Germans, erzähl uns von Lettland

Germans Kobileckis ist 20 Jahre alt und Informatikstudent in Wien. Bereits mit 16 Jahren wusste der blonde Mann aus Riga: er will nach Österreich. Im WELTLUFT-Gespräch erzählt Germans über sein Sprachtalent, das Bildungssystem, über das winterliche Mitternachtsschwimmen im Baltischen Meer und warum er das österreichische Essen im Gegensatz zum Land nicht wirklich mag.

Germans, woher kommt dein Name?

Es ist ein russischer Name, es gibt irgendeinen Heiligen, der so heißt. Eigentlich ist der Name selten… wobei, ich kenne noch zwei Germans. Eigentlich wäre ich ja German, aber in Lettland hängen wir an die Namen meist ein “s” an – deshalb bin ich Germans. (lacht)

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Erzähl uns mal, wann und warum bist du nach Österreich gekommen?

Vor drei Jahren hat meine Schwester ihren Erasmuskurs in Wien gemacht. Mit meinen Eltern besuchten wir sie. Ich war zuvor noch nie hier und war sofort begeistert von der Stadt.

Warum gerade Wien?

Wien ist eines der Zentren der Kultur in Europa.

Du sprichst perfekt Deutsch – wo hast du so schnell die Sprache gelernt?

Ich habe schon als Kind Deutsch gelernt, aber die Sprache damals gehasst (lacht) Als ich das erste Mal in Wien war, hat sich das geändert.

Als ich nach dem Besuch zurück in Lettland war, habe ich sofort begonnen mein Deutsch zu verbessern. Ich bin dann während der Schule für einen Deutschkurs noch einmal nach Wien, war hier einen Monat lang. Deshalb hab ich mich auch fix für Wien entschieden.

Sprichst du auch noch andere Sprachen?

Russisch ist meine Muttersprache, auch Lettisch. Ich bin auf eine zweisprachige russische Schule gegangen. Bei uns wachsen fast alle zweisprachig auf, da Lettisch sowieso verpflichtend ist.

Natürlich spreche ich noch Englisch, Ukrainisch – mein Vater kommt aus einem Dorf in der Ukraine – und ich kann auch in Polnisch und Serbisch lesen.

Das ist ein Unterschied zu Österreich: hier dominieren nur Deutsch und Englisch – und Latein, das gibt es bei uns fast gar nicht. Allerdings fällt mir auf, dass Englisch schwach ausgeprägt ist. Bei uns spricht man nach der Schule fließend Englisch.

Wie war dein weiterer Weg in Richtung Österreich?

Ich habe einen Erasmus-Kurs in Litauen besucht, den man eigentlich nur als Student besuchen kann. Ich habe ihn schon in der Schule gemacht. Da habe ich sehr, sehr viele internationale Kontakte geknüpft. Jemand hat mir gesagt, dass ich unbedingt nach Wien muss. Ich habe mich ein Jahr später an der FH Technikum Wien beworben – weil ich noch Schüler war und keine Dokumente schicken konnte, bin zu einem persönlichen Test eingeladen worden. Ich war der Viertbeste von 100 Leuten, hatte viel Punkte. Dennoch war ich mir nicht ganz sicher, aber ich dachte: ich mach’s einfach. Das war Anfang 2013. Dann war ich im Oktober auf der TEDxVienna 2013 und da habe ich viele neue Leute kennen gelernt. Seit damals hat sich mein Deutsch ordentlich verbessert.

Was ist und war der größte Unterschied zu Lettland?

Hier sind die Leute alle fröhlich und sie lachen. Aber sie denken oft ganz was anderes.

Ich habe das Gefühl, dass manche zu oberflächlich sind. In Lettland sind die Leute sehr direkt. Sie sind “beruhigt”. Sie genießen das, was sie haben. Natürlich spielt in Lettland dabei die wirtschaftliche Entwicklung eine Rolle.

Wenn du die Bildungssysteme vergleichst, was fällt dir da auf?

