Auslaufmodell „Chef“: Braucht es noch Führungskräfte?

Karin Weigl wollte immer Karriere machen. Passiert ist diese erst, als sie aufgehört hatte, sich darum zu bemühen und plötzlich Marketingchefin eines internationalen IT-Konzerns wurde. Es folgten spannende Jahre – bis zum Burn out. Heute ist die gebürtige Grazerin selbständige Organisationsentwicklerin, Coach und Organisatorin des 1. Wiener Leadership Kongress am 5. November 2015. Im Interview spricht die 43-Jährige über die Berufswelt von morgen.

Karin, wer bist du, was machst du?

Ich bin Coach, Organisationsentwicklerin und Trainerin, und mein Anliegen ist es, einen positiven Spirit in die Wirtschaftswelt zu bringen. Ich will einen kleinen Beitrag leisten, damit es Unternehmen und ihren Mitarbeitern künftig besser geht.In der heutigen Arbeitswelt brauchen wir dringend mehr Freude und Motivation. Freude und Motivation entstehen, in dem den Mitarbeitern mehr Mitbestimmungsrecht und Eigenverantwortung gegeben werden, woraus sich eine Leistungsteigerung ergibt, die letztendlich für beide Seiten – Unternehmen und Mitarbeitern – von Nutzen ist.

Du warst nicht immer selbständig?

Nein, ich habe 17 Jahre bei verschiedenen Unternehmen gearbeitet, und war zum Schluss als Marketingleiterin eines großen IT Unternehmens tätig. Als ich dann in ein Burn out geschlittert bin, habe ich mich viel mit mir und meinen Wünschen und Bedürfnissen beschäftigt. Dadurch habe ich mich entschlossen selbstständig zu machen.

Hat dir dein Job davor Spaß gemacht?

Er hat mir grundsätzlich großen Spaß gemacht und ich habe mich sehr wohl gefühlt, wo ich war. Leider hat die Fülle an Tätigkeiten, wie z.B. das Verfassen vieler Berichte, deren Sinnhaftigkeit oft nicht erkennbar war, immer mehr zugenommen. Das kostet viel Energie und Zeit. Es gibt in großen Unternehmen leider so viele ’sinnbefreite‘ Tätigkeiten, die sich kleinere Unternehmen gar nicht leisten können, weil sie wirtschaftlich keinen bis wenig Nutzen bringen.

„Meine Karriere hat sich erst entwickelt, als ich losließ“

Wie ist deine Karriere entstanden?

Ich wollte nach meinem Sprachenstudium zu PR- und Werbeagenturen. Da ich dort nicht genommen wurde, habe ich bei einem Büromöbelproduzenten im Verkaufsinnendienst begonnen. Für mich war das wie eine kleine kaufmännische Lehre und persönlich sehr wertvoll. Dann bin ich über eine Personalberatung in den Bereich Projektassistenz gerutscht, hatte zunehmend mit Marketing zu tun und habe auf der WU einen Universitätslehrgang für Werbung und Verkauf gemacht. Danach habe ich im IT-Vertrieb begonnen und letztendlich bekam  ich die Rolle der Marketingdirektorin. Meine Karriere hat sich lustigerweise erst richtig entwickelt, als ich irgendwann los ließ und beschloss, einfach nur meinen Job gut zu machen und mein Leben zu genießen.

Foto: Markus Neubauer / Helden-von-heute.at

Foto: Markus Neubauer / Helden-von-heute.at

Du warst in einem Großunternehmen, bist mit einem Burn out ausgestiegen. Was würdest du sagen: ist die Selbständigkeit besser als die Struktur eines Konzerns?

Beide Seiten haben ihre Reize. Ich habe mich in den großen Unternehmen und in den mittelständischen Firmen sehr wohl gefühlt. Aber ich hatte zunehmend das Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmtheit. Dieser Wunsch nach Unabhängigkeit ist nach wie vor ein großer Motivator für mich.Unternehmer zu sein gehört wahrscheinlich für die meisten, die diesen Schritt wagen, zu einem der größten Selbsterfahrungsprojekte im Leben. Möglicherweise hätte ich mich auch nie selbständig gemacht, wenn ich das, was ich jetzt mache, auch als Angestellte machen hätte können. Vielleicht gehe ich eines Tages auch wieder in ein Unternehmen zurück. Wer weiß, was das Leben noch so bringt.

Mittlerweile scheint es, als wolle sich jeder selbständig machen.

