“Kein Mensch braucht die Pandabären”

Martin Moder ist Molekularbiologe und Wissenschaftsvermittler. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Themen der Forschung möglichst einfach zu erklären, um das Interesse in der breiten Öffentlichkeit zu schüren. Dadurch hat er letztes Jahr in Kopenhagen den ersten Europameister Titel im Science Slam geholt. Ganz nebenbei forscht er an einer seltenen Erbkrankheit und versteht nicht, wieso Pandas gerettet werden sollen, Insekten aber nicht. Ein Gespräch über Pseudowissenschaft, Gentechnik, veränderte Embryonen und Religion.

Martin, was machst du genau?

Ich bin Molekularbiologe in der medizinischen Forschung und arbeite derzeit an einer seltenen Erbkrankheit. Wenn Zeit bleibt, versuche ich zu vermitteln, warum Wissenschaft so geil ist (lacht). Ich schreibe einen Wissenschafts-Blog und bin aktiv in der Gesellschaft für kritisches Denken. Das ist ein Ableger der globalen Skeptiker Bewegung. Wir versuchen zu erklären, wo die Grenze zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaften liegt. Da wird zum Beispiel jedes Jahr das “Goldene Brett vorm Kopf” verliehen. Den Preis erhält jene Person, die den größten Schaden durch pseudowissenschaftlichen Unfug angerichtet- oder sich am stärksten dadurch bereichert hat.

Warum bist du so ein vehementer Kritiker dieser Pseudowissenschaften geworden? Haben sie nicht doch auch ihre Berechtigung?

Vor ein paar Jahren bin ich in eine Wohnung in Mödling gezogen. Die anderen Mieter in dem Gebäude wollten eine Anlage einbauen lassen, die das Wasser energetisiert. Das ist ein pseudowissenschaftliches Konzept, dessen Wirkung vielfach widerlegt wurde. Der Einbau hätte jeden von uns hunderte Euro gekostet. Da wirst du aus der Not heraus zum Skeptiker.

Processed with VSCOcam with a7 preset

Foto: Markus Neubauer

Gilt für dich ausschließlich, was die Wissenschaft sagt?

Manche Dinge lassen sich überprüfen andere nicht. Hat das Universum einen Sinn? Keine Ahnung. Es gibt kein Experiment, das mir darauf eine Antwort liefern könnte. Andere Fragen lassen sich sehr klar beantworten. Macht Therapie X Patienten schneller gesund als eine Scheintherapie, auch Placebo genannt? Gib mir zwei Gruppen von Patienten und ich gebe dir die Antwort. Da ist das wissenschaftliche Resultat um Welten zuverlässiger als ein diffuses Bauchgefühl. Wissenschaftlern wird oft vorgeworfen nur zu glauben was in ihr Weltbild passt. Aber das stimmt nicht, Wissenschaftler sind bereit die absurdesten Dinge zu glauben, solange man vernünftige Belege dafür hat.

Also nach dem Lotto-Prinzip: Alles ist möglich?

Pseudowissenschaften stellen Behauptungen auf und verteidigen sie vehement, unabhängig davon was Untersuchungen zeigen. Eine Gruppenleiterin an meinem Institut hat uns ganz zu Beginn des Doktorats gesagt „If you can’t keep an open mind, you’re in the wrong profession“. In welchem anderen Job bekommt man so etwas zu hören?

Aber ganz ehrlich: Wie kann man sagen, dass man alles akzeptiert, aber gleichzeitig immer einen Beweis fordern? Wie kann man für alles offen sein, wenn alles belegbar sein muss?

