglied wegfällt, geht man trotzdem weiter. So schlimm es ist, aber man steht für seine Kinder.

Zu Beginn haben wir für Peter mitgedeckt.

Wie sehr hast du die Kinder einbezogen?

Ich habe Samuel (damals 3 ½) und Sophie (damals 11 Jahre alt) immer einbezogen. Ich habe mich damals stark mit dem Glauben auseinandergesetzt, um meinen Kleinen erklären zu können, wo der Papa jetzt ist. Es war mir wichtig gemeinsam zu trauern. Zu Beginn haben wir für Peter mitgedeckt. Er war einfach noch da.

Weil du es angesprochen hast: Wie gläubig bist du?

Ich glaube an etwas Höheres, wie auch immer man das nennen will. Die Enge der römisch-katholischen Kirche habe ich allerdings schon mit Anfang 20 verlassen, aber die Spiritualität ist geblieben. Durch einen Todesfall rollt man alles auf. Ich habe mir meinen Glauben durch meine Erlebnisse geformt.

Ist die Humor AG auch entstanden, um mit dem Thema Tod anders umzugehen?

Trauer ist eine ganz langsame Emotion und Humor ist dabei immer hilfreich. Ich sehe es als die schwierigste Turnübung der Welt, sich selber auf den Arm zu nehmen, sich nicht zu ernst und zu wichtig zu nehmen. Ja, ein Todesfall ist ein Schicksalschlag – aber in welcher Relation? Womit vergleicht man sein Schicksal? Der Humor zeigt mir: wenn ich über meinen Prozess nicht lachen kann, dann stecke ich noch mitten drinnen. Trauer braucht man aber auch. Es gibt Tage, an denen die Tränen fließen. Das Lachen und das Weinen – beides gehört zusammen.

Inwiefern?

Ich habe das in der Trauerphase stark erlebt: Ich bin spazieren gegangen und plötzlich habe ich gelächelt. Ich sagte mir: Du bist doch in Trauer, du darfst nicht lächeln. Doch dann habe ich nachgedacht. Natürlich darf ich lächeln. Ich muss nicht immer traurig sein, nur weil ich in der Trauerphase bin.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Gehört eine gesunde Trauer zum Alltag?

Wenn es eine Trauer ohne Wertigkeit und Drama ist, dann ja. Sonst besteht die Gefahr des Selbstmitleids. Wenn man nicht differenzieren kann, ist man schnell der oder die Arme.

Kannst du eigentlich noch Verständnis für das typisch österreichische Jammern aufbringen?

Ich habe keinen Raum mehr, für Jammern auf hohem Niveau. Es gibt so viele Menschen, denen es nicht gut geht. Fragen wir lieber bei ihnen nach, was wir für sie tun können. Durch das Jammern beraubt man sich seiner Lebenszeit. Ich mag mich nicht mehr mit Menschen umgeben, die sich selbst runterziehen. Jeder hat seine depressiven Phasen, aber wenn jeder nur in seiner Single-Wohnung sitzt, wird es nicht besser werden. Wir brauchen das Gespräch, den Kontakt.

Wie stehst du heute generell zum Thema Selbstmord?

Grundsätzlich steht es jedem zu, das für sich zu wählen. Aber wenn es aus einem Krankheitsbild entsteht – wir sind mit einem Lebensdrang geboren – ist es nicht notwendig. Viele gehen aufgrund einer schweren Depression. Leider müssen viele das Thema mit sich selbst ausmachen. Ich habe mir immer gedacht, dass es schön wäre, wenn man darüber sprechen könnte, wenn es Selbsthilfegruppen gäbe und Stellen, an die man sich wenden kann.

Selbsthilfegruppe für Suizid-Hinterbliebene

17. März von 17.30 bis 19.30 Uhr im Raum der Stille am Hauptbahnhof -Infos unter kapral@humorag.at
Findest du, dass Selbstmord zu oft als „selbst schuld, weil selbst gewählt“ abgetan wird?

Es wäre wünschenswert, wenn Selbstmord nicht mehr so gewertet werden würde. In unserer Gesellschaft ist es immer dramatischer, wenn jemand bei einem Unfall stirbt. Viele Selbstmörder nehmen sich auch nicht grundlos das Leben. Es gibt immer einen Auslöser, wenn jemand diesen Schritt wählt. Es hat einen ernsten Grund, wenn der Tod zur einzigen Alternative wird.

Kommt dir deine Sensibilität in deinem täglichen Geschäft zugute? Muss man in der Kunstbranche sensibler sein?

Natürlich. Wenn man als Künstler an einem Tag vor 3000 Leuten spielt und am nächsten plötzlich nur mit sich alleine ist, ist das eine schwierige Situation, mit der nicht so viele umgehen können.

Muss ein Kabarettist traurig sein können? Muss es diese dunklen Seiten geben?

Man muss manchmal in die Tiefe abtauchen, um dann mit einer Perle zurückzukommen. Das Dunkle kann auch schöne Seiten haben. Es geht immer wieder aufwärts. Das ist auch meine Erfahrung. Ein Künstler erlebt diese Berg- und Talfahrt wesentlich intensiver als jemand, der täglich seinen 9-to-5 Job verrichtet. Der wird das nicht nachvollziehen können.

Man kann niemanden davor schützen, Erfahrungen zu machen.

Wie geht man mit dieser Unstetigkeit, mit diesem Scheitern um?

Hinfallen, aufstehen, weitergehen. Wenn du mit Künstlern arbeitest, dann hast du nichts Stabiles, das entwickelt sich jeden Tag neu. Das Scheitern gehört dazu und man kann niemanden davor schützen, Erfahrungen zu machen. Im Nachhinein ist man immer gescheiter. Aber man kann auch von Fehlern anderer lernen. Ich denke, man kann niemandem ein kleines bisschen Scheitern abnehmen. Aber: Wenn ich an etwas glaube und einen Traum habe, dann muss ich weitermachen. Ein Unternehmer, der nicht scheitern will, das funktioniert nicht.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Sind Unternehmertum und Kunst zwei Begriffe, die zusammen passen?

Das ist wie mit rechter und linker Gehirnhälfte. Jemand aus der Wirtschaft spricht eine andere Sprache, als jemand aus dem Kulturbereich. Aber beide sehnen sich ein bisschen nach dem Anderen. Ich sehe mich als Übersetzerin dieser beiden Welten. Für mich persönlich gilt: Ich muss machen, was mir Spaß macht. Ich mache es nicht des Geldes wegen und ich zähle nicht die Stunden. Was für viele oft der Sonntag ist, ist für mich dann der Mittwoch. Viele Unternehmen rennen jeder Kleinigkeit hinterher. Man muss sich auch Zeit für sich nehmen, um Energie zu tanken. . Sonst kann man nicht erfolgreich sein.

Wie definierst du Helden?

Helden sind für mich Leute, die mutig sind. Menschen, die etwas Einzigartiges geschafft haben und die es wagen Dinge zu machen und anzusprechen.

Siehst du dich selbst als Heldin?

Ja. Jeder ist ein Held. Jeder hat seine Geschichte zu erzählen und jeder kann es schaffen. Wenn man die Ärmel hochzieht und anpackt. Deshalb erzähle ich meine Geschichte. Auch wir Frauen haben so viel Kraft, und mir hat das Leben gezeigt, dass vieles möglich ist, wenn man einfach nur macht und andere um Hilfe bittet.