Die Selbständigkeit ist nicht das Allheilmittel, und nicht jeder ist dafür geeignet. Aber es ist gut Eigenverantwortung zu übernehmen. Wenn es nach mir keine Kontrollinstanz mehr gibt, muss ich einfach selbst gut arbeiten. Solange es jemanden im Hintergrund gibt, kann man sich auf den, der danach kommt, verlassen. Ich spreche hier nicht von falsch interpretierter Eigenverantwortung, die sich zum Beispiel in zu vielen Überstunden breit macht.

Zum Thema Burn out: Es werden ja auch die Kritiker immer lauter und die Definition unterschiedlicher. Was ist es nun in deinen Augen: Unterforderung oder wirklich Überlastung?

Burn out ist eindeutig Überforderung. Das andere ist das Bore out. Aber ich kann sagen, dass es nie nur auf eine Ursache zurückzuführen ist. Es sind meist mehrere Lebensbereiche, die aus dem Lot geraten sind und wenn man sich in keinem Lebensbereich mehr entspannen kann, dann kann das zu einem Burn out führen.

„Mich hat der Zusammenbruch sehr überrascht“

Wie kann man Burn out überhaupt erkennen?

Obwohl ich einige einschlägige  Ausbildungen gemacht habe, und es selbst bei Kollegen immer wieder gesehen habe, habe ich es bei mir lange Zeit nicht wahrgenommen beziehungsweise erkennen wollen. Ich hielt mich selbst immer für energiegeladen und positiv motiviert. Daher hat mich der Zusammebruch dann sehr überrascht. Lange Zeit konnte ich gut verbergen, wie es mir wirklich ging, und war nicht in der Lage, aus diesem Teufelskreis auszusteigen. Es ist für mich immer wieder eine Herausforderung, mich zurückzunehmen und achtsam zu sein, was und wie ich etwas angehe. Heute kenne ich mein Muster gut und hab es schon rechtzeitig am Radar, bevor es kippen kann.

Warum dann die Entscheidung selbständig zu werden – war das nicht noch mehr Stress?

Ich habe mich vor fünf Jahren aus einem ganz tiefen Bauchgefühl heraus selbständig gemacht. Die 15 Jahre davor hatte ich viel Zeit und Geld in Ausbildungen investiert, das wollte ich nutzen und als Organisationsberaterin und Coach arbeiten. Aus heutiger Sicht denke ich mir manchmal, dass ich damals schon mutig war, mich mit verhältnismäßig wenig Vorbereitung auf diesen Schritt einzulassen. Bereut habe ich es aber noch nie.

Bist du ein “Bauchmensch”?

Schon, aber ich brauche immer eine Zeit, bis eine Bauchentscheidung auch durch ist. Wenn die Überlegung sich nach einer längeren Zeit immer noch gut anfühlt, dann mache ich es. Denn ich muss mich auch in den Phasen, in denen es nicht so gut geht, auf diese Entscheidung – das Gefühl, warum ich es mache – verlassen können.

Was meinst du damit, “wenn es nicht so gut geht”?

Bis jetzt waren es so etwas wie Lehrjahre. Ich habe gelernt mich zu organisieren, habe gelernt wie man Buchhaltung macht, und auch wie man mit der plötzlichen Freiheit umgeht, wie man Aufträge an Land zieht, wie man sich selbst vermarktet – alles, was zu einer Selbstständigkeit dazugehört. Es ist wichtig inhaltlich viel zu lernen und dran zu bleiben. Man darf nicht nur hinausgehen, um Geld zu verdienen, sondern muss oft auch zu Hause bleiben, um sich neues Wissen anzueignen. Das was ich bis jetzt vermeiden konnte, war so richtig sichtbar zu werden. Bis jetzt war ich in meiner Komfortzone und meinem Netzwerk.

Das klingt nach einem neuen Projekt?

Im Herbst war ich bei einem Kongress in Köln, wo es um das Thema “Zeitgemäßes Führen, neue Organisation der Arbeit” ging. Das hat mich dann so inspiriert, dass ich beschlossen habe, in Wien den ersten Wiener Leadership Kongress zu organisieren (dieser findet am 4. und 5. November statt, Anm). Kein klasssicher Kongress, sondern ein Bar-Camp, das ist eine Mischform aus Seminar und Boot-Camp. Die Veranstaltung richtet sich an UnternehmerInnen und Entscheider, die etwas in ihrem Unternehmen anders machen wollen und ihren MitarbeiterInnen mehr Mitbestimmung geben wollen, Führungskräfte, die in die Zukunft schauen und aus der Zukunft lernen wollen. Denn die Wirtschaft- und Arbeitswelt ist heute schon mit Schnelllebigkeit, einer hohen Dynamik und Komplexität konfrontiert, und diese Themen werden in Zukunft nochstärker präsent werden.