Wir verstehen heute Dinge, die einfach erstaunlich sind. Zum Beispiel dass ein subatomares Teilchen gleichzeitig an verschiedenen Orten sein kann. Das widerspricht allem, was man bis zu dieser Entdeckung zu wissen geglaubt hat, aber Forscher akzeptieren es, weil sämtliche Untersuchungen zu genau diesem Ergebnis kommen. Andere Dinge wiederum klingen banal, stellen sich aber als falsch heraus. Wenn man sich die methodisch besten Untersuchungen ansieht, kommt man zwangsläufig zu dem Schluss dass Homöopathie nicht besser wirkt als eine Scheintherapie, ein Placebo. Das ist quasi die Definition von Alternativmedizin. Man testet ob eine Behandlung wirkt. Wenn sie wirkt, nennt man es Medizin. Wenn sie nicht wirkt, kann man unter dem Namen Alternativmedizin trotzdem Geld damit machen. Natürlich stößt man auch in der Forschung auf Kritik wenn man etablierte Meinungen anzweifelt. Kritik ist sogar eines der wichtigsten Werkzeuge der Forschung. Wissenschaftler versuchen sich ständig gegenseitig zu widerlegen. Aber wenn die Daten eine klare Sprache sprechen, kann man dagegen argumentieren soviel man möchte. Forschern, die etablierte Meinungen widerlegen verleiht man Nobelpreise.

Aber es gibt doch Studien, die das Gegenteil behaupten. Bachblüten und Co. funktionieren angeblich bei vielen Menschen.

Die wissenschaftliche Literatur zeigt einen interessanten Trend: Je methodisch besser eine Studie ist, desto geringer die Wahrscheinlichkeit dass sie eine Wirkung bei Alternativmedizin findet. Es ist ganz normal, dass wir das Gefühl haben, diese Dinge würden wirken. Als ich ein Kind war, haben mir Globuli auch geholfen. Scheinbar. Genauso wie das Bussi von der Mama auf das verletzte Knie. Aber grundsätzlich ist es so: wir nehmen Medikamente, wenn es uns gerade schlecht geht. Nun gibt es Krankheiten, die verschwinden einfach nach einer gewissen Zeit wieder. Beispielsweise Neurodermitis bei Kindern. Angenommen, eine Mutter geht zum Arzt und das Kind bekommt Neurodermitis diagnostiziert. Der Arzt empfiehlt Cortison, die Mutter will das aber nicht, weil es doch ein starkes Medikament ist. Dann probiert sie es sanft und geht zur Bioresonanz. Auch da ändert sich nichts, also geht sie zur Akkupunktur. Es folgen unzählige teure Nadel-Sitzungen aber keine Besserung ist feststellbar. Als letzte Option wählt sie ein homöopathische Mittel und siehe da: die Neurodermitis verschwindet. Selbstverständlich wird diese Mutter ihr Leben lang schwören: Ich habe alles probiert, nichts hat geholfen, außer die Homöopathie. Was sie aber nicht weiß ist, dass die Krankheit eine hohe Spontanremissionsrate hat. Oft verschwindet sie in der Pubertät von alleine. Sie wäre auch ohne die ganzen Therapien verschwunden. Die Mutter kann das aber nicht wissen und wird ihr Leben lang der festen Überzeugung sein dass nur die Homöopathie geholfen hat. Da kannst du mit Studien kommen so viel du willst. Wäre die Reihenfolge an Therapeuten umgekehrt gewesen, würde sie stattdessen auf Bioresonanz schwören. Das ist absolut verständlich. Genau deshalb braucht es systematische Untersuchungen, die unsere intuitiven Fehlerquellen ausschließen.
Trotzdem möchte ich sagen: Manchmal ist es legitim ein Placebo zu verabreichen. Problematisch wird es, wenn Ärzte selbst daran glauben.

Aber glaubst du nicht, dass es einfach Dinge gibt, die wirken, aber die absolut nicht erklärbar sind?

Prinzipiell glaube ich, dass wir erst einen Bruchteil von dem verstehen was es grundsätzlich zu verstehen gäbe. Aber das Schöne an der medizinischen Forschung ist, dass man nicht verstehen muss wie etwas wirkt, um testen zu können ob etwas wirkt. Wenn eine Therapie die Heilung beschleunigt, das Immunsystem stärkt oder sonst irgendeinen Effekt hat, ist das zwangsläufig testbar. Dass Aspirin Schmerzen lindert, hat man lange gewusst, bevor man herausgefunden hat wie das funktioniert. So viel zu den medizinischen Themen. Daneben gibt es natürlich große Fragen, bei denen ich skeptisch bin ob wir jemals eine Antwort finden werden. Das sind die Phänomene die mir schlaflose Nächte bereiten.

