„Neid kann motivieren“

Jakob Steinschaden ist einer der bekanntesten Tech-Journalisten Österreichs. Der studierte Publizist, beschäftigt sich seit 2006 intensiv mit Themen wie Social Media, Big Data und Start ups. Wir haben ihn getroffen und über den Medienwandel, den Journalismus und den derzeitigen StartupBoom gesprochen.

Warum bist du eigentlich Journalist geworden?

Ich wollte schon mit 16 Journalist werden bzw. Schreiberling. Dass ich dann zum Tech-Journalist geworden bin,  war eher ein Zufall. Ich wollte damals als Volontär in die Kultur oder die Außenpolitik, bin dann aber beim Kurier im Technik-Ressort  gelandet. So bin ich schon früh zu Themen wie Blogging, Podcasts, Social Media und Start-ups gekommen, und die haben Spaß gemacht

Also hast du die Anfänge der heimischen Start up Szene live miterlebt?

Ich habe während meines Studiums schon über Musik geschrieben und mich in diesem Zusammenhang viel mit Websites beschäftigt. Damals bewegte sich alles noch in MySpace und StudiVZ (lacht). Mich hat da schon interessiert, wie die Ökonomie dahinter funktioniert  Als ich beim Kurier begonnen habe, gab es schon einige österreichische Start-ups wie Tupalo oder 123people, über die ich berichtet habe, und dieser Szene bin ich treu geblieben.

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Wolltest du nie selbst ein Startup gründen?

Ehrlich gesagt bin ich gerade dabei. Ich  konnte meinen Verlag (Jakob schreibt für Horizont im Manstein Verlag, Anm.) von einer neuen Idee überzeugen.

‚Es wird quasi twitter für die Digitalbranche“

Und wohin geht die Reise?

Es wird natürlich ein journalistisches Projekt sein, aber es ist etwas mehr als bloß ein Onlinemedium. Unter  TrendingTopics.at wird eine neue News-Plattform für die Digital-Branche entstehen, die mit einer neuartigen Funktion einen deutlichen Mehrwert für den User schaffen kann – es geht neben eigenen redaktionellen Inhalten sehr stark um kuratierte Inhalte aus dem ganzen Netz, die in einem News-Stream sehr übersichtlich und nutzerfreundlich präsentiert werden – quasi ein Twitter für die Digital-Branche Die Plattform wird natürlich alle Stückerl spielen, die man sich 2015 von einem neuen Projekt erwartet. Am 3. August wird TrendingTopics.at live gehen, und ich bin schon extrem auf das Feedback der User gespannt

Wir wissen es ja selbst: gerade heute ist es so schwierig wie noch nie am Medienmarkt zu bestehen. Ist es noch sinnvoll etwas zu starten, wenn schon jeder journalistisch tätig werden kann?

Ja, sicher ist es sinnvoll, etwas Neues zu starten. Der deutsche YouTuber „Le Floid“ hat enorme Reichweite und kann mittlerweile Angela Merkel interviewen. Theoretisch kann jeder hergehen und schreiben. Die Grenzen zwischen Blog und Medium verschwimmen mittlerweile. Publizieren kann also jeder, aber ich glaube, dass nicht jeder ein Gespür für Geschichten hat. Viele im Online-Bereich schildern aus der Ich-Perspektive. Im klassischen Journalismus allerdings geht es um objektive Berichterstattung, in der sich der Journalist mit seiner Meinung komplett zurückhält. Beides hat meiner Meinung nach seine Berechtigung.

Aber auch das verschwimmt mittlerweile.

Stimmt. Bei Buzzfeed oder Vice beispielsweise spricht man ja schon vom ‘immersive journalism’, wo sehr stark  aus der Ich-Perspektive berichtet wird.  Im Endeffekt geht es im richtigen Journalismus vor allem um den Hintergrund. Natürlich muss man gut schreiben können oder ein gutes Video produzieren können, aber das was der Leser am Ende sieht sind sowieso nur die letzten 10 Prozent. Ein Journalist muss sehr genau und viel recherchieren, alle zur Verfügung stehenden Quellen anzapfen, mit Experten reden  – und, was ein großer Unterschied zwischen Medienhaus und einfachem Blog ist: die Vermarktung.

Apropos: Ist es deiner Meinung nach möglich Online Content zu monetarisieren?

