Du bekommst was du gibst

Als ich das Vergnügen hatte, Lucy Tallentire kennen zu lernen, war ich frisch gebackener Erasmus Student an der University of Sheffield und ich muss zugeben die Umstände unserer Bekanntschaft waren etwas amüsant. Für mich war sie ein absoluter Glücksfall, denn sie konnte mir den Weg zur Toilette präzise wie ein Navi beschreiben, als ich diese gerade am Dringendsten benötigte. Was mich jedoch mehr als überraschte und  begeisterte war, dass die Wegbeschreibung in perfektem Deutsch aus ihrem Mund geschossen kam. Ich war so verdutzt, dass ich sogar meine Not für ein paar Minuten vergaß und sie mir in einem Gespräch versicherte, dass sie keine Deutsche wäre, sondern „lediglich“ einen einjährigen Aufenthalt in Berlin zu verbuchen hätte. Außerdem meistert sie noch ganz nebenbei ihr Studium ohne finanzielle Hilfe (9000 Pfund University Fee in England pro Jahr + Lebenshaltungskosten). So entstand ein Gespräch über Kulturen, Reisen, Jobs und das eigene Ich.

Ich weiß der Beginn ist vielleicht etwas abrupt, aber mich würde wirklich interessieren wer du bist und was du machst. Dein Deutsch ist fast perfekt und du bist die erste Engländerin, die ein akzentfreies Deutsch beherrscht. Davon gibt es nicht viele.

Danke, freut mich zu hören! Nun ja, ich bin Studentin für Germanistik an der University of Sheffield und arbeite nebenbei als Übersetzerin und Student Ambassador for Learning and Teaching. Dabei geht es vor allem darum, festzustellen was die Studenten brauchen und zu erforschen, an welchen Ecken und Kanten der Universität noch gefeilt werden kann. Was mir daran besonders gefällt ist der Kontakt mit den Studenten und da wir an der Universität viele internationale Studenten haben ist es faszinierend wie schnell man Kontakte knüpfen kann. Wir haben vor allem viele Studenten aus China und Indien. Die Hälfte aller internationaler Studenten kommt aus diesen beiden Ländern.

Das hört sich ja nach einer großen Auswahl an Sprachen an, wie bist du dann ausgerechnet darauf gekommen, dass du Deutsch lernen wolltest?

Meine Oma kommt aus Liechtenstein. Sie und meine Mutter redeten immer Deutsch, was mich sehr neugierig machte. Ich wollte sie verstehen und auch die Sprache lernen. Außerdem finde ich, dass es immer spannend ist eine neue Kultur zu erforschen. Deutschland hat meiner Meinung nach viel zu bieten. Aber ich lerne zur Zeit auch Luxemburgisch. Zuletzt war ich an der Luxemburgischen Botschaft zu Besuch zusammen mit einem Kurs. Der Botschafter sagte mir, dass er uns Gäste als „Multiplyer“ der luxemburgischen Kultur sieht, weil es ein so kleines Land ist und es wenige Interessierte gibt. Besonders für kleine Kulturen und Länder ist es wichtig, dass man sich mit ihnen beschäftigt, da das Augenmerk der Welt immer auf den großen Nationen liegt. Die Oststaaten Europas zum Beispiel sind ein blinder Fleck in der internationalen Politik und kaum einer weiß etwas über sie. Aber um ein Land wirklich zu verstehen, sollte man es nicht aus der Perspektive eines Reisenden sehen, da man sonst sein wahres Wesen nicht erkennt.

Je länger man sich in einem Land befindet, umso mehr versteht man die Menschen, die Ansichten und die Kultur.

Kannst du den Gedanken näher beschreiben?

Ich habe ja – wie du weißt – ein Jahr in Berlin gelebt und die Perspektive – aus der ich die Stadt und das Land Deutschland betrachtete – hat sich mit der Zeit sehr verändert. Je länger man sich in einem Land befindet, umso mehr versteht man die Menschen, die Ansichten und die Kultur. Man bekommt einen besseren Blick in die Tiefe und sieht den Grund für das, was man sieht. Ich hatte viele Möglichkeiten und Chancen auf gute Gespräche und Bekanntschaften, da ich während meiner Zeit als Austauschstudentin an der Humboldt University in einer Frittenbude gearbeitet habe. Während meinem Aufenthalt habe ich viel Aufwand investiert um Deutsche kennen zu lernen, um auch wirklich meine „language skills“ und die Kultur der Deutschen zu verstehen.

In welchen Verhältnissen hast du denn gelebt?

