Mitreden darf der, der mitmacht

StartUp-Gründer und Entrepreneurs aufgepasst! Ein geregelter Arbeitsalltag und Strukturen in der Welt von freien Gedankenspielen und selbstbestimmten Arbeitszeiten? Das geht, sagen Lea Stöckli und Nicole Steinhofer. Die beiden 28-jährigen Literaturwissenschaftlerinnen sagen, dass man Selbständigkeit ruhig wörtlich nehmen und sich sein Leben so einrichten darf, wie man möchte. Mit schweizerischer Präzision (Lea) und österreichischer Ruhe (Nicole) starten die beiden gerade mit ihrem Wunsch- und Organisationsbüro „hummel&katz“. Neben ihren Fulltime-Jobs organisieren sie gerne beispielsweise irische Mottopartys oder liefern Rechercheergebnisse – von alten Buchtiteln bis zu Auto-Zulassungen.

Bitte verzeiht mir die naive Frage, wie wird man als Literaturwissenschaftler selbständig? Da stellt man sich ja einen anderen Werdegang vor.

Nicole:

Das typische Problem – es gibt viel Arbeit, aber kein Geld.

Eigentlich wollte ich in die Nachlassverwaltung. Ich habe im Leo Baeck Institut in New York und für die Akademie der Wissenschaften in Wien gearbeitet und u.a. zu Mimi Grossberg und Karl Kraus geforscht. Nach Abschluss des Forschungsprojektes habe ich mich entschieden einen anderen Weg einzuschlagen und bin nun in der IT Branche tätig.

Lea: Bei mir war die Geschichte ähnlich. Der Nachlass von Robert Neumann war meine Diplomarbeit. Anschließend hat aber auch mich die Realität eingeholt. Das klassische Problem der Geisteswissenschaften. Um Geld zu verdienen, habe ich in einer Anwaltskanzlei begonnen und arbeite mittlerweile in der Kommunikationsbranche.

Warum habt ihr den Entschluss gefasst euch in einem anderen Bereich selbständig zu machen?

Nicole: Immer schon hieß es bei organisatorischen Dingen: das machen die Lea und die Nicole. Wir haben gemerkt, dass die Leute gerne feiern aber keine Lust haben zu organisieren.

Lea:  Unser erstes gemeinsames Projekt war eine Baby-Party für eine gute Freundin. Irgendwann dachten wir daran, das auch professionell anzubieten. Heute ist es das Wunsch- & Organisationsbüro „hummel&katz“.

hummel&katz

www.hummelundkatz.at
Wie kommt man auf diesen Namen?

Lea: Wir mögen Katzen – wer uns kennt weiß das (lacht)

Nicole: Und die Hummel ist mein Mantra-Tier. Eigentlich dürfte eine Hummel nicht fliegen. Der große Körper, die kleinen Flügel.

Aber die Hummel weiß nicht, dass sie zu fett ist und fliegt trotzdem. Für mich heißt das: Du kannst alles schaffen, wenn du nur daran glaubst!

Lea unterbricht: Das ist zwar wissenschaftlich widerlegt, aber die Geschichte ist witzig.

Ist das jetzt nur Business Motto oder war das immer der Antrieb – es gibt ja zahlreiche Agenturen. Wie sticht man da aus der Menge heraus?

Lea: Ja. Wir machen das, was uns Spaß macht und weil es uns Spaß macht. Wenn wir kein Minus machen, ist das schon ok (lacht).

Nicole: Es gibt keine Literaturwissenschaftler die Events planen. Wir haben ein Jahr überlegt. Wir haben Blogs gelesen und einen Business-Plan erarbeitet. Es war also keine Hauruck-Aktion.

Lea: Hinter jedem Wunsch steckt eine Geschichte. Wir wollen die Geschichte dazu wissen und wir wollen persönlich rüber kommen, nicht als Agentur auftreten. Egal ob Event oder Recherche – wir wollen es so machen, als ob es der Kunde selbst machen würde.

Foto: Sven Wuttej

Also kann ich euch anrufen und sagen, ich brauch euch mal für ein paar Erledigungen am Samstag…

Lea: Naja einkaufen gehen wir nicht, aber wir können dir jemanden organisieren, der einkaufen geht (lacht).