Da gibt es zwei Philosophien: Einerseits, dass Content gratis und frei sein muss, schon aus demokratiepolitischer Sicht, um möglichst vielen Menschen den Zugang zu Information zu ermöglichen Das gehört etwa zur Philosophie der Online-Ausgabe des britischen Guardian, die ja keine Paywall hat Auf die anderen Seite die Anhänger der Paid-Content-Modelle. Wenn man eine starke, relevante Marke wie der “Economist” ist und 1,5 Millionen Abonnenten hat, kann man gut von Paid Content leben. Für Medien, die nicht so stark sind, ist das natürlich schwieriger. Ich glaube nicht, dass jemand bereit ist einfach nur für Content zu zahlen. Da spielt schon das Vertrauen zur Medienmarke und zu den Personen dahinter mit. Die Leser messen den Wert  nicht nur am Inhalt, sondern auch an der Marke, “the medium is the message”. Das erklärt natürlich auch, warum BILD auf Paid Content setzt. Die haben in Deutschland so eine starke Brand, dass es viele User gibt, die für digitale Boulevardinhalte zahlen.

Umgekehrt: Wie ist es für dich, geht es nur ums Publizieren oder hast du zu deinem Medium auch ein starke Bindung?

Natürlich fühle ich mich bei meinem Medium gut aufgehoben. Das sollte jeder Journalist.

Viele haben oft keine Wahl. Als Journalist unterzukommen ist ja nicht mehr so einfach. Schlagwort: “Irgendwas mit Medien”.

Es gibt ja auch den polemischen Sager, dass künftig mehr Journalisten bei PR Agenturen arbeiten werden, als für Medienunternehmen (lacht). Das sagt viel aus. Alleine in Österreich gibt es viele, die vom Journalismus in die PR oder ins Marketing wechseln. Klar, die Branche ist unter Druck und wir sind in einem Hypermedienzeitalter, wo jeder mit Instagram, YouTube und Facebook aufwächst und sieht, wie einfach es ist, zu publizieren. Dementsprechend groß ist der Wunsch, eben irgendwas mit Medien zu machen.

Oder würdest du vielleicht sagen, dass wir uns in einem “everybody’s darling”-Zeitalter befinden?

Wie meinst du das jetzt?

Ich weiß nicht, ob PR der angenehmere Job ist.

Naja, PR und Marketing sind einfach angenehmer als echter Journalismus. Als investigativer Journalist muss man hart sein und nachbohren, man muss sich unbeliebt machen. Im PR-Bereich eher selten.

Ich weiß nicht, ob PR der angenehmere Job ist. Es gibt PRler die sicher länger im Büro sitzen als ich, und die müssen permanent eine Vermittlerrolle zwischen Kunde und Medien einnehmen. Das ist nicht unbedingt einfach. Wenn man ernsthaft PR macht, geht es ja um ehrliche Markenkommunikation und nicht nur um heiße Luft, und das ist keine leichte Aufgabe. Auch hier sieht man wieder nur 10 Prozent der Arbeit.

Aber in der PR arbeitet man zumindest immer für eine Marke. Als Journalist ist man immer wieder in der Situation “dagegen” zu sein.

Es ist natürlich unangenehm, jemandem gegenüber zu sitzen und dort nachzubohren, wo es weh tut. Natürlich entwickeln sich dadurch manche Gespräche nicht so freundlich, aber da muss man stur bleiben und dem Gegenüber hartnäckig in die Augen schauen.

Jakkse.com

Jakob Steinschadens Blog
Bist du eigentlich grundsätzlich ein neugieriger Mensch?

Ich würde behaupten, das ist eine Grundvoraussetzung für einen Journalisten. Manchen bin ich sicher zu neugierig. Ich würde mich aber nicht als Investigativjournalist bezeichnen. Aber Nachbohren muss sein, sonst wird man nie eine exklusive Story bekommen.

Wenn du es dir aussuchen kannst: für welche deiner Tätigkeiten würdest du gerne am meisten Zeit verbringen?

Draußen sein und mit den Leuten sprechen. Im persönlichen Gespräch, wenn man wirklich vor Ort ist, dann kommen immer  die besten Geschichten heraus. Da werden die Storys viel besser.

Wie schaut ein durchschnittlicher Tag bei dir aus?

Mein Tag beginnt um 7.00 Uhr mit Feedly, meinem RSS-Reader. Diese Liste schau ich mir durch, um einen Überblick zu bekommen, damit ich weiß, welche Themen  über Nacht so aufgekommen ist. Dann geht es ins Büro und dann wird einmal für die Onlineausgabe produziert. Danach geht es um die Produktion der Wochenzeitung. Pressekonferenzen besuchen, Termine machen, an Redaktionskonferenzen teilnehmen , Themen definieren, Interviews und Telefoninterviews führen, andere Medien observieren, Social Media betreuen, Bildrecherche, Fotografieren, Zitate einholen. Die letzten 10 Prozent der Zeit verbringe ich dann tatsächlich mit dem eigentlichen Schreiben des Artikels.