Die da wären?

Warum gibt es Etwas und nicht einfach Nichts?
Was ist die Natur des Bewusstseins?
Warum hält sich das Universum in seinem Fundament an Formeln, die elegant sind? Das bekannteste Beispiel ist sicherlich E=mc2. Da schaut die Wissenschaft derzeit blöd durch die Finger (lacht).

Ich denke jetzt einmal abstrakt: Kann es sein, dass Wissenschaft nur eine Momentaufnahme ist. Ein Gedankenkonstrukt, das wir uns über Jahrtausende zusammengezimmert haben, das aber ausschließlich in unserer Wahrnehmung funktionieren kann? Beispiel: Es könnte doch Planeten geben, auf denen Leben auch in der unvorstellbarsten Form möglich ist.

Es gibt den Spruch: Die Wissenschaft ist der aktuellste Stand unseres Irrtums. Was wir heute als Naturgesetze definiert haben ist das, was nach Jahrhunderten der Überprüfung übrig geblieben ist. In der Regel wird es nicht verworfen sondern ergänzt. Damals bei der Newtonschen Mechanik haben die Leute auch geglaubt, das Universum wäre damit fast vollständig erklärt. Dann kamen die Relativitätstheorie und dann die Quantenphysik. Es gibt keinen Grund zu glauben, dass hier Schluss sein sollte. Aber die alten Gesetze werden dadurch nicht ungültig. Newton hat noch immer Recht, wenn es um Objekte in unserem Alltag geht. Einsteins Relativitätstheorie hat das lediglich erweitert, so dass man auch sehr schwere und schnelle Objekte berechnen kann. Die Quantenphysik hat es dann noch auf ganz kleine Teilchen ausgeweitet. Neue Erkenntnisse widerlegen die alten oft nicht sondern ergänzen sie.  Wir werden noch viel finden, was wir uns jetzt noch nicht vorstellen können. Ich hoffe unvorstellbare Lebensformen auf anderen Planeten gehören irgendwann dazu. Heute beobachten wir Galaxien, die Milliarden Lichtjahre entfernt sind und sich dennoch so verhalten, unsere Naturgesetze es vorhersagen. Wir messen die kosmische Hintergrundstrahlung und können daraus ableiten, dass sich das Universum Sekundenbruchteile nach seiner Entstehung mit Überlichtgeschwindigkeit auf Fußballgröße ausgedehnt hat, bevor es sich wieder verlangsamt hat. Ein unglaublicher Gedanke und eine beachtliche Leistung für unser kleines Affenhirn. Deswegen interessiere ich mich so sehr für Wissenschaft. Sie hat einfach viel coolere Geschichten zu erzählen, als frühere Erklärungsversuche.

Du meinst als Religionen und Glauben?

Es gibt zur Religion zwei Fragen, die man sich stellen kann. Die eine ist, ob eine Religion die Wahrheit verkündet. Dazu habe ich mir mittlerweile eine Meinung gebildet. Im Laufe der Menschheitsgeschichte gab es tausende Religionen, die sich meistens untereinander widersprechen und oft sogar in sich selbst. Sollte tatsächlich eine Religion die Wahrheit verkünden, wirst du trotzdem mit über 99% Wahrscheinlichkeit die falsche erwischt haben. Da lohnt sich spekulieren kaum. Die zweite Frage ist, ob es persönlich oder gesellschaftlich sinnvoll ist, an einen Gott zu glauben. Wäre die Welt besser wenn Menschen die Verantwortung nicht auf höhere Wesen abschieben könnten? Ich weiß es nicht. Dazu habe ich noch keine Meinung.

Wir Menschen sind irrationaler als wir gerne zugeben. Da ist niemand eine Ausnahme

Aber einfacher ist es schon, zu sagen: da gibt es einen Gott und aus. Gegen solche Totschlagargumente von Religionsfanatikern anzukommen ist kaum möglich. Gibt es irgendein wissenschaftliches Argument für die künftigen Stammtischdiskussionen?