Nicole: Wir hatten eine Anfrage von einer Frau, die 100 Bücher zu Hause hat, mit denen sie nichts anfangen kann. Auch darum kümmern wir uns. Es gab auch wen, der ein spezielles Möbelstück gesucht hat. Oder ein anderer wollte wissen, ob man ein Auto am Zweitwohnsitz anmelden kann.

Lea: Es gibt halt Leute, die stressen Recherchen so sehr, dass sie diese auslagern.

Bitte verzeiht wenn ich das so frage, aber damit kann man Geld verdienen?

Nicole und Lea (lachen): Naja, man muss eben die Marktlücken erkennen.

Nicole: Wir wissen, dass wir jetzt nicht gleich reich werden damit, aber es muss auch nichts geschenkt sein. Wir haben schon viel zu oft gratis gearbeitet.

Lea:

Deshalb ist es wichtig zu wissen, was die eigene Arbeit wert ist. Geld ist eine Form der Anerkennung. Das mag für viele nicht schön klingen, aber das ist leider so.

Nicoles Blog

www.gedankenflimmer.net
Jetzt ist es ja so, dass die Österreicher und die Selbstständigkeit manchmal auf Kriegsfuß stehen. Seht ihr das auch so?

Lea: Ja, bei den rechtlichen Belangen. Da gibt es nur schwarz und weiß. Entweder hat man ein Gewerbe oder nicht. Entweder man gründet oder nicht.

Nicole: Es ist eine Hemmung, Verantwortung zu übernehmen. Aber wer sich nichts traut, der kann auch nichts erreichen.

Für mich war es eine Überraschung. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich mich selbständig mache. Ich mag Strukturen. Doch ich habe festgestellt, dass man sich die Strukturen selber machen kann.

Lea: Aber was man dazu sagen muss: wir sind beide weiterhin auch in einem normalen Arbeitsverhältnis.

Achso – ihr seid also Teilzeit-Selbständige?

Lea: Ja, das kann man so sagen Wir haben beide Jobs nebenbei.

Nicole: Es ist eine andere Seite. Man muss hier nicht schwarz/weiß denken.

Lea: Es gibt auf beiden Seiten viele Aspekte die Spaß machen.

Nicole: Im Grunde ist es unsere Freizeit, die für das Projekt drauf geht. Aber wir machen das gerne und werden von der gesamten Familie unterstützt.

Foto: Sven Wuttej

Das klingt für mich ein bisschen auch wie Traumverwirklichung.

Nicole: Also der Traum vom Organisieren war es nicht immer.

Lea: Wir wussten nur: wir wollen etwas zu zweit machen und wir wollen kreativ sein. Der Traum wächst ja immer weiter. Der ist nicht vorbei, wenn man gegründet hat.

Nicole: Die Reise ist das Spannende.

Sind es nicht immer die ungeplanten Dinge, die dann funktionieren?

Lea: Ungeplant war es nicht. Wir haben schon lange an einem Businessplan geschrieben.

Würdet ihr also jedem einen Businessplan empfehlen?

Lea: Ja. Es ist mühsam, aber es gibt viele Dinge die keinen Spaß machen. Das gehört zur Selbständigkeit dazu. Es ist wichtig fürs Selbstbewusstsein.

Nicole: Das „schauma mal“ sind wir nicht.

Klingt realistisch.

Lea: Man träumt mit der Zeit halt kleiner, dafür aber handfester.

Würdet ihr das Studium Literaturwissenschaften empfehlen?

Nicole: Als Zweitstudium, nicht als Hauptstudium. Aber irgendwie waren wir für unsere Bürojobs perfekt vorbereitet. (lacht)

Lea: Ein Literaturstudium ist nichts aktiv Kreatives, aber passiv bekommt man irre viel mit.

Wie definiert ihr Helden und seht ihr euch als Helden?

Nicole: Leute, die sich nicht unterkriegen lassen sind Helden.

Lea: Der Alltag ist hart genug. Also ja, jeder darf ein Held sein.

Welchen Titel würdet ihr eurem Interview geben?

(lange Pause)

Lea: Mitreden darf der, der mitmacht.

Nicole: Irgendwann muss man sich trauen.