„Fukushima wird eine lebenslange Bedrohung bleiben“

Vor 20 Jahren hat es Gabriele Kubo nach ihrer Ausbildung zur Floristin nach Japan gezogen. Nach einer harten Schule der japanischen Kultur im Blumenladen in Kyoto hat Gabriele dann zusammen mit ihrem Mann die Hana-ami Flower Design Schule in der Nähe von Yokohama eröffnet. Im Interview erzählt sie über ihre Arbeit mit Blumen, Japanern und ein nicht immer einfaches Leben in Japan.

Gabriele, was genau ist European Floral Design?

Das ist tatsächlich gar nicht so bekannt in Europa, hier in Japan ist das aber ein richtiger Renner. Wir stecken Blumenwerkstücke, die man so nicht im Laden verkaufen würde. Es ist vielmehr für einen selbst, und die besondere Erfahrung, etwas Schönes aus Blumen zu schaffen. Hier in Japan ist Blumenbinden auch, abgesehen von Ikebana, gar nicht so verbreitet. In den Blumenläden gibt es nur einfache Sträuße, aber keine richtigen Dekorationen aus Blumen. Für unsere Schüler ist es also eine Möglichkeit, etwas von der europäischen Kultur in sich aufzunehmen.

Und was genau machst du mit deinen Schülern beim Unterricht?

Das Erste, was ich ihnen beibringe, ist, einen dekorativen Strauß in der Hand zu binden. Damit sind wir mit unserer Schule auch ein bisschen berühmt hier geworden. Bei der Arbeit gebe ich dann verschiedene Themen vor, oder wir lassen uns inspirieren von Musik, Geschichten, oder Gedichten. Man fängt ein Bild ein, und realisiert es.

Und wie finden das deine Schüler?

Ach, die genießen es, mal was anderes zu machen. Im Vergleich zu anderen Gestaltungsschulen sind wir sehr frei. Ich will den Menschen beibringen, mit ihren Augen und ihrem Gefühl zu messen und zu arbeiten. In anderen Schulen wird oft auf den Millimeter genau mit Maßbändern gearbeitet.

Wenn ich meine Schüler frei arbeiten lasse, sind sie oft sehr verloren. Da merkt man den Einfluss der japanischen Kultur.

Blumen stecken mit Maßband?

Das klinkt wirklich komisch, nicht wahr? Ich denke auch, dass man Proportionen und Wirkungen von verschiedenen Farben nicht in Zahlen messen kann. Trotzdem ist es auch so, dass sich meine Schüler auch noch sehr nach solchen Regeln richten. Mir ist aufgefallen, dass, wenn ich meine Schüler frei arbeiten lasse, sie oft sehr verloren sind. Meistens muss ich etwas vorstecken. Die Schüler kommen dann schon von sich aus und messen dann alles genau nach. Da merkt man deutlich den Einfluss der japanischen Kultur.

War es denn am Anfang ungewohnt, mit Japanern zusammen zu arbeiten?

Ja, und wie. Am Anfang habe ich auch ganz viele Fehler gemacht, was die Zusammenarbeit mit meinen Schülern betrifft. Ich weiß noch ganz genau, damals in Shibuya, bei meinen ersten Unterrichtseinheiten, habe ich den Fehler gemacht, meine Schüler frei arbeiten zu lassen, und danach die Werkstücke zum Vergleich und zur Kritik zusammenzustellen. So hatte ich das eigentlich damals während meiner Meisterschule gelernt. Als ich fragte, was jeder zum Werkstück des anderen sagte, war erstmal betretene Stille.

Hast du dich denn mittlerweile an solche Unterschiede gewöhnt?

Nach so vielen Jahren schon. Ich glaube, ich könnte gar nicht mehr in Deutschland unterrichten.

Wenn man in Deutschland etwas vorgibt, bekommt man tausende Varianten, jeder will seine Individualität ausleben.

Wieso das denn?