Wenn man annimmt, ein allmächtiger Schöpfer würde ständig seine Finger im Spiel haben, wird jedes Argument haltlos. Dann hat Gott eben die Dinosaurierknochen vergrabe, um unseren Glauben zu testen. Glaubenssysteme wie Pseudowissenschaften oder Religionen immunisieren sich prinzipiell gegen Kritik. Wir Menschen sind irrationaler als wir gerne zugeben. Da ist niemand eine Ausnahme, auch ich nicht. Ich glaube beispielsweise, dass der Mensch im Kern gut ist und, dass alles immer irgendwie gut ausgeht. Dafür habe ich keinen Beleg, aber es hilft mir. Ich bin aus der Kirche ausgetreten, habe aber prinzipiell kein Problem mit Religion. Vor allem wenn sie als Quelle der Hoffnung herangezogen wird und nicht als Erklärungsmodell für irgendetwas. Je inkonsequenter ausgelegt, desto vernünftiger würde ich sagen. Ich bin auch überzeugt, dass die meisten Menschen, die sich als religiös bezeichnen, diese Geschichten nicht wirklich glauben, wenn sie sich ganz ehrlich sind. Stell dir vor, die Leute würden das Leviticus Evangelium tatsächlich für das unumstößliche Wort eines Gottes halten. Dann Gnade uns Gott (lacht). In Genesis hat Gott einen Menschen namens Onan getötet, weil er auf den Boden onaniert hat, anstatt die Frau seines verstorbenen Bruders zu schwängern. Daher kommt das Wort onanieren. Solche Geschichten hätte ich in der Kirche gerne gehört (lacht). Wenn man die Leute motivieren will nachzudenken, sollte man ihnen nicht Irrationalität vorwerfen sondern einfach coolere Alternativen anbieten. Ich finde die Idee eines Urknalls, der alles ausgespuckt hat was wir heute sehen, um ein vielfaches aufregender als sechs Arbeitstage eines Welt-Architekten. Und die Tatsache, dass wir nicht wissen wie es zu diesem Knall gekommen ist, macht es erst besonders spannend!

Zurück zu dir: Woher kommt eigentlich dein Interesse für die Wissenschaft?

Das kam eher schleichend. In der Schule ist oft zu wenig Zeit, um die Philosophie hinter diesen Entdeckungen zu diskutieren und um die Leidenschaft der Forscher zu vermitteln. Man lernt die Newtonsche Mechanik, aber nicht was in Newton bei der Entdeckung vorging. Er hat geglaubt Kometen wären die Art und Weise, wie Gott Sonnensysteme ausbalanciert und stabil hält. Das sind die Storys, die die Wissenschaft spannend machen. Der Beginn meines Studiums fiel mir nicht besonders leicht. Aber irgendwann wurde mir klar, in welcher spannenden Zeit man sich als Molekularbiologe eigentlich befindet. Das gab mir einen riesen Motivationsschub, dann hat es auf einmal auch für Leistungsstipendien gereicht. Diese Generation von Molekularbiologen wird als erste in der Lage dazu sein, das menschliche Erbgut gezielt zu verändern. Ob es uns gefällt oder nicht. Die Frage ist: Wollen wir das? Ich würde mir einen gesellschaftlichen Diskurs dazu wünschen, aber ich sehe ihn nicht.

Während es früher bis zu zwei Jahre gedauert hat um ein Gen in einer Maus gezielt zu verändern, geht das jetzt in zwei Wochen.

Und, wollen wir das? Was bringt’s?

Seit 2013 gibt es eine Technologie die gerade dabei ist die Molekularbiologie zu revolutionieren. Sie heißt CRISPR/Cas9 und macht es wahnsinnig einfach Gene auszuschalten, einzubringen oder allgemein zu verändern. Auch ich arbeite mittlerweile damit. Während es früher bis zu zwei Jahre gedauert hat um ein Gen in einer Maus gezielt zu verändern, geht das jetzt in zwei Wochen. Mittlerweile kam eine Methode heraus um die Technologie noch 1.500 mal präziser zu machen. Vor wenigen Monaten wurde der erste Fachartikel veröffentlicht, in dem Wissenschaftler menschliche Embryonen mit CRISPR verändert haben. Überlege dir, was in 10 Jahren möglich sein könnte. Die Frage ist, ob wir als Gesellschaft erwachsen genug dafür sind.

