Elisabeth, die Winzerin

Markus und ich haben aufgehört zu plaudern. Konzentriert starren wir beide durch die Windschutzscheibe, lassen unsere Blicke über die Häuschen, Gassen und Straßenschilder schweifen. Man möchte meinen, es sei nicht möglich sich in einer 1004 Seelen Gemeinde zu verfahren. Oh, ich schaffe das. “Da sieht doch alles gleich aus”, versucht Markus mich zu beruhigen und unterbricht meine stillen Selbstgespräche, die sich hauptsächlich darum drehen, wie ich unserer Interviewpartnerin die 20-minütige Verspätung erklären soll. Sich in Wien zu verfahren – peinlich, aber zumutbar. In Unterretzbach in Hollabrunn in Niederösterreich, bei strahlendem Sonnenschein und einem Navi in der linken Hosentasche? In diesem Moment gedenke ich meinem Geografieprofessor und wünschte, sein Fokus wäre einmal mehr die Landeskunde, nicht der Turnunterricht gewesen. Meine Reminiszenzen werden jäh gestoppt: “Weingut Rücker” prangt auf dem Schild. “Ha”, mache ich. “Ha!geht ja, da sind wir, ist ja nicht so schwer!” Markus schweigt nobel.

Als ich aus dem Auto steige, weiß ich nicht viel über Elisabeth Rücker. Nur, dass sie eine der wenigen jungen Winzerinnen Österreichs ist – und ich kenne ihre Weinmarke “Elisabeth”, die daherkommt wie ein fruchtiges StartUp. Beides gute Gründe, warum ich mir ein Bild machen möchte; warum ich ihre Helden-Story hören will.

Ich weiß ehrlich nicht, welches Bild man von einem Winzer, geschweige denn von einer Winzerin haben soll. Aus den Medien kennt man viele Stereotype – vom gestylten Beau mit wallender Mähne und der Liebe zur Öffentlichkeitsarbeit, bis hin zum knollnasigen Neo-Russen mit Mimenvergangenheit.

Als ich Elisabeth dann wenig später begrüße, kommt mir sofort der Begriff “Wilde Winzerin” in den Sinn. Die roten Haare fallen auf. Ebenso wie der modern-lässige Kleidungsstil und das Ohrenpiercing. Ich muss in diesem Moment gestehen: ich habe mir jemand anderen erwartet. Ich bin positiv überrascht. Auch, weil wir Elisabeth ebenso gut im 7. Wiener Gemeindebezirk, zwischen Künstlern und StartUp-Fetischisten begrüßen könnten. Ja, die Werturteilsfreiheit ist etwas, an dem man permanent arbeiten muss. Allerdings: Ich kann noch nicht wissen, wie nahe ich mit meiner Ersteinschätzung an der Realität kratze.

Foto: Markus Neubauer

Foto: Markus Neubauer

Kurz besprechen wir den Ablauf des Interviews. Der Weinkeller ist zuerst dran. “Ihr könnt mit mir mitfahren”, sagt Elisabeth, wenig später sitzen wir im Kombi und düsen zum Weinkeller, der etwa fünf Minuten Autofahrt entfernt ist. Wir kommen in einer klassischen Winzerstraße zu stehen, zwischen einstöckigen Häuschen, unter denen sich tiefe Keller erstrecken. “Unserer ist der letzte aktive Weinkeller hier. Alle anderen haben sich große Hallen vor ihre Höfe hingebaut. Ich finde es aber gut Arbeit und Freizeit trennen zu können. Hier fahre ich her, mache meine Sachen und kann wieder nach Hause”, schmunzelt Elisabeth und sperrt die große Schiebetüre auf, die ins Presshaus führt. “Außerdem hat so ein alter Keller viel mehr Stil und Reiz als eine moderne Halle”, fügt sie hinzu. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits viel über Wein erfahren. Als Liebhaber der Sorte “Grüner Veltliner” und laienhafter Weinkenner, gilt meine Neugier vor allem den typischen Volksweisheiten, die man in geselligen Runden, vor allem von den älteren Generationen aufgetischt bekommt. “Natürlich kann man auch Weißwein mehrere Jahre lagern. Weißwein hat zwei Reifungsphasen. Die erste dauert etwa zwei Jahre. In  dieser Zeit sollte man die Flasche auf jeden Fall geschlossen lassen. Nach fünf Jahren kann auch ein Weißwein noch immer gut schmecken. Es braucht Zeit”, erklärt Elisabeth, während sie uns zu den Stahltanks führt, in denen der Rebensaft reift. 80.000 Flaschen produzieren die Rückers daraus jährlich. Langsam werde ich neugierig und ich möchte wissen, wie es zum Winzerinnen-Dasein gekommen ist, ob es schon immer ihr Wunsch war? “Eigentlich nicht. Das ist zufällig passiert. Ich habe eine Landwirtschaftsschule besucht”. Elisabeth zögert ein bisschen, dann bestätigt sie, was ich bereits geahnt habe: “Anschließend war ich einige Jahre im Weinmarketing für einen großen Österreichischen Weinhandel tätig. Im Verkauf. Als ich mit anderen Winzern in Kontakt gekommen bin und als ich ihre Geschichten gehört habe, ist meine Faszination für Wein aufgekommen.”