Das Ausbildungssystem ist komplett anders. Hier sind die Vorlesungen nicht so wichtig. Bei uns in Riga zählen die Vorlesungen mehr als die Hausarbeiten.

Was mir noch auffällt: Das, was ich hier an der Uni bezüglich Mathematik lerne, habe ich in Riga bereits in der Schule gelernt. Allerdings muss ich sagen: in Riga ist alles technisch ausgerichtet. Kunst ist nicht so das Thema wie hier. Künstlerische Berufe existieren bei uns nicht wirklich.

Wie sieht bei euch die Matura (Abitur) aus?

Was hier die Matura ist, ist bei uns ein Zeugnis mit 4 verpflichtenden Prüfungen. Dazu kann man ein Freifach wählen.

Gibt es Studiengebühren?

Ja. Wenn man sehr gut ist, gibt es Stipendien. Sonst zahlt man 500 – 2000 Euro pro Semester.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Wenn wir schon beim Geld sind, wie sieht es bei euch mit den Löhnen aus?

Sie sind niedrig. In Lettland bekommt man beispielsweise als WebDeveloper weniger als die Hälfte. Hier sind es um die 2000 Euro brutto, was ich gesehen habe. Dabei sind bei uns die Lebenserhaltungskosten nur ein bisschen geringer – wir haben seit Jänner auch den Euro. Die Mieten sind etwas auch geringer. Für eine kleine Wohnung zahlt man vielleicht 400 Euro, klar. Aber leben kann man von den Löhnen nicht gut.

Schon gar nicht in der Pension, wenn man 200 oder 300 Euro im Monat hat.

 Wie sieht es bei euch mit Wohnungen aus – Miete oder Kauf?

Was mir ebenfalls auffällt: in Österreich sind Mietwohnungen populär. In Lettland steht der Besitz im Vordergrund. Lieber einen Kredit aufnehmen, aber dafür eine Wohnung kaufen. Es gibt noch viele Leute die Angst haben, irgendwann nichts mehr zu haben.

Natürlich, unsere Generation ist da sicher anders. Fast alle Jugendlichen wollen im Ausland studieren. In Lettland wächst fast jede Person mit zwei Sprachen auf. 60 Prozent sprechen Russisch und Lettisch. Nicht so sehr wegen Russland sondern der UDSSR. Russisch war damals die einheitliche Sprache.

Erzähl mir ein bisschen von deiner Heimatstadt, Riga.

Riga ist prinzipiell sehr grün, mit vielen Parkanlagen. Es ist eine kleine Altstadt, nicht so groß, aber alt geblieben. In Wien gibt es auch neue Gebäude kombiniert mit der Altstadt. Das haben wir nicht.

Du hast vorher kurz erwähnt, dass die Kunst bei euch keine große Rolle spielt. Also hat man als Jugendlicher in Riga nicht den Traum ein Rockstar zu werden?

Nein, das ist bei uns nicht so üblich. Bei uns steht eher der Sport im Fokus. (lacht)

Obwohl: Ich selbst habe Klarinette gespielt und einige Freunde machen Musik, aber das war’s auch schon.

Foto: Sven Wuttej

Foto: Sven Wuttej

Was kann man in der Freizeit machen?

Lettland ist ja prinzipiell sehr flach. Ich genieße es hier daher klettern zu können. Ich bin einmal professionell geschwommen – in Riga. Allerdings schwimmen in Riga fast alle Kinder. Das fällt mir auch auf, dass wenige Menschen in Wien schwimmen gehen.

Das hängt vom Bundesland ab – in Kärnten gibt es viele Seen, da wird auch mehr geschwommen.

Ok, das kann sein. Bei uns gibt es das Meer und viele Seen. Allerdings nutzen wir sie das ganze Jahr. Wenn der See 15 Grad hat ist das völlig in Ordnung. Es gibt auch Leute, die im Winter schwimmen gehen. Bei uns ist es normal, dass man um 1 Uhr in der Nacht baden geht.

Wie sieht es in Lettland mit dem technischen Standard, facebook und Co. aus?