Sind wir dafür reif?

Ich weiß es nicht. Aber ich erzähl dir was: Ich habe einen ein Blogartikel geschrieben an dessen Ende ich eine Frage an die Leser gestellt habe: “Wenn ein Paar aus genetischen Gründen keine gesunden Kinder zur Welt bringen kann, sollte es ihnen erlaubt sein ihre Gendefekte im Embryo zu korrigieren?” Es kamen viele Gegenargumente: Wir wissen zu wenig, man darf nicht Gott spielen, es würde Menschen mit Behinderung herabwürdigen etc. Aber gegen Ende kommentierte eine Frau, die selbst an einer schweren Behinderung litt. Zusammengewachsene Finger, Hörbeeinträchtigung, Epilepsie, Urogenitale Fehlbildungen. Alles wegen einem seltenen Gendefekt. Sie hat gesagt, dass sie ihr Leben nicht als weniger wert wahrnimmt, aber, dass sie diese Krankheit niemandem wünscht, schon gar nicht ihrem Kind. Sie findet es scheinheilig, wenn gesunde Menschen Leuten mit Behinderung vorschreiben, was sie tun dürfen und sich dabei auch noch moralisch überlegen fühlen. Wegen solchen Fällen hätte ich gerne, dass die Leute sich mit Gentherapie auseinandersetzen bevor sie plötzlich da ist. Sonst geht es uns wie bei der Grünen Gentechnik, die heute ja auch verteufelt wird.

Weil die Menschen sich die Dinge vielleicht nicht vorstellen können?

Laut Berechnungen des Club of Rome wird sich der Bedarf an Lebensmitteln bis 2050 mindestens verdoppeln. Nicht nur weil die Zahl der Menschen steigt, sondern auch deren Wohlstand. Wir müssen also auf doppelt so viele Lebensmittel produzieren und wir haben jetzt schon zu viel Wald in Ackerfläche umgewandelt. Es muss sich ein Weg finden die Landnutzungseffizienz zu steigern ohne die Böden dabei zusätzlich zu belasten. Sonst gibt es bald entweder keinen Wald mehr oder Hungersnöte. Gentechnik ist die derzeit erfolgreichste Zuchtmethode, um die Effizienz von Nutzpflanzen zu steigern. Bio wird oft als Lösung angepriesen und hat sicherlich eine Daseinsberechtigung als Nischenprodukt. Aber man sollte schon so ehrlich sein zu sagen, dass Bio-Landwirtschaft kein Konzept ist, das die Welt ernähren kann. Dafür ist die Landnutzungseffizienz zu gering. Bei drei Milliarden Menschen in den 1960ern ging das gerade noch. Heute, bei sieben Milliarden mit steigender Tendenz ist das naive Träumerei.

Du meinst Bio und Ökö sind keine Allheilmittel für den Weltfrieden?

Wir haben immer ein vereinfachtes Bild der Welt in unserem Kopf. Da ist Bio natürlich und gut, Gentechnik hingegen unnatürlich und böse. Aber so einfach ist die Welt nicht. Ein Beispiel: Jeder kennt die Apfelsorte Golden Delicious. In den 1980ern hat man seine Samen radioaktiv bestrahlt und eingepflanzt. Man hat dann geschaut ob irgendeiner der Nachkommen durch die Radioaktivität wünschenswerte Eigenschaften bekommen hat. Atomic Gardening nennt man diese Mutationszüchtung. Einer hatte größere Äpfel, die außerdem länger haltbar waren und geglänzt haben. Den nannte man dann Golden Haidegg. In dem Apfel wurden hunderte Gene zufällig mutiert, niemand weiß welche Gene genau verändert wurden. Aber weil die Veränderungen nicht gezielt eingeführt wurden, gilt das nicht als Gentechnik und wurde nie auf die Unbedenklichkeit geprüft. Den Golden Haidegg darf man in jedem Österreichischen Bio Laden als Bio Apfel verkaufen! Zufällige Mutation durch Radioaktivität oder Chemikalien muss nicht gekennzeichnet werden. Wenn ich aber eine Pflanze hernehme, in ihr ein einziges Gen gezielt verändere und sie jahrelang auf ihre Unbedenklichkeit prüfe – dann ist das Gentechnik und wird verteufelt. Ich wiederhole mich, wenn ich sage, dass wir nicht rational sind.