Was ist deine Motivation? An wen denkst du bei deinen Artikeln: An dich, oder stehen bei dir die Leser im Vordergrund?

Beides. Im Idealfall ist jeder Artikel so, wie ich ihn selbst gerne lesen würde. Da habe ich so meine großen Vorbilder wie den “Economist” oder den “New Yorker”. Auf der anderen Seite habe ich natürlich die Leserschaft im Hinterkopf und überlege mir, wie der Artikel für sie am nützlichsten ist.

Was wirst du für die Leserschaft der Zukunft bedenken müssen – sprich: Wie siehst du die Zukunft der heimischen Medienlandschaft?

Das ist eine schwierige Frage, mit der sich so ziemlich alle Medienmacher herumquälen. Um globaler zu bleiben: ich glaube, es wird zu einer schärferen Aufteilung der Medien kommen. Im Boulevardbereich wird man sich noch mehr auf werbefinanzierten Inhalt spezialisieren, im Qualitätsbereich sehe ich die Chance, dass Leute für Medien etwas zahlen. Das Printgeschäft in Österreich läuft bislang noch vergleichsweise  gut, aber ich glaube nicht, dass es wieder wachsen wird.

Wieso herrscht in Österreich noch immer die Kopf-in-den-Sand-Mentalität? Man hat das Gefühl der Schwerfälligkeit.

Österreich hat das Meiste verschlafen. Wenn man nach Deutschland blickt, zu Axel Springer oder Burda, wurde dort schon viel früher auf die Digitalisierung reagiert und auf entsprechende Entwicklungen gesetzt. Sie haben schon früh in e-commerce investiert und früh ihre Geschäftsmodelle diversifiziert. Diese Medienhäuser  verdienen mittlerweile mehr Geld mit nicht-journalistischen Produkten. Langsam setzt dieser Trend auch in Österreich ein. Es werden Webshops aufgemacht, und jedes Medium, das etwas auf sich hält, setzt auch auf Start-ups.

Foto: Lorin Canaj

Foto: Lorin Canaj

Was ist für dich ein klassisches Start-up? Da gibt es ja viele Definitionen.

Eine Neugründung – wenn man es sehr breit fächert. Das kann dann aber auch ein Burger-Laden sein. Ein Start-up im engeren Sinn ist eine kleine Firma, die mit neuer Technologie zu tun hat. Ein weiteres Merkmal ist die Skalierbarkeit: das Modell kann also von klein bis ganz groß ausgeweitet werden. Man kann mit der gleichen Leistung 100 oder 1000 Kunden bedienen, da liegt dann das Wachstumspotenzial. Das kann natürlich schnell zu großen Umsätzen führen. In weiterer Folge kommen dann weitere Finanzierungsrunden, in den USA oft ein  Börsengang oder der Aufkauf durch ein noch größeres Unternehmen. Wie bei Runtastic (Österreichisches Aushänge-Start-up, Anm.). Das gehört mittlerweile auch zu 51 Prozent Axel Springer – einem deutschen Medienhaus.

Warum keinem österreichischen?

In Österreich herrscht teilweise eine sehr abwartende Haltung gegenüber neuen Technologien und Medien, Stichwort Leistungsschutzrecht. Außerdem hat Runtastic einen international starken Partner gesucht, und davon gibt es in Österreich kaum welche. Wenn man in die Nachbarländer blickt, gibt es Medien-Start ups, die gut leben können, wie zum Beispiel “De Correspondent” aus den Niederlanden. Die halten sich nicht lange mit Diskussionen auf, ob man etwas kann, darf oder eben nicht, die machen einfach.

Aber jetzt weg von den Medien: Was würdest du machen, wenn du nicht Journalist wärst?

Ich wäre Koch in meinem eigenen Lokal oder Gitarrist in einer ziemlich harten Rock-Band (lacht).

Du hast Musik gemacht?

Ja, in einer Rock- und in einer Hip-Hop-Band, deswegen hat das Studium etwas länger gedauert (lacht).

Gibt es die Band noch?

Nein, leider nicht mehr. Die damaligen Bandmitglieder sind immer noch sehr gute Freunde. Manchmal setzen wir uns noch zusammen und amüsieren uns, wenn wir die alten Songs hören.

Und wahrscheinlich über den Traum vom ganz großen Ruhm?

Wir sind natürlich von einer Weltkarriere ausgegangen. Aber dazu hätten wir mehr üben und weniger Bier trinken müssen (lacht).

Apropos üben: Was braucht es deiner Meinung nach, um erfolgreich zu sein und seine Ziele zu erreichen?