Ich finde es eigentlich ganz gut, wie hier gelehrt und gelernt wird. Es wird ja immer gesagt, dass Japaner alles nachmachen, aber ich denke, sie lassen sich eher auf etwas Neues ein. Das Nachstecken ist natürlich sehr langweilig, und nicht sehr individuell, aber sie lernen dabei sehr viel. Und wenn man das jetzt zum Beispiel bei verschiedenen Lehrern macht und sich in ihre Arbeit hineinfühlt, kann man eine ganze Menge davon mitnehmen. Das würde mir in meiner Heimat ein bisschen abgehen, dieses Einfühlen und sich einlassen. Wenn man in Deutschland etwas vorgibt, bekommt man tausende Varianten, und jeder will seine eigene Individualität ausleben. Das kann manchmal auch lernhinderlich sein, wenn man sich nicht auf Neues einlassen kann und sich nicht in andere Perspektiven einfühlt.

Wie du erzählst, scheinst du wirklich mit Herzblut bei deiner Arbeit zu sein.

Ja, es ist meine Herzenssache und eine sehr friedliche Arbeit. Blumen sind generell friedliche Lebewesen, und ich denke, das überträgt sich auch. Manchmal kommt mir vor, dass es eine Art Therapiearbeit ist, die wir da in unserer Blumenschule machen. Es ist schön für jeden: für denjenigen, der es steckt, und für denjenigen, der es ansieht. Es geht auch um die Gemeinsamkeit. Man unterhält sich untereinander, betrachtet die Schönheit der Blumen, dann trinkt man noch einen Tee, und wenn man dann nach Hause geht, hat man einen guten Tag gehabt.

Gabriele Kubo, Foto: Ioanna Doeringer

Gabriele Kubo, Foto: Ioanna Doeringer

Gabriele, wie bist du überhaupt nach Japan gekommen?

Das hat sich einfach so ergeben. Nach der Meisterschule für Floristik wollte ich raus und was Neues sehen. Zu der Zeit gab es eine Anfrage aus Kyoto. Eine Besitzerin eines dort ansässigen Blumenladens hat sich für unsere Schule interessiert, und die Schulleitung hat mich ihr vorgeschlagen.

Wie war denn deine erste Zeit in deinem neuen japanischen Leben?

Es war von Anfang an ein richtiger Kulturschock für mich. Ich hatte eigentlich kein richtiges Bild von Japan. Als ich dann in Osaka am Flughafen angekommen bin, und dann wirklich mit der geballten Kultur konfrontiert wurde, war das sehr anstrengend für mich. Das Klima war zunächst auch sehr extrem, vor allem die Regenzeit, die Hitze.

Was hast du dann in Kyoto gemacht?

Ich habe im Blumenladen gearbeitet und bei den Kursen, die dort angeboten wurden, unterrichtet. Ich kannte solche Kurse aus Deutschland gar nicht. Und in den Kursen war es damals eben schon Floral Design und kein Ikebana gewesen. Dennoch habe ich einen Kurs für Ikebana auch noch belegt.

Was ist für dich der Unterschied zwischen Ikebana und Floral Design?

Floral Design ist viel freier. Im Ikebana ist ja alles vorgegeben. Da sagt der Sensei, wie es sein muss, und so muss es auch jeder nachmachen. Das war damals im Kurs, den ich gemacht habe, schon eine komische Erfahrung.

Da gab es kein ‚Ja, aber‘

Weshalb eine komische Erfahrung?

Ich kann mich noch gut an meine erste Stunde erinnern. Wir haben dieselben Blumen wie der Sensei bekommen, der alles schon vorgesteckt hatte. Da wollte ich natürlich was anderes machen und meinen eigenen Weg gehen, und hab die Blumen dann so gesteckt, wie ich es wollte. Der Sensei hat dann einfach nur mit dem Kopf geschüttelt, alles rausgenommen, und dann alles genauso geschnitten und gesteckt, wie er es vorgegeben hatte. Da gab es kein ‚Ja, aber‘.

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Hört sich nach einer starken Umgewöhnung an.

Das war es. Auch bei der Arbeit im Blumenladen gab es strenge Regeln und Hierarchien. Alles staffelt sich nach Zeit und Zugehörigkeit. Daher wurde ich, obwohl ich einen Meistertitel in der Floristik hatte, wie ein Neuankömmling behandelt und musste auch nach den Regeln eines Anfängers arbeiten.

