Schwächen können immer auch Stärken sein

Marc Haller hat zwei Persönlichkeiten. Mit beiden ist der 28-Jährige ziemlich erfolgreich. Da gibt es zum einen den Erwin aus der Schweiz, den komödiantischen Zauberkünstler, der aktuell im Vorprogramm von Kabarett- und Schauspielgröße Josef Hader spielt und bereits zahlreiche Awards gewonnen hat. Zum anderen den Marc, den nachdenklichen Intellektuellen, der es liebt zwischen Wien und seiner Heimatstadt Zürich zu pendeln, der Widersprüche bevorzugt und ein riesengroßer Hader-Fan ist.

Wie immer, meine Einstiegsfrage: Wer bist du und was machst du?

Ich bin eine Mischung aus Schauspieler, Kabarettist und Clown. Ich bin jemand, der den Leuten Momente schenkt. Mich kann man schwer in eine Schublade stecken.

Bezeichnest du dich selbst als Clown?

Nein, aber ich bin sehr inspiriert von Clowns. Von guten Clowns wie Charlie Chaplin, Dimitri (ein Schweizer Clown, Anm.) oder Slava Polunin (russischer Clown und Aktionskünstler, Anm.).

Marc Haller

Was fasziniert dich an den Clown-Figuren?

Es sind Randfiguren und gleichzeitig Geschichtenerzähler. Es sind Randständige, denen man beim Scheitern zusieht. Man lacht nicht über sie, sondern erkennt sich selbst in ihnen. Sie trauen es sich zu scheitern. Das ist so wie bei den Narren, die ja alles sagen dürfen und somit sehr Weise sind.

Willst du mit deinen Aktionen gewisse Botschaften vermitteln?

Ich überlasse es jedem selbst. Derzeit geht es im Programm stark um Vergänglichkeit und um den Tod. Aber Kunst ist eine Figur zu haben, die auf der Suche ist. So, dass die Menschen sich selbst darin erkennen.

Eigentlich wollte ich Pilot werden.

Apropos auf der Suche: Wie lange hat es gedauert, bis du gewusst hast, dass du Schauspieler bzw. Zauberkünstler werden willst?

Das ist ein Prozess, der immer noch anhält. Ich habe begonnen zu zaubern, weil es Spaß gemacht hat. Ich habe angefangen Schauspiel zu machen, weil ich dachte: Das kann man kombinieren. Eigentlich wollte ich nach der Schauspielschule Pilot werden.

Als Pilot muss man doch ein strukturierter, “ordentlicher” Mensch sein. Wie geht das mit dem Künstler-Dasein einher?

Ich bin eine sehr widersprüchliche Figur. Ich mag beispielsweise keine süßen Sachen, esse aber gerne Mousse au Chocolat. Erster Widerspruch. Ich bin ein totaler Chaot, liebe aber die Struktur. Ich weiß, ich habe Talent in einem Cockpit zu sitzen. Aber ich habe es nicht so mit vorgegebenen Regeln. Das würde zum Problem werden (lacht). Allerdings: Ich bin nicht nur Künstler, ich bin Unternehmer. Hier bin ich strukturiert, hier habe ich klare Ziele. Wenn ich etwas will, dann mach ich das. Wenn ich ein Ziel habe, dann rede ich nicht davon sondern mache. Ich will das es funktioniert.

Foto: Markus Neubauer

Foto: Markus Neubauer

Was bedeutet für dich “funktionieren”, woran machst du das fest?

Man hat so Vorbilder – ich zum Beispiel Josef Hader. Ich spiele derzeit in seinem Vorprogramm. Er ist jemand, der füllt Säle mit 700 Leuten und mehr, spielt in Filmen mit. Er ist ein Begriff, man kennt ihn. Mein Ziel ist, dass ich große Hallen fülle. Ich möchte, dass es funktioniert. Das möchte ich nicht leugnen.

Aber es heißt, Künstlertum und Unternehmertum schließen sich aus. Wie ist das Verhältnis Geld und Kreativität?

Das ist eine spannende Frage, mit der ich mich auch beschäftige. Aber ich bin nicht dieser Meinung. Klar, ich habe ein Team um mich herum. Ich könnte nicht sagen, wie viel ich genau verdiene. Ich weiß, ich habe genug Geld, um mir die Wohnung und das Essen zu leisten und das ist gut so.