Foto: Markus Neubauer

Foto: Markus Neubauer

Aber wieso haben so wenige Menschen Verständnis dafür?

Den Menschen fehlt die Zeit, sich mit solchen Dingen ernsthaft auseinander zu setzen. Ich kann von keinem Menschen verlangen ein Experte in Sachen Gentechnik zu sein, wenn er ganz andere Sorgen hat. Genauso wie ich niemals ein Experte in Sachen Elektrotechnik sein werde – es fehlt an Zeit und Interesse. Es ist dann aber wichtig, dass man sich auch eingesteht, kein Experte zu sein. Es ist paradox: Jeder akzeptiert dass der Automechaniker mehr von Autos versteht als man selbst. Es streitet auch niemand ab, dass der Klempner mehr von Rohren versteht als man selbst. Aber wenn 99% aller Experten sagen die zugelassenen gentechnisch veränderten Pflanzen sein unbedenklich und hätten unterm Strich einen positiven Einfluss auf Ökologie und Landwirtschaft – dann weiß man es plötzlich besser. Dann vertraut man lieber der Pseudodokumentation auf YouTube, als den Wissenschaftlern die jeden Tag an diesem Thema arbeiten.

Ist es ein Ego-Problem? Stichwort: Stammtischexpertisen. Aber wie siehst du das: Könnte jeder, der sich interessiert und will, in der Molekularbiologie erfolgreich sein?

Die Welt ist kompliziert. Hätte man nur eine Meinung zu den Themen, die man wirklich versteht, hätte man zu kaum etwas eine Meinung. Das wäre vielleicht vernünftig aber irgendwie auch fad. Wissenschaft kann jeder verstehen, der ein funktionierendes Gehirn und ein Interesse dafür hat. Ich halte mich nicht für gescheiter als andere Leute und bis jetzt läuft bei mir im Labor alles rund.

Wir sind die anpassungsfähigste Spezies der Welt. Wir haben das Potenzial all unsere Probleme zu lösen. Wir müssen uns nur dazu entscheiden, es zu wollen.

Wie siehst du unsere Zukunft?

Ich bin ein hoffnungsloser Optimist. Wenn man die Zeitung liest glaubt man es kaum, aber global betrachtet leben wir in der friedlichsten und wohlhabendsten Zeit der Weltgeschichte. Die Wahrscheinlichkeit, durch Gewalteinwirkung zu sterben war noch nie so niedrig wie heute. Vor allem wenn man im Herzen Europas lebt. Es gibt zwar schreckliche Konflikte, aber in Zahlen betrachtet sterben darin deutlich weniger Menschen als in erklärten Kriegen zwischen Ländern. Demokratien bekriegen sich gegenseitig fast nie und noch nie gab es davon mehr als heute. Wir haben eine Lebenserwartung die 3-mal so hoch ist, wie die von einem König vor ein paar hundert Jahren. Außerdem muss man nicht mehr acht Kinder auf die Welt bringen, damit zwei davon erwachsen werden. Das ist für uns heute selbstverständlich. Es gibt natürlich noch viele Probleme zu lösen, aber insgesamt sehe ich die Welt auf dem richtigen Weg. Gerade als Österreicher – es hat nur zwei Generationen gedauert um uns von einem Naziregime zu einer der liberalsten Gesellschaften der Welt zu entwickeln. Wir sind die anpassungsfähigste Spezies der Welt. Wir haben das Potenzial all unsere Probleme zu lösen. Wir müssen uns nur dazu entscheiden, es zu wollen. Dazu braucht es Vernunft und Empathie.