Karin Weigl

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Ein weiterer Kongress?

Ich habe die Veranstaltung bewusst 1. Wiener Leadership Kongress genannt, damit die Leute verstehen, dass es eine Fortsetzung geben wird und auch, damit der Business-Charakter rüberkommt. Das ist mir wichtig. Es geht hier nicht um Sozialromantik, sondern um die Vereinbarkeit zwischen einer menschlicheren Wirtschaft und betriebswirtschaftlichem Erfolg. Mir geht es auch darum, nicht nur nahmhafte Speaker zu holen, sondern den Teilnehmern das Thema näherzubringen, sie es selbst erleben zu lassen. Wir wollen die Teilnehmenden ermutigen, aus ihrer Komfortzone zu steigen. Im November werden wir dann sehen was passiert.

Ist der Kongress eine Gebrauchsanweisung für die Generation Y?

Nein, so möchte ich das gar nicht nennen. Aber natürlich sind die Bedürfnisse und Wünsche der Generation Y ein Thema, mit dem sichf die Wirtschaft künftig auseinandersetzen wird müssen. In Köln haben wir gehört, dass die Generation Y keine Sache des Alters ist, sondern vielmehr eine Sache der persönlichen Einstellung. Es geht also mehr um die Bedürfnisse, die viele von uns  – auch die Älteren – haben. Auch die, die sich in diesem Alter selbständig machen, aussteigen, sich umschulen lassen. Jene, die sich nicht mehr knechtenwollen und sich eine neue sinnorientierte Form des Arbeitens wünschen.

Was bedeutet für dich “zeitgemäßes Arbeiten”?

Das kann soweit gehen, dass man fragt: Braucht es überhaupt noch Führungskräfte? Und damit meine ich Manager im herkömmlichen Sinne. Das ist eine provokante Frage, ich weiß, und die Zukunft wird es uns zeigen.

Das kann sogar soweit gehen, dass die Mitarbeiter selbst ihren Verdienst bestimmen.

Und, braucht es sie wirklich noch?

Es gibt mehrere Kernpunkte. Einer davon ist, dass die Mitarbeiter aktiv mitgestalten. Das geht soweit, dass Entscheidungen in einem großen Plenum getroffen werden. Auch wenn nicht immer alle einer Meinung sind, geht es darum, das Ganze mitzutragen. Das kann sogar soweit gehen, dass die Mitarbeiter selbst ihren Verdienst bestimmen.

Also das Semco-Prinzip?

Genau. Semco ist der Klassiker. Es geht um Eigenverantwortung. Das Unternehmen geht also davon aus, dass du als Mitarbeiter die Arbeit ohnehin bestens machst. Die Eigenverantwortung besteht zum Beispiel darin, dass die Arbeiter an der Maschine eigenhändig Material nahbestellen dürfen. Darüber hinaus geht es um echte, ehrliche Beziehungen zu den Kunden, und keine LippenbekenntnisseBei vielen Unternehmen hat man eher die Wahrnehmung, dass der Kunde stört, wenn er anruft. Aber: Ohne Kunden gibt es keine Unternehmen.

In weiterer Folge sprechen wir dann auch über mehr Mitbestimmungsrecht seitens der Kunden?

Absolut. Da gibt es das Beispiel von einem Unternehmer, der eine eigene Cola-Marke gründete, weil er von der Änderung seiner ursprünglichen Lieblingsmarke enttäuscht war. Auch er meint: die Kunden haben vollstes Verständnis, wenn man ehrlich zu ihnen ist und sie darüber informiert, dass man aufgrund zu hoher Nachfrage nicht sofort liefern kann. Außerdem  kennen wir alle  es auch, wenn sich Produkte plötzlich verändern, obwohl wir, die Kunden, eigentlich das Alte ganz gut gefunden haben. Da werden in Unternehmen oft Entscheidungen getroffen, die für den Kunden nicht nachvollziehbar sind und somit am Markt vorbeigehen.

Also geht es darum Unternehmensgrenzen zu erweitern?

Genau. Kunden, Lieferanten und Mitarbeiter sind alle gleich wichtig. Ein Beispiel ist das Thema  Preis. Ich kann mit Lieferanten handeln, aber nicht den Preis aus Prinzip drücken – das ist eine Haltungsfrage. Kommunikation auf Augenhöhe mit allen Beteiligten der Wertschöpfungskette ist das Credo.