Du willst also einfach davon leben können?

Ja, ich will gut davon leben können – und ich möchte die Massen bedienen. Mich freut es, wenn ich 700 Leute vor mir sitzen habe. Ich muss nicht Shakespeare auf die Bühne bringen und gleichzeitig einen Bauchtanz vorführen. Ich überlege: Was will die Masse, was will die Gesellschaft? Der Kunde ist der König. Schließlich bin ich Dienstleister.

Das hört man von wenigen Künstlern. Was, wenn ich dich engagiere und möchte, dass du dein Programm umschreibst, so wie ich möchte, weil ich dich ja bezahle?

Diese Anfragen waren schon da. Aber das mach ich nicht. Die Inhalte müssen von mir kommen. Aber du siehst, da ist wieder ein Widerspruch dabei. Ich will meine Linie, überlege aber auch ob es und wie es ankommt.

Also eigentlich ist deine Kunst Produktdesign?

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass Comedians eine Krankheit haben: sie erwarten sich, dass die Leute lachen – OK, Josef Hader hat das vielleicht nicht (lacht). Es ist eine Sucht, Leute zum Lachen zu bringen und im Mittelpunkt zu stehen. Das ist etwas Egoistisches.

Foto: Markus Neubauer

Foto: Markus Neubauer

Apropos egoistisch: Jetzt sitzen wir hier wieder in einer Interviewsituation, es stellen alle Journalisten ähnliche Fragen. Möglichst toll sollen sie sein, möglichst investigativ. Wie ist deine Wahrnehmung – mit welcher Einstellung gehst du zu Interviews? Präsentierst du dort dann nur dein Produkt?

Beides. Schau, du stellst jetzt andere, tiefgründigere Fragen. Bei Interviews für Boulevardmedien ist es wieder anders. Da ist es Publicity. Sonst freue ich mich über tiefgründige Fragen. Ich möchte auch mein Scheitern zeigen. Ich möchte zeigen, dass ich einfach nur einen Traum habe, den ich gehen will. Ich will den coolen Typen auf der Bühne demaskieren und zeigen, dass ich ein Mensch bin, der scheitert, der Selbstzweifel hat.

Du sprichst häufig über das Scheitern. Wie definierst du das und was waren deine größten Misserfolge?

Ich scheitere, seitdem ich denken kann. Ob das in der Schule war oder im Job jetzt. Das klingt sehr abgehoben, aber ich zähle zum Scheitern auch, dass ich den Swiss Comedy Award nicht gewonnen habe. Aber auch, dass mir die Schauspielschule nicht unter die Arme gegriffen hat. Dass ich Auftritte habe, bei denen niemand lacht, wenn ich merke: das ist jetzt nicht angekommen. Das ist ein Scheitern, das zerknirscht. Aber man weiß: ok, man muss weitermachen.

Wie ist es, vor einen Publikum zu spielen, das nicht lacht. Wie motiviert man sich da noch?

Ich kann dir kein Rezept nennen. Ich habe von meinem Vater gelernt durchzubeißen. Das gleiche wie im Fitnesscenter: Die letzten drei Hantelzüge muss man auch machen. So ist das auf der Bühne: durchbeißen und gute Miene zum bösen Spiel machen.

Wie trennst du private Misserfolge vom Beruflichen? Wie bleibst du neutral?

Man kann das nicht trennen. Auf der Bühne merkt man, wenn man nicht gut drauf ist. Ich bin ein Typ, der kann alles ein bisschen: Ich kann zaubern, aber nicht perfekt. Ich kann schauspielen, aber nicht perfekt. Die Kombination macht es aus. Genau deshalb muss ich dran bleiben und arbeiten. Mir fällt nichts einfach so aus dem Ärmel.

Wenn ich was will, schaffe ich das.

Wenn es nicht aus dem Ärmel fällt, woher kommen deine Ideen und Programme?

Durch meine Sturheit. Wenn jemand sagt: das kannst du nicht, dann mache ich es erst recht. Schon als Kind habe ich immer das Gegenteil gemacht, was mir meine Mutter empfohlen hat. Mein Credo: Wenn ich was will, schaffe ich das. Egal welchen Background ich habe.

Klingt ein bisschen wie eine Rebellion gegen das Elternhaus?