Wie stehst du zu der Aussage, dass der Natur selbst die Menschheit egal ist. Das unser Zutun keine ernsthafte Auswirkung hat. Oder ist das eine Stammtischweisheit?

Aus Sicht der Natur sind wir nur eine Gruppe Trockennasenaffen von vielen. Wir vermehren uns aber so erfolgreich, dass wir ein großes Massensterben verursachen. Wir tun immer so als würden wir die Umwelt retten wollen, dabei ist es unser eigener Hut der brennt. Die Umwelt kommt auch ohne uns klar. Sie hat schon fünf Massensterben weggesteckt bevor es uns überhaupt gab. Wenn wir uns selbst über den Jordan jagen zuckt die Natur ein paarmal mit den Schultern und macht weiterhin business as usual. Wenn wir sagen wir wollen die Umwelt retten meinen wir eigentlich, dass wir unsere eigene Zukunft retten wollen.

Ist dieses “Weltretten” dann nicht auch nur Getöse?

Weltretten ist super, aber wir verfolgen den falschen Ansatz. Wir müssen funktionierende Ökosysteme retten, nicht die kuscheligen Pandas. Kein Mensch braucht die Pandas (lacht).

Aber aus Sicht des Ökosystems hat der Panda keine Priorität.

Ist das jetzt dein Ernst? Du willst den Hass aller Tierschützer auf dich nehmen?

Wenn wir von Artenschutz sprechen, denken wir meistens daran einzelne Tiere vor dem Aussterben zu schützen. Den Wal, das Nashorn oder eben den Panda.
Ich weiß, es ist verlockend sich für den Panda stark zu machen, er sieht halt einfach knuffig aus. Aber aus Sicht des Ökosystems hat der Panda keine Priorität. Es gibt kein Ökosystem, das auf den Panda angewiesen wäre, trotzdem verschlingt er unproportional viele Spendengelder. Jeden Tag sterben Arten aus, manche Schätzungen meinen es wären über hundert Pro Tag. Viele davon kennen wir noch nicht einmal. Was Ökosysteme brauchen ist eine funktionierende Zusammensetzung der Arten. Nicht nur von kuscheligen Tieren sondern auch von Insekten und deren Parasiten. Damit lassen sich schwer Spendengelder einholen, aber wenn man die Artenvielfalt als Baum betrachtet sollte man versuchen die Grundstruktur des Baumes zu retten und nicht den kuscheligsten Ast.

Für die Hobby-Wissenschaftler unter uns: Wie kann man sich über Wissenschaft gut informieren, ohne gleich ein Studium absolvieren zu müssen? Wikipedia?

Lest meinen Blog (lacht). Spaß beiseite, Wikipedia ist super, aber fad. Auf YouTube gibt es so viele spannende Kanäle zu populärwissenschaftlichen Themen, die sehr korrekt und unterhaltsamen rübergebracht werden. Da kann man sich ziemlich sinnvoll die Zeit vertreiben.

Apropos: Würdest du bei “Mars One” teilnehmen?

Wenn ich die Zeit hätte würde ich mich vielleicht zum Spaß anmelden. Aber ehrlich: “Mars One” wird nie zum Mars fliegen. Es ist ein PR Gag für eine Reality Show. Ich fände es auch nicht besonders prickelnd in einer Box, so groß wie meine Dusche, auf einem Planeten zu sitzen und auf den Strahlentod zu warten. Ich freue mich aber sehr darauf, wenn wir endlich einen Fuß auf einen anderen Planeten setzen. Ich hoffe das noch erleben zu dürfen.

Wie definierst du Helden?

In den Filmen sind Helden oft Leute, die etwas Tragisches erleben und sich dann entscheiden selbst das Gute in der Welt zu sein, das sie nicht erfahren durften. Ich habe eigentlich nichts Tragisches erlebt und mache lediglich was mich interessiert. Insofern bin ich vielleicht das Gegenteil von einem Held – ein Anti-Held sozusagen. Auch cool, irgendwie.

 

Links: