„Theoretisch ist das Vandalismus“

Seit Anfang des Jahres ist der 22-jährige Markus als Künstler auf Wiens Straßen unterwegs und verändert mit seinen Motiven die Wände der Stadt. Mit seinen Bildern will er Emotionen bei den Betrachtern seiner Arbeiten auslösen und sie so im Alltag auf andere Gedanken bringen.  Zwar will Markus seine Identität nicht preisgeben, dafür plaudert er mit uns über seine Absichten und seine Ziele.

Markus, wie bist du dazu gekommen Street Art zu machen?

Anfangs war ich lediglich auf der Suche nach einem Zeitvertreib und dann ist mir eingefallen, dass ich als Kind erfolglos Graffiti gemacht habe (lacht). Ich hab meinen Namen überall getagged, also einfach auf jede freie Oberfläche geschmiert. Das wollte ich natürlich nicht noch mal machen, aber etwas in die Richtung. Und so bin ich vor ein paar Monaten auf Straßenkunst in dieser Form gestoßen, weil man noch so viele andere Dinge machen kann. Momentan male ich überwiegend Gesichter in einem ähnlichen Stil und damit bin ich bis jetzt sehr zufrieden.

Wo liegt der Unterschied zu dem Stil, den du vorher hattest, und dem was du jetzt machst?

Der Unterschied für mich liegt darin, dass es früher fast schon eine Art Sucht war meinen Namen irgendwo hinzuschreiben. Das lag aber auch an meinem damaligen Freundeskreis. Und jetzt ist es mehr so, dass ich darüber nachdenke was mir Spaß macht. Einerseits Motive zuhause vorzubereiten und diese dann auf die Straße zu bringen. Und andererseits geht es mir auch darum, dass sich andere Leute nicht unbedingt darüber ärgern sollen, sondern dass manche Leute das vielleicht sogar schön finden was ich mache. Das ist eigentlich der größte Unterschied, dass sich andere nicht so sehr über das ärgern, was sie von mir zu sehen bekommen. Aber auch, dass ich jetzt zufriedener bin mit dem was ich mache.

Das heißt also du machst Street Art auch in Hinblick darauf wie Außenstehende dann reagieren und nicht nur für dich selbst?

Ja, es geht darum mal an etwas anderes zu denken. Stell dir vor du bist gerade am Weg zum Zahnarzt und siehst etwas, dass dich für einen kurzen Moment an etwas ganz anderes denken lässt. Du denkst dann vielleicht darüber nach wer das gemalt hat, welche Beweggründe dahinter stehen oder welche Botschaft damit vermittelt werden soll. Oder du denkst einfach, dass du da gerade etwas Nettes siehst.

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Was genau machst du denn eigentlich?

Die Form von Straßenkunst, die ich mache nennt sich Pasting. Ich male zuhause verschiedene Motive auf Papier vor, schneide sie dann aus klebe sie anschließend mit Tapetenkleister und einer Rolle oder einem Pinsel an öffentliche Plätze, Wände, Mauern, wo auch immer ich gerade einen Platz finde an den es passt. Die Motive können jedoch ähnlich wie Plakate oder Tapeten einfach abgezogen werden und hinterlassen so nach dem Abziehen wenig Spuren.

Deine Motive zeichnen sich durch deinen Stil aus, aber machen sich schon Veränderungen vom Anfang deiner Arbeiten bis jetzt bemerkbar?

Bis jetzt machen mir die Motive, die ich male am meisten Spaß. Ich weiß aber nicht, ob sich das in Zukunft noch ändern wird. Aber ich merke jetzt schon, dass ich mich mit der Zeit an immer mehr herantraue und das finde ich auch sehr gut. Vor kurzem habe ich zum ersten Mal einen Körper zu einem meiner Gesichter gemacht. Es hilft mir, dass ich meinen Stil schon gefunden habe und das gibt mir die Sicherheit bei dem was ich mache. Ich denke, egal was ich mache, es sieht so aus wie es aussehen soll. Das kann aber auch daran liegen, dass ich es vielleicht nicht besser kann (lacht). Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass ich damit zufrieden bin.

Welche Verbindungen oder auch Gegensätze siehst du zu traditionellen Formen von Kunst, die man in Museen oder Galerien findet?