Ich lebte in einer WG zusammen mit 4 anderen Deutschen, was sehr hilfreich für den Lernprozess war. Jedoch hatte ich zu Beginn Schwierigkeiten die neue Mentalität zu verstehen, für mich waren sie wie andere Menschen. Die anderen kannten sich schon alle, also war ich der Neuling im Haus. Aber mit der Zeit lernt man sich dann doch kennen, die Fassade beginnt nach 3 Wochen zu bröckeln und man sieht wer man wirklich ist. Man gewöhnt sich aneinander und wir sind schließlich Freunde geworden. Wir haben eine sehr intensive und schöne Zeit miteinander verbracht.

Du beschreibst gerade, wie ihr Freunde geworden seid, war es dann schwierig für dich wieder nach Hause zu kommen?

Ja sehr. Sheffield hat zwar viel zu bieten, aber bei mir in der WG herrscht ein ganz anderer Umgang als damals in Berlin. Ich wohne hier mit 5 Leuten zusammen und ich hätte früher nicht geglaubt, dass man sich einsam fühlen könnte, obwohl man so viele Personen um sich hat. Man sitzt zwar zusammen, aber man kommuniziert sehr wenig. Man ist für sich.

Ich war schon immer eine unabhängige Persönlichkeit und habe seit meiner Kindheit versucht auf eigenen Beinen zu stehen.

Jetzt muss ich doch nochmal nachhaken. Du meintest, du hast keine Schulden und du beziehst keine Hilfe beim Staat? Wie ist das in England möglich?

Ich arbeite nebenbei sehr viel. Insgesamt 25 Stunden, wenn ich alles zusammenrechne. 20 Stunden die Woche arbeite ich als Part-Time Übersetzerin und arbeite wie bereits erwähnt als Student Ambassador. Es ist zwar viel Aufwand, aber es lohnt sich. Man bekommt was man gibt. Normalerweise bezieht man in England den sogenannten Students Loan, der 9000 Pfund beträgt. Er ist unsere Form der staatlichen Unterstützung. Ich war schon immer eine unabhängige Persönlichkeit und habe seit meiner Kindheit versucht auf eigenen Beinen zu stehen. Ich freue mich schon darauf, wenn ich meinen Abschluss machen kann, es sind noch zwei Semester. Danach würde ich mich gerne auf meinen Job als Übersetzerin konzentrieren. Er macht mir viel Spaß und ich kann an meinem Deutsch arbeiten.

Foto: Ana-Maria Vasilache

Foto: Ana-Maria Vasilache

Welche Unterschiede sind dir dann in Bezug auf die Arbeitswelt zwischen Deutschland und England aufgefallen?

In England ist es eher schwierig sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, da wir zu höflich sind. Wir sind immer darum bemüht alles durch die Blume zu sagen und versuchen immer sehr korrekt zu sein. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, aber es ist nicht sehr förderlich für den Arbeitsprozess. Ich fand es toll in Berlin, da man seine Meinung frei heraus äußerte. Das macht es einfacher miteinander zu arbeiten, weil man weiß, was man richtig und falsch macht. Danach kann man sich dann richten und sich optimieren und an der Produktivität arbeiten. Fokus ist dabei ein großes Thema.

Wenn ich etwas provokativ fragen darf, würdest du dann sagen, dass die Engländer im Vergleich zu den Deutschen weniger effektiv sind?

Nun ja, das würde ich so nicht sagen. Ein großer Unterschied zwischen Berlin und Sheffield war zum Beispiel, dass der Uni Alltag viel organisierter gestaltet wird in England. Die Qualität und Orientierung ist hier besser. In Berlin war es manchmal sehr chaotisch, weil ich von einer Station zur nächsten weitergeleitet wurde und im Endeffekt keiner wusste, wo ich die benötigte Information besorgen konnte. Aber andererseits fand ich die Ehrlichkeit der Berliner inspirierend, weil es wichtig ist offen mit seiner Meinung zu sein um Neues zu schaffen und voranschreiten zu können. Im Berufsalltag ist Authentisches und sympathisches Auftreten etwas Fundamentales.

Man darf Stereotypes aber nicht zu ernst nehmen, eher als einen Anlass dazu die kulturellen Unterschiede schätzen zu lernen.

Wenn wir gerade von kulturellen Unterschieden sprechen, glaubst du, dass gewisse Stereotypes manchmal auch einen wahren Kern haben.

Ja da bin ich mir sicher. Ich meine Ausnahmen gibt es immer und man sollte auch nie generalisieren, aber es stimmt auf alle Fälle, dass die Deutschen zum Beispiel sehr pünktlich sind. Es gibt auch Stereotypes, die einen zum Schmunzeln bringen, wie zum Beispiel, dass die Franzosen denken sie seien Meisterköche und die Italiener alleine mit ihren Gesten kommunizieren. Ein Stück Wahrheit ist bei diesen Vorurteilen jedoch dabei. Als wir in Deutschland waren, hat man einen großen kulturellen Unterschied zwischen uns Engländern und den Spaniern bemerkt. Die Engländer versuchten etwas zu lernen, wo hingegen die Spanier eher am Nachtleben gefallen fanden…was ja nicht schlecht ist.  Man darf Stereotypes aber nicht zu ernst nehmen, eher als einen Anlass dazu die kulturellen Unterschiede schätzen zu lernen. Kultur ist in jeglicher Hinsicht etwas wertvolles und der Nährboden für gesunde wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit über die Grenzen der Länder hinweg. Ein gesunder Patriotismus ist auch nicht verkehrt, es gehört dazu stolz darauf zu sein wo man herkommt. Man braucht seine Wurzeln.