Was waren das für Regeln?

Ich musste sechs Tage in der Woche arbeiten, und hatte nur drei Tage Jahresurlaub. Es stand auch genauso in meinem Vertrag. Als ich das damals gelesen hatte, hatte ich das nicht für voll genommen. Ich dachte, dass würden die nur wegen des Visas machen. Ich hatte aber wirklich nur drei Tage Jahresurlaub bekommen.

Und wie ist es nach 20 Jahren in Japan für dich?

Nach 20 Jahren ist es immer noch ganz schön anstrengend. Die ersten Jahre waren sehr aufregend, und ich bin, nachdem ich eine Zeit lang zwischen Deutschland und Japan gependelt bin, in eine japanische Rolle hineingeschlüpft. Nach einer Zeit habe ich aber bemerkt, dass ich meine deutschen Wurzeln trotzdem in mir habe, und dass diese auch immer ein Teil von mir sein werden.

Wir dachten alle, dass wir im Meer versinken würden

Hattest du denn, außer der ganzen Regeln, noch andere schwierige Situationen in all den Jahren?

Naja, da war natürlich das Tohoku-Erdbeben 2011. Wir dachten alle, dass Japan im Meer versinken würde. Ich hatte wirklich Angst um mein Leben, um mich und meine Familie, vor allem, weil wir direkt in Chigasaki am Meer wohnen. Überall gab es Nachbeben, und wir hatten die ganze Zeit Angst, dass ein Tsunami kommen würde. Dann kam noch Fukushima dazu. Meine Familie in Deutschland wollte, dass ich sofort zurückkomme. Es war damals alles sehr schwer. Ich hatte das Schicksal meiner Familie in der Hand und war gleichzeitig komplett durchgeschüttelt vom Erdbeben, und konnte nicht mehr zur Ruhe kommen.

Und was hast du in dieser Situation gemacht?

Ich bin erstmal mit den Kindern zurück nach Deutschland, aber dort war es auch nicht unbedingt leichter. Meine Kinder konnten kaum Deutsch, und es wäre nicht einfach geworden mit der Schule und Abitur. Wir haben uns oft überlegt, was es bedeuten würde, wenn wir alles, was wir uns in Japan aufgebaut haben aufgeben würden. Wir sind damals regelrecht geflohen, haben nur das Nötigste zusammengepackt. Unsere ganzen Sachen waren noch in Japan. In Deutschland haben wir immer mehr den Boden unter den Füßen verloren, und  mussten dann nach ein paar Monaten mit sehr schweren Herzen zurück.

Gabriele Kubo, Foto: KK

Gabriele Kubo, Foto: KK

Wie war es, nach dem Erdbeben wieder nach Japan zu kommen?

Es war ganz schlimm. Die Angst kam wieder zurück, wurde sogar noch schlimmer, weil der Weg heraus abgeschnitten war, das war eine verzweifelte Situation in einem erschütterten Umfeld. Die Erdbeben hören hier sowieso nie auf und Fukushima wird eine lebenslange Bedrohung bleiben. Inzwischen hat sich unser Leben wieder etwas eingependelt, aber wir haben das Zugehörigkeitsgefühl leider verloren. Der Gedanke: „hätten wir in Deutschland bleiben dürfen“, wird uns nie ganz verlassen.

Denkst du, dass dir die Arbeit mit den Blumen hilft, das Ganze ein bisschen zu verarbeiten?

Ja bestimmt, die Blumen helfen auf alle Fälle. Wenn es mir nicht gut geht, kann ich mich damit ablenken. Ich bekomme Energie davon, die Blumen erden einen regelrecht.

Denkst du, du kannst das auch in deinem Unterricht weitergeben?

Ich denke, alles, was man gemeinsam macht, hilft. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit ist bei Katastrophen das wichtigste. Nur zusammensitzen und weinen, das führt zu nichts. Zusammen kann man sich ablenken mit etwas Schönem. De Facto ist diese Blumenarbeit ja auch was Unnützes: man kann es nicht essen, man kann es nicht trinken. Es ist nur für sich selbst. Und genau das ist es, was in meinen Augen hilft. Es ist pure Herzensarbeit.