Auf der Straße sieht Kunst irgendwie immer härter aus. Es ist nichts eingerahmtes, es gibt also weder Anfang noch Ende. Das sieht man vor allem an der Vienna Wall am Donaukanal, wo legal gesprüht und geklebt werden darf. Es gibt einfach keine Regeln, jeder kann dort machen was er möchte. Das gibt es so bestimmt in anderen Kunstformen nicht.

Wo siehst du die Grenze zu Vandalismus? Straßenkunst findet meist auf öffentlichen oder auch privaten Oberflächen statt.

Vandalismus ist es nur…also theoretisch ist das Vandalismus (lacht). Diese Form wird aber in der Gesellschaft toleriert. Aber dafür gibt es schon Regeln, die meisten Leute die Graffiti machen, sprühen nicht auf privaten Besitz. Man macht das auch nicht an Orten, wo man im Vorhinein schon weiß, dass es als reine Provokation verstanden wird. Ich will auf jeden Fall nicht, dass sich Außenstehende wegen mir schlecht fühlen. Es ist also für mich nur Vandalismus, wenn ich weiß, dass es jemanden stört. Weil ich zum Beispiel gerade sein Auto besprühe oder beklebe. Das macht aber auch keiner. Vandalismus ist es aber auch für mich, wenn ich an einer Wand vorbei gehe und da steht Max + Judith. Da weiß man einfach, dass dahinter nicht mehr steckt als man sehen kann. Da war kein Gedanke dahinter, was man gerade macht. Außer das man es macht. Das muss aber auch jeder für sich selbst entscheiden.

Gehst du alleine los um Street Art zu machen oder machst du das mit Freunden und/oder anderen Straßenkünstlern?

Am liebsten geh ich mit Freunden, aber ich war auch schon alleine kleben. Das macht auch Spaß, weil ich beschäftigt bin und das Kleben auf der Straße ist der spannendste Teil von dem ganzen Straßenkunst-Prozess. Aber egal was ich mache, ich mache es nie alleine. Es ist nichts zu hundert Prozent von mir, nie. Egal ob Farben, das Ausschneiden oder die Idee zu einem Bild oder Ort. Es ist eher wie eine ständige Zusammenarbeit. Vor allem zwischen mir und meiner Freundin.

Ist es schon einmal passiert, dass dich andere Leute dabei gesehen haben und wie haben sie auf das reagiert was du machst?

Manchmal gehen schon Leute vorbei, aber angesprochen wurde ich noch nie. Das erste Mal als ich ein Bild geklebt habe, war es schon komisch für mich. Das war auf der Mariahilferstraße und ich habe mir schon Gedanken gemacht, wie andere Leute darauf reagieren könnten oder was passiert wenn die Polizei kommt. Aber schon nach dem zweiten oder dritten Mal habe ich gar nicht mehr darüber nachgedacht. Ich wusste dann einfach, dass es niemanden interessiert und keiner stehen bleibt um mich an dem zu hindern was ich mache. Ich hoffe natürlich, dass sie nicht einfach vorbei gehen wenn ich fertig bin.

Hast du Tipps für Leute, die jetzt anfangen wollen Street Art zu machen?

Man kann alles machen was man will. Man kann alles zeichnen, kleben und sprühen. Das wichtigste ist, dass man selbst darüber nachgedacht hat. Nicht unbedingt über das, was man damit sagen will. Sondern eher darüber wie es aussehen soll und warum man das macht. Und da reicht es auch, wenn es einfach nur wegen dem Spaß ist oder weil man etwas schön findet oder weil man denkt andere könnten es schön finden.

Ist Straßenkunst für dich etwas heldenhaftes? Hat das was du machst etwas mit Helden zu tun?

Nein, weder sehe ich mich als Held…noch nicht einmal als Künstler eigentlich (lacht). Kunst ist immer subjektiv, das muss dann jeder für sich selbst beurteilen. Also für mich sind andere Bilder auf der Straße schon Kunst, weil ich sie schön finde.

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Und wie würdest du dann einen Helden beschreiben?

Meinen Helden?

Ja, was macht für dich einen Helden aus?

Ein Held ist auf jeden Fall jemand, der etwas uneigennützig tut. Uneigennützigkeit ist das einzige Wort mit dem ich einen Helden beschreiben kann. Also zum Beispiel die Menschen, die am Westbahnhof gestanden sind und geholfen haben. Das sind für mich echte Helden. Nicht jemand der Kunst macht (lacht). Etwas für andere zu machen ist immer heldenhaft, weil man dabei nicht an sich selbst denkt.