Bist du stolz darauf aus England zu sein?

Ich habe ein Problem damit, dass die Engländer sich sehr wenig für die Sprachen und Kulturen anderer Länder interessieren. Wir verstehen uns immer noch als Weltmacht und glauben, nur weil Englisch die Weltsprache ist uns nicht mit anderen Kulturen auseinandersetzen zu müssen. Dabei vergessen wir aber, dass die Kommunikation in anderen Sprachen das Fundament für Freundschaften mit anderen Nationen ist. Ich finde es auch sehr befremdlich, dass ein Großteil der Bevölkerung in Indien England bewundert. Ich durfte bis jetzt 2 Aufenthalte in Indien genießen und die Gastfreundschaft war unglaublich. Wir wurden überall zum Essen eingeladen und man war stolz darauf uns als Gast bei sich zu haben. Für mich war diese Erfahrung jedoch sehr widersprüchlich, da mir klar ist, wie viele Ressourcen wir Indien gestohlen haben und wie wir die Bevölkerung behandelt haben.

Welche Unterschiede hast du erlebt zwischen den beiden Aufenthalten und aus welchen Gründen warst du jeweils dort?

Während meines ersten Aufenthaltes habe ich Englisch unterrichtet und es war eine sehr -im wahrsten Sinne des Wortes – berührende Begegnung mit meinen Schülern und den Menschen, da sie noch nie eine Person zuvor gesehen hatten, deren Hautfarbe weiß war. Sie konnten es nicht glauben und wollten sich versichern, dass ich keine Farbe aufgetragen hatte. Deshalb berührten und strichen sie über meine Haut. Ich war während diesem Aufenthalt auch als Pilgerin unterwegs und habe den Wert der Religion in Indien erfahren, insbesondere des Hinduismus.

Mein zweiter Aufenthalt war ein Preis, den ich für mein Engagement für ein Fundraising Programm erhalten hatte. Zusammen mit 11 anderen Personen war ich auf einer 100 Kilometer langen Wanderung im Norden des Himalaya Gebirges unterwegs. Ich war auch im Wohngebiet des Dalai Lama in Dharamsala unterwegs und hatte sogar die Möglichkeit sein Haus zu sehen. Für mich war es ein atemberaubendes Erlebnis, aber auch traurig, weil mir klar wurde, wie hart viele Inder arbeiten müssen und welch geringen Lohn sie für ihren Einsatz bekommen.Viele Erzeugnisse aus Indien werden billig in den Läden in England verkauft. Ich habe eine Zeitlang versucht nachhaltig und bewusst zu leben und diese Produkte zu vermeiden. Als Studentin ist das kaum möglich, weil man nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung hat und es viel Zeit in Anspruch nimmt.

Foto: Ana-Maria Vasilache

Foto: Ana-Maria Vasilache

Ich finde es stark, in welchem Ausmaß du reflektierst.

Ich denke unglaublich viel über alle möglichen Dinge nach, teilweise sogar nächtelang, da ich es schwer finde, sich nicht von außen beeinflussen zu lassen. Deswegen würde ich manchmal einfach ganz gerne den Kopf abschalten, nichts hören und nichts sehen. Um mich runter zu kühlen mache ich vor allem viel Sport, das entspannt mich immer.

Glaubst du der Einfluss kommt auch von den Medien?

Ich denke Medien spielen dabei eine große Rolle, weil sie einen dazu bringen, dass man einerseits ein Teil der Welt sein will, aber andererseits  möchte man sich oft nur schützen vor allem was geschieht, weil der Fokus immer nur auf die negativen Geschehnisse gerichtet wird. Meiner Meinung nach sollten Medien vor allem auch über das Gute in unserer Welt berichten, nicht alles ist schlecht. Wenn wir etwas sinnvolles gestalten wollen, müssen wir uns von sinnlosen Lästereien und peinlichen Promi Geschichten entfernen. Die Welt besteht aus mehr. Zum Beispiel aus Menschen die man gern hat.

Wirst du deine Freunde aus Berlin wieder sehen?

(Lucy lächelt) Natürlich, die Flugtickets für Sylvester sind bereits gebucht. Dort werde ich wieder auftanken und die Stadt genießen.