Rebellion würde ich nicht sagen. Es ist nicht dagegen, es ist eher ein Kämpfen nach Anerkennung. Ich bin behütet aufgewachsen und wollte nie so werden, wie die verwöhnten Kinder. Ich habe immer schon etwas gesucht, was nicht zu unserer Familie passt.

Du kannst also mit keiner Ghetto- und Gangster-Story aufwarten?

Ganz im Gegenteil (lacht). Ich habe ein super Verhältnis mit der Familie, es geht uns nicht schlecht. Aber ich wollte nie das Geld von meinen Eltern. Ich wollte immer selbst etwas aufbauen. Ich wollte mir selbst in den Spiegel schauen können.

Foto: Markus Neubauer

Foto: Markus Neubauer

Aber zurück zu den Ideen: Wie gehst du ein Programm an?

Ich halte mich da an keine Struktur. Ich will zaubern und überlege, welche Tricks ich habe. Der Zaubertrick hat eine eigene Dramaturgie – es ist wie ein Witz. Und so ist es auch beim Schauspiel. Darum baue ich dann mein Programm auf. Es ist ein Zusammenstückeln von Nummern. Ich überlege mir, wie ich auf der Bühne Bilder erzeugen kann, denn ich erzähle ja keine stringente Geschichte.

Also Sketches?

Ja genau. Es sind viele Bilder und am Schluss steht das Programmthema darüber. Im nächsten Programm zum Beispiel starte ich mit einem Traum. Ich behandle das Älterwerden und das Thema Tod, aber mehr weiß ich jetzt noch nicht.

Wie lange glaubst du, funktioniert dieses Cross-Over? Willst du das als deine Marke etablieren, für immer?

Ja schon. Ob es in 10 Jahren so ist, das weiß ich nicht. 2015 stehe ich auch als ganz normaler Schauspieler in der Schweiz auf der Bühne.

Was und wo spielst du?

Das ist ein Schauspiel mit Erich Vock. Er macht große Stücke in der Schweiz und ich spiele in zwei von ihm mit. Da freue ich mich drauf. Von ihm kann ich noch viel lernen. Aber zurück zur Frage: ja, ich will Erwin als Marke aufbauen, vielleicht auch Filme drehen.

Warum geht man als Schweizer nach Österreich, warum lebst du in Wien?

Das ist so wie die Frage, warum ich gerne Spaghetti habe (lacht). Ich habe Wien einfach gern. Aber ich mag auch das Nomadenleben. Ich bin gerne unterwegs, aber gleichzeitig gefällt es mir zwei Fixpunkte zu haben: in Zürich und in Wien. Und in Wien gefällt mir die Kultur. Der Stellenwert des Theaters. Auch die Kabarettkultur mag ich.

Obwohl die Österreicher gerne nörgeln und jammern?

Das machen die Schweizer genauso. Also ist es kein Unterschied (lacht). Ich liebe Zürich und ich fühle mich dort auch zu Hause. Es ist eine totale Schicki-Micki-Stadt, aber geil. Da kommt jetzt langsam die Rebellion gegen das klassische Einfamilienhaus-Denken. Ich brauche auch das Extreme. Diese Höhen und Tiefen. Jeder Tag muss anders sein. Ich habe keine Ahnung, was in einem Jahr ist, das brauche ich.

Ist das die Angst vor der Langeweile?

Die Angst vor dem Scheitern.

Träume leben, heißt etwas zu riskieren.

Also wegen der Angst vor dem Scheitern ziehen sich deiner Ansicht nach viele in die Struktur zurück?

Ja schon. Viele haben Träume. Aber Träume leben, heißt etwas zu riskieren und etwas Neues zu machen. Wenige haben diesen Mut. Viele haben den 9-to-5 Job.

Aber was ist mit den Menschen, die keine andere Wahl haben?

Natürlich, das ist tragisch. Deswegen ist für mich Bildung das höchste Gut. Das Freestyle-Leben kommt vom Hinterfragen und Hinterfragen kann man nur, wenn man es gelernt hat. Das hat nichts mit Intelligenz zu tun. Dinge zu hinterfragen ist ein Luxus. Auch das, was ich mache ist Luxus.

Ist Kunst dann nicht generell ein Luxus? Gönnt man sich Kunst?