„Wir haben damals auch gut gelebt.“

In der heutigen Zeit geht alles über Geschwindigkeit. Diese würde doch durch diese Entscheidungsprozesse verloren gehen.

Als ich zu arbeiten begonnen habe war schon ein Faxgerät, das einliest, revolutionär. Ich habe mein erstes Handy 1999 bekommen. Damals habe ich in einer Personalberatung gearbeitet. Da war es üblich, auf den Anrufbeantworter zu sprechen. Wenn keiner da war, musste ich halt öfter anrufen. Wir haben damals auch gut damit gelebt. Ich denke, es ist eine Frage, wie wir damit umgehen und welchen Wert wir in solchen Entscheidungsprozessen erkennen können.Schnell ist nicht immer automatisch besser.

Also glaubst du, dass diese längere Entscheidungsfindung besser war?

Es hat beides seine Berechtigung. Flexibilität ist das Stichwort. Es ist angenehm, überall arbeiten zu können und weltweit erreichbar zu sein. Die Frage ist, wie sehr mache ich mich aber dadurch selbst zum Sklaven. Effizienz ist schon gut. Nur: die Erwartungshaltung, die mit der Schnelligkeit einhergeht sehe ich als problematisch.

Es verschwimmen die Grenzen von Hol- und Bringschuld.

Genau. Man muss sich heute fast entschuldigen, wenn man auf ein Mail nicht binnen 24 Stunden antwortet.

Foto: Markus Neubauer / Helden-von-heute.at

Foto: Markus Neubauer / Helden-von-heute.at

Wie wichtig ist dir das Thema Geld?

Das ist eine interessante Frage. Ich denke wir brauchen alle Geld und wollen alle Geld haben, um uns gewisse Dinge leisten zu können. Geld macht unabhängig, aber eher im Sinne des genießerischen Aspekts. Wenn ich Geld habe, gebe ich es auch gerne aus. Ich kann auch mit 10 Euro in der Woche auskommen, aber es muss die Perspektive geben, dass es auch wieder besser wird. Umgekehrt funktioniert es auch: Als ich mich selbständig gemacht habe, hatte ich ein gut gefülltes Sparbuch. Erst als es  leer war, bin ich erst so richtig in die Gänge gekommen.

Über das Geldthema spricht man heutzutage ja nicht gern.

Menschenliebe und eine wertschätzende Geisteshaltung stehen nicht im Widerspruch zum Geldverdienen. Es geht nur darum, was man mit dem Geld macht und wodurch man es verdient. Verdiene ich dadurch mehr, weil ich meine Lieferanten drücke oder Menschen schlecht bezahle? Diese Frage sollte sich jeder stellen.

Wie definierst du den Heldenbegriff?

Helden sind Menschen, die Dinge tun, die ich persönlich als schwierig finde und selbst nicht tun könnte. Helden sind immer die, die etwas zu einer Gemeinschaft beitragen, um diese lebenswerter zu machen.

Würdest du dich als Heldin bezeichnen?

Ich bekomme derzeit viel Feedback aus meinem Netzwerk. Viele sagen: du bist so mutig so einen Kongress auf die Beine zu stellen. Ich würde das so nicht sagen. Ich bin eher motiviert und angetrieben durch mein persönliches Anliegen. Ich denke, so geht es wahrscheinlich den meisten Helden. Sie sind getrieben durch ein persönliches Anliegen und dann tun sie, ohne lang nachzudenken. Es geht ihnen um die Sache..

 

    1 Kommentar

    • Dr. Dieter Priesching sagt:

      Die Ausführungen des Artikel „Helden von Hetue“ hat mir sehrgut gefallen.Für einen guten Chef,in ist meiner Lebenserfahrung , die Vielseitigkeit,Kreativität,Flexibilität,Mut zu Neuem,aber das vergangene nicht vergessen,wichtig anzuführen.Der Chef,in soll nicht auffallend immer im Vordergrund stehen ,sondern die Mitarbeiter in der Gestaltung der Arbeit und Eigenentscheidung fördern um leistungswillige Arbeitnehmer zu haben. Es soll aber auch die Arbeit mit der Freizeit in einer Ausgewogenheit vorhanden sein, damit neue Kräfte die Mitarbeiter entfalten können.Viel Erfolg für den weiteren Lebensweg
      Dein Vater

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