Ganz klassisch: Man muss alles so gut wie möglich machen und jeden Tag das Optimum anstreben. Teamfähigkeit und eine Grundoffenheit sind dabei unerlässlich! Man sollte sich jeden Tag mit neuen Themen beschäftigen wollen, und die ausgetrampelten Pfade verlassen. Und man braucht natürlich ein klares Ziel vor Augen, dass man erreichen will, und am besten leidenschaftliche Menschen, die den Weg mitgehen wollen.

Und was würdest du den Menschen gerne mitgeben, als Geheimtipp vielleicht?

Naja, auch wenn es jetzt diesen Start-up-Hype gibt, würde ich nicht jedem dazu raten eines zu gründen. Denn das kann nicht jeder. Es klingt toll, aber in der Praxis sieht das anders aus. Man hat kein fixes Einkommen, man kann sich keinen Urlaub leisten und wird auch nicht weniger arbeiten oder viel freier sein. Es gibt einfach Menschen, die gerne um 16 Uhr nach Hause gehen, das ist ja nichts Schlechtes. Es werden auch nicht viele bereit sein Abstriche bei ihrem Gehalt zu machen,  Ein Angestellter verdient sicher meistens deutlich mehr als ein Start-up-Gründer.

Positiver Neid kann der Eigenantrieb fördern

Aber meinst du nicht, dass da der Neidkomplex eine große Rolle spielt?

Naja, ich sehe Neid nicht nur negativ. Neid kann auch motivieren. Wenn ich sehe, dass jemand mehr hat oder mehr kann, wird mich das möglicherweise anspornen. Positiver Neid kann mitunter den Eigenantrieb fördern.

Wo holst du dir selbst Inspiration?

Ich lese ziemlich viel und arbeite mich immer wieder in neue Bereiche ein. Gerade kürzlich habe ich gelesen, dass man der Durchschnitt aller Menschen ist, mit denen man sich umgibt. Folglich sollte man sich mit den bestmöglichen Menschen der Branche umgeben, das ist sicher auch eine sehr wichtige Quelle der Inspiration.

Das erinnert mich an das Buch 0,01 Prozent, worin steht, dass der eigene Verdienst dem Durchschnittverdienst der Bekannten und Freunde entspricht. Also sollte man sich mit entsprechenden Menschen umgeben, wenn man ein höheres Einkommen anstrebt. Und da wäre ich beim Punkt: Wie egoistisch bist du?

Ein wenig. Wahrscheinlich braucht man das in gewisser Weise. Sagen wir so: Ich bin gerne spendabel und hilfsbereit und erwarte mir keine Gegenleistung, aber hin und wieder muss man seine eigenen Pläne durchdrücken. Beispiel: Ich wollte unbedingt nach Kuba und bin über die Weihnachtsfeiertage hingeflogen. Auch wenn mich Freunde und Familie lieber in Wien gehabt hätten.

Wie definierst du Helden?

Ich finde es interessant, dass unsere Generation gar keine so große Helden hat. Die meisten Helden, die gefeiert  werden, sind oft Medienfiguren. Aber das sind ja keine wirklichen Helden. Die können sicher gut schauspielern und haben vielleicht bei einer Spendengala was springen lassen, aber nichts wirklich bewegt, sondern uns lediglich gut unterhalten. Bei uns sind die meisten Helden nur Medienhelden. Einzig Edward Snowden fällt mir als echter Held der digitalen Generation ein. In Kuba etwa, um darauf zurückzukommen, sind noch wirkliche Helden zu finden, dort singen die Menschen noch Lieder auf Che Guevara. Vom dem kann man halten was man will, immerhin hat er Menschen umgebracht, aber er hat wesentlich zu großen Veränderungen beigetragen.  Solche großen Persönlichkeiten fehlen unserer Generation, wir tragen lieber Bandnamen und Markennamen auf unseren T-Shirts. Man könnte natürlich Steve Jobs als Held bezeichnen, aber was hat er de facto gemacht? Gute Produkte auf den Markt gebracht, die in China billigst und unter unschönen Bedingungen produziert werden und manchen Menschen das Minus auf dem Konto vergrößern.

Würdest du dich selbst als Held sehen?

Nein.

Auch nicht mit unserer Definition des Heldentum, so dass jeder ein Held sein kann, wenn er darauf achtet, was er in der Gesellschaft tut?

Man sollte nicht jeden zum Helden machen. Der Gesellschaft etwas Gutes tun, sollte nicht Heldentum sein, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wenn man Social Media ansieht, das ist ja so ein Beliebtheitswettbewerb, bei dem sich viele gerne als Helden und Stars darstellen  und ihre Likes zählen. Wenn jetzt jeder durch die Welt läuft und sagt “Ich bin ein Held”, würde das nicht funktionieren. Aber es passt sicher gut zu unserer egozentrischen Gesellschaft (lacht).

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