2008 ist Elisabeth von der Großstadt Wien zurück nach Unterretzbach übersiedelt: “Ich genieße die Ruhe hier.”

Elisabeth - Weingut Rücker

www.elisabeth-wein.at

Ruhig mag es im Keller sein – in Elisabeths Winzerinnen-Leben geht es dafür umso turbulenter zu. Kein Tag gleicht dem anderen: “Im Sommer bin ich mehr im Weingarten, im September bei der Lese, dann kommt das Schneiden. Da bin ich nicht so viel im Freien, sondern beschäftige mich mit dem Verkauf, dem Abfüllen, den Präsentationen. Ich bin viel unterwegs. Ein strukturiertes Leben hab ich glücklicherweise nicht. Die 9-to-5 Mentalität ist nichts für mich.”

Nachdem sie das Weingut ihrer Familie übernommen hat, ist sie nicht nur für die traditionellen Rücker-Weine verantwortlich, sondern arbeitet an ihrer ganz persönlichen Sorte namens “Elisabeth”. “Es ist ein Wein, der meinen Geschmack widerspiegelt. Weinmachen ist etwas Persönliches für mich, und persönlich soll auch mein Wein sein. Jeder Jahrgang ist anders. Auch wenn es immer wieder Leute gibt, die glauben sagen zu können, wie sich Wind und Wetter auf die Ernten auswirken würden – man weiß es immer erst im Nachhinein. Ich möchte mir da noch Zeit lassen und nichts überstürzen.” An der Konkurrenz orientiere sie sich nicht, sagt sie. “Ich mache es so, wie ich glaube, dass es passt.”

Wenn man in einer Winzerfamilie groß wird, hat man den Wein quasi im Blut.

Woher das ganze Weinwissen kommt? “Viel habe ich mir selbst angeeignet, und natürlich von der Familie gelernt.” Ich denke mir in diesem Moment: Wenn man in einer Winzerfamilie groß wird, hat man den Wein quasi im Blut. Metaphorisch gesprochen. Elisabeth formuliert es so: “Ich habe viel von der Weinwelt gekostet”. Sie lacht. Das bringt mich zu der Frage, wann sie denn tatsächlich ihren ersten Wein gekostet habe. Kurzes Schweigen, dann antwortet sie in gewohnt diplomatischer Manier: “Naja, in meiner Jugend war es vielleicht noch anders, aber hie und da einen Spritzer hat jeder getrunken. Wein bewusst genossen habe ich dann im Rahmen der Schul- und Weinmanagement-Ausbildung.”

Es wird allmählich kalt im Keller. Mittlerweile stehen wir noch einen Stock tiefer, im 1905 von tschechischen Arbeitern errichteten “Stollen”. Hier sieht es aus wie in den feuchtesten Träumen der römischen Soldaten aus Asterix & Obelix. Alte Holzfässer wohin das Auge reicht, prall gefüllt mit Rotwein. Ich fühle mich wohl und bin fast etwas enttäuscht, als Elisabeth erzählt, dass die alten Fässer allmählich ausgetauscht werden. Der Fortschritt macht eben auch vor Wein nicht halt. Als wir wieder in dem modernen Raum mit den großen Stahltanks stehen, möchte ich wissen, was das alles kostet. Eine Stange Geld, vermute ich. Elisabeth formuliert es diplomatischer: “Es gibt Winzer, die stecken mehrere Millionen Euro in ihre Keller. Ich bin da pragmatisch. Ich investiere viel, aber ich möchte nicht mein Leben lang Kredite für meinen Weinkeller zurückzahlen. Außerdem ist es so wie bei Autos: es muss nicht immer der Mercedes sein. Auch andere Autos bringen mich zum Ziel.”

Foto: Markus Neubauer

Foto: Markus Neubauer

Während sich Markus noch mit den Lichtverhältnissen im Weinkeller plagt, und laut Elisabeth nicht der erste Fotograf ist, der am schummrigen Kellerlicht zu beißen hat, möchte ich wissen, wohin sich das Ganze entwickeln soll – will sie die neue Nummer eins im heimischen Weingeschäft werden? “Nein, überhaupt nicht. Ich will die Anbaufläche in den kommenden Jahren sogar reduzieren. Ich setze lieber auf Qualität statt Quantität. Ich will ehrlich und transparent sein mit meinen Weinen.”

Als wir wieder im Auto sitzen und in Richtung der Weinreben fahren, die sich nicht weit vom Keller entfernt der prächtigen Februar-Sonne darbieten, starten wir eine kleine Diskussion. Ich sage, dass ich nicht viel von dem ganzen Marken-Schnick Schnack und überteuerten Luxus-Weinen halte. Elisabeth stimmt mir zu: “Ich koste gerne einen guten Wein, aber ich wäre nicht bereit ein Vermögen für ein paar Flaschen auszugeben. Mein Leben ist teuer genug. Das gilt auch für andere Gebiete. Ein Wein ist gut, wenn er dir schmeckt.” Markus nickt zufrieden im Rückspiegel. Dann konzentriert er sich wieder auf seine Kamera.