Ich weiß nicht ob ich das so objektiv sagen kann, mir fällt nur auf, dass in Lettland die jungen Menschen das Internet intensiver benutzen. Außerdem sind bei uns Social Media-Netzwerke viel populärer.

Und: die Internetgeschwindigkeit ist 3x schneller als in Wien, bis zu 400 Mbit – die Preise sind auch viel geringer.

Wir zahlen etwa 5 – 24 Euro für einen Internetanschluss pro Monat.

Apropos Freizeit: Wie ist euer Zugang zu Alkohol?

Bei uns ist offiziell bis 18 Jahre Alkoholverbot. Es wird bei uns natürlich getrunken, aber generell eher bei wirklichen Feiern und Festen. Hier sehe ich fast nur Bier und Wein. Außerdem, wenn wir jemanden fragen: “Trinkst du?” wollen wir nur wissen, ob er oder sie generell alkoholische Getränke angreift. In Österreich ist man da etwas sensibler. (lacht)

Wie sieht es mit dem Rauchen aus?

Die Raucherlokale mag ich nicht. Obwohl in Riga die Zigaretten etwas billiger sind und sie selbst in normalen Geschäften verkauft werden – bei uns gibt es keine Trafiken oder Automaten – rauchen nicht so viele wie hier.

Wechseln wir zum Essen – wo und wie ist der Unterschied?

Das Essen in Wien schmeckt mir überhaupt nicht. Auf der Straße gibt es hauptsächlich Döner, Nudeln. Im Geschäft nur Brote und irgendwelche Getränke. In Lettland haben wir schon auch Sandwiches, aber meistens gibt es bei uns viele Salate oder Suppen. In Lettland essen wir Brot selten bzw. nicht als Hauptnahrung. Als echtes Essen gilt das bei uns nicht. Wir essen prinzipiell eher gesünder. So bin ich zumindest aufgewachsen.

Dafür hast du gesagt, dass ihr viele Süßigkeiten esst oder?

Ok, das stimmt (lacht) Wir essen Torten aller Art, sogar Gemüsetorten. Sehr populär in Riga sind kleine gefüllte Schokopralinen. In vielen Geschäften findet man “Bibliotheken” voller Süßigkeiten. Aber dafür essen wir auch viele Topfen- und Milchprodukte.

Wohin sollte jemand, wenn man nach Lettland reist?

Auf jeden Fall nach Riga. 20 Kilometer entfernt ist Jurmala, das heißt  direkt übersetzt „eine Seite vom Meer“ – eine echte Touristenstadt. Ich würde woanders hingehen. Wir haben einen Nationalpark mit interessanten wilden Tieren. Der Park heißt: Ligatne

Ich würde empfehlen einfach die Natur zu genießen. Die Städte sind auch spannend, aber bei uns sitzt kaum jemand in einem Lokal, in einer Bar.

Was sollte man als Tourist in Lettland auf jeden Fall vermeiden? Gibt es da was?

Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung. Das was wir allerdings weniger machen ist über unsere Familie Späße zu machen. Wir sind aber überhaupt sehr offene Menschen. Was mir aber aufgefallen ist: Wir küssen uns bei der Begrüßung nicht. Vielleicht manche Mädchen, aber das ist bei uns nicht üblich. Wer in Riga bei der Begrüßung küsst, ist ganz bestimmt Tourist (lacht).

Wo genießt du hier die Natur?

Auf dem Schneeberg. Ich war auch schon in Kärnten, auf der Großglocknerstraße und in Klagenfurt. Und in Salzburg und Niederösterreich. Was für mich auch immer witzig ist, wenn ihr hier sagt: wir fahren mal nach Italien. Das klingt total weit weg. Dafür haben wir Estland und Co. Das ist auch sehr schön.

Willst du hier bleiben oder wieder nach Lettland?

Ich habe mich noch nicht entschieden, es gefällt mir natürlich und falls ich einen Beruf finde, ist es wahrscheinlich. Aber ich möchte irgendwo weiter. Ich bin jung und kann und will noch viel sehen.