In der heutigen Gesellschaft sicher. Früher hatte das Theater einen anderen Stellenwert. Es war politischer. Es war in andere politische Strukturen eingebettet. Heute gibt es viel mehr Medien und Kanäle. Ich, zum Beispiel, will die Leute einfach unterhalten.

Was aber, wenn jemand nicht nur unterhalten werden will, sondern mitmachen will? Wie bei Helden-von-heute.at: Eigentlich geht es nicht darum, dass wir Artikel publizieren, die gelesen werden. Die Leute sollen sie kommentieren, kritisieren, selbst aktiv werden, auch selbst schreiben.

Das ist die ganz hohe Kunst, die Josef Hader lebt. Er wurde ausgebuht, weil er das Publikum beschimpft hat. Die Leute haben das nicht sofort verstanden. Er hat es durchgezogen. Ich habe nicht den Mut dazu. Ich mag, wenn Leute etwas einbringen, aber gleichzeitig möchte ich mein Ding durchziehen. Wieder so ein Widerspruch.

Wie anstrengend ist eine Show für dich, wie läuft es danach: Willst du gleich wieder nach Hause?

Damit es ein guter Abend wird, muss ich mich schon sehr öffnen. Ich suche ganz krass die Energie, die zwischen den Leuten und mir entsteht. Es ist ein gegenseitiges, emotionales Ausziehen. Vergleichbar mit einem Date. Dabei entsteht Energie, die mit Worten nicht zu beschreiben ist. Auch da muss man sich öffnen. Sehe ich meine Show als Date, dann gehe ich am Ende alleine nach Hause. Bei einem echten Date gibt es die Chance zu zweit nach Hause zu gehen (lacht).

Das klingt etwas einsam. Wie meinst du das?

Einsamkeit spielt als Künstler eine große Rolle. Da gibt man alles auf der Bühne, ist mit dem Publikum verbunden, aber am Ende geht man wieder alleine ins Hotel. Das ist ein bisschen schizophren. Ich habe es auch bei vielen Kolleginnen und Kollegen schon erlebt. Das ist ein Teil der Kunst. Viele Künstler zerbrechen daran. Ich bin froh, dass ich eine tolle Familie habe.

Gibt es ein Gegenmittel?

Nicht wirklich. Man muss sich um sein Privatleben kümmern und darf dem Beruf nicht zu viel Raum geben.

Kurze Unterbrechung: Marc muss einem Freund telefonisch Filmtipps geben. “Into the wild” soll also super sein. Na dann! Hätten wir das an dieser Stelle auch geklärt.

Foto: Markus Neubauer

Foto: Markus Neubauer

Eine kunstbezogene Frage: Das Wiener Kabarett ist ja von Duetten geprägt. Angefangen bei Waldbrunn und Farkas bis hin zu Dorfer und Hader. Kannst du dir das auch vorstellen?

Auf jeden Fall. Ich arbeite gerade mit Otto Jaus an einem gemeinsamen Projekt. Er ist ein junger Kabarettist. Der ist so gut, da geht’s. Ich bin sehr kompliziert in diesen Dingen. Natürlich könnte ich mir vorstellen mit Josef Hader gemeinsam was zu machen (lacht).

Schwächen können immer auch Stärken sein.

Wie viel Erwin steckt in dir und wie viel Marc – kann man eine Kunstfigur am Leben halten, ohne selbst verrückt zu werden?

Ich weiß nicht wie verrückt ich bin, derzeit komme ich gut klar (lacht). Aber die Kunstfigur ist sehr stark Ich-orientiert. Es sind meine Schwächen, die ich auf der Bühne zu Stärken mache. Unsicherheit ist ein großes Thema. Ein Freund hat gesagt: Ein Goldfisch wird nie einen Baum hochklettern. Ein Affe wird nie so gut schwimmen können. Deswegen ist der Kontext die Frage. Denn ich glaube: Schwächen können immer auch Stärken sein.

Dann spare ich mir die Frage, welchen Titel würdest du dem Interview geben. Aber: Wie definierst du Helden und bist du in deinen Augen ein Held?

Darüber habe ich nie nachgedacht. In erster Linie die klassischen Superhelden. Aber: Meine Eltern sind Helden, Josef Hader ist für mich ein Held. Helden sind für mich Leute, die nicht nur an sich denken. Die, die Helden sind, wissen nicht, dass sie Helden sind. Ein Held ist man nur für andere.

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