Ein bisschen Ellbogenmentalität musste ich mir schon zulegen.

Nach einem kurzen Foto-Intermezzo bei den Weinstöcken, geht es schnurstracks zurück zum Hof. Wir wollen uns noch auf eine Stunde in der warmen Stube zusammensetzen, wo wir eine Verkostung nicht ausschlagen. Natürlich nur ein kleiner Nipper, begleitet von viel Wasser. Alkohol und Straßenverkehr vertragen sich nicht! Vor dem Eingang in den Hof entdecke ich eine Tafel: “Original-Drehort von Julia”. “Aha! Wir sind nicht die Ersten”, kommentiert Markus und drückt weiter auf seiner Kamera herum. Ich brauche ein paar Sekunden bis ich mich an die TV-Serie erinnern kann. Im Wohnzimmer treffen wir dann Rücker Senior an – Elisabeths Vater, der mit einem Kollegen in tiefgründige Gespräche verwickelt ist. In der Sitzecke, in gemütlicher Atmosphäre des geräumigen Wohnzimmers, kommen wir ins Gespräch. Auf der Frage nach der Herkunft kann und will ich meine Kärntner Wurzeln nicht verleugnen, was prompt zu einem kurzen Plausch über Land und Leute führt. Natürlich, in Österreich kennt man sich – immer. Da kann man so viele hundert Kilometer entfernt sein wie man will. Als sich Elisabeths Vater und dessen Kompagnon empfehlen, starten wir ins Gespräch. Ein Massage-Termin drängt – keine Beauty-Maßnahme, um den Freitagnachmittag zu vertreiben, sondern die Quittung für die körperliche Arbeit im Weinkeller. Vom Umheben der Fässer. Welche Reaktionen ihr als Winzerin entgegenschlagen? Elisabeth überlegt ehe sie antwortet: “Sagen wir so, einige Männer haben noch ein anderes Frauenbild im Kopf. Ich wohne am Land, vielleicht liegt es daran. Die Männer sind etwas bequemer (lacht). Ein bisschen Ellbogenmentalität musste ich mir schon zulegen.”

Dabei ist die Ellbogenmentalität das, wogegen sie gemeinsam mit den 16 anderen Mitgliedern im Rahmen der “Jungen Wilden Winzer” kämpft. Die neue Generation der Weinbauern setzt auf Zusammenarbeit: “Quer durch Österreich haben wir junge Winzer dabei. Wir sprechen uns viel ab. Wir achten darauf, uns gegenseitig zu helfen.”

Foto: Markus Neubauer

Foto: Markus Neubauer

Die Selbständigkeit macht Elisabeth keine Angst. Ja, ein Risiko sei natürlich dabei, aber man dürfe sich halt nicht übernehmen. Auch wenn Elisabeth sehr bescheiden ist, und nicht auf die große Medienpauke haut, “dabei bleiben” müsse sie trotztdem. “Natürlich ist es wichtig,  auf die notwendige Dosis Öffentlichkeit achten.”

Und wie sieht es mit der täglichen Dosis Alkohol aus? “Ich halte mich sehr zurück. Bei Messen verkoste ich Weine, oder mit Freunden in geselliger Runde. Unter der Woche habe ich keine Lust zu trinken. Ich mache das lieber in Gesellschaft. Ich merke, dass ich zwischendurch Ruhe brauche, vor allem wenn ich viel unterwegs bin.” Also man muss nicht jeden Tag trinken? “Wie man will und wie man es aushält, aber für mich gilt das nicht.”

Mann muss im hier und jetzt leben, nicht erst in 10 Jahren.

Der Massagetermin rückt immer näher. Mein Fragenkatalog ist so gut wie abgearbeitet. Ein Porträt noch, ein Kurzclip, ein stilvolles Bild im Wohnzimmerfauteuil. Irgendwie kommen wir auf Design und Werbung zu sprechen, auf ihre Etiketten. Ich will schon zur letzten Frage ansetzen, was sie denn für die Zukunft Außergewöhnliches geplant habe, da fallen die Worte Logo, Tattoo. Moment mal. Ein Tattoo? “Ja, vielleicht lasse ich mir mein neues Logo auf den Arm tätowieren. Mal sehen ob ich dazu mutig genug bin. Das ist noch nicht fix.”

Und sonst? “Man kann nie sagen wohin der Weg gehen kann. Ich lasse mir meinen Weg immer offen. Man kann ein Leben planen, aber wenn was dazwischen kommt, darf man nicht stehen bleiben. Dann muss man den Weg weitergehen. Mann muss im hier und jetzt leben, nicht erst in 10 Jahren. Eines ist aber fix: natürlich möchte ich in Zukunft weiterhin sehr guten Wein machen.”

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