Ich wollte einfach nicht im Rollstuhl bleiben

Vor 7 Jahren zerbrach die Welt von Christoph Rickels. Damals, an einem ganz gewöhnlichen Abend, an dem der heute 27-Jährige aus Friedeburg in Ostfriesland, den Beginn seiner Ausbildung feierte. Damals, als Christoph noch begeisterter Sportler und Musiker gewesen ist. Damals, an diesem ganz gewöhnlichen Abend, schlug ihn ein eifersüchtiger Barbesucher zu einem Invaliden. Seither kämpft sich Christoph zurück.

Christoph, was ist dir passiert?

Ich wollte meine Ausbildung als Bundeswehrpolizist anfangen und habe eine Abschiedsfeier gemacht. In jener Disco habe ich einem Mädchen ein Getränk spendiert. Doch ihr eifersüchtiger Freund, der scheinbar mit war, hat mich auf dem Weg nach Hause zusammengeschlagen. Nur, weil ich ein Getränk spendiert habe. Weißt du, ich war so ein supersportlicher Typ und war überall dabei, Fußball und Handball. Heute kann ich nicht mal mehr gerade laufen.

Wie lange warst du im Krankenhaus?

Ich lag 4 Monate im Koma und danach verbrachte ich etwa 3 Jahre in verschiedenen Reha-Maßnahmen.

Was war dein erstes Gefühl nach dem Zwischenfall?

Ich habe zwar wahrgenommen, dass ich so kaputt war, aber ich wollte mich von Beginn an nicht damit abfinden. Ich wollte immer weiterkommen und ich werde immer weiterkommen. Ich habe Glück, dass ich einen starken Charakter habe – ich war schon immer ein kämpferischer Typ. 

Hast du im Koma etwas mitbekommen?

Man hört das von einigen Komapatienten. Ich muss gestehen, ich habe nichts bemerkt. Das kann auch daran liegen, dass mein Gedächtnis kaputt gegangen ist. Genau kann ich das nicht mehr sagen. Allerdings: Das Aufwachen aus dem Koma ist nicht mit dem Aufwachen aus dem Schlaf vergleichbar. Das hat Wochen gedauert. Ich habe zum Beispiel meine Mutter im ersten Moment nicht erkannt.

Foto: Memory Design - memory-design.de

Foto: Memory Design – memory-design.de

Wie ist das, aus dem Koma aufzuwachen?

Es kommt auf die Dauer und Tiefe des Komas an. Es gibt auch andere Patienten, die nur eine Woche im Koma lagen. Vier Monate ist eine lange Zeit – fast so lange braucht man, um wieder da zu sein. 

Was war die erste Diagnose der Ärzte?

Die Ärzte haben ursprünglich zu meiner Mutter gesagt, es ist unwahrscheinlich, dass ich je wieder aufwache. Man sagte irgendwann zu meiner Mutter, dass es jetzt ganz an mir alleine liegen würde, wie es weitergeht.

Wolltest du dich an dem Täter jemals rächen?

Als ich die Situation realisiert hatte, habe ich schon gedacht: Alter Rickels, die haben DICH zusammengeschlagen. Da wollte ich mich rächen. Aber das dauerte nicht lange, der Gedanke verflog ganz schnell. (Der Täter bekam 2 Jahre, Anm.)

Heute tut der Typ mir nur leid.

Welche Auswirkungen sind geblieben?

Ich bin bis heute halbseitig spastisch gelähmt und 80 Prozent Invalide. Ich war immer leidenschaftlicher Musiker, habe gesungen, gerappt. Die Lähmung hat mir die Musik genommen – ich kann die Instrumente nicht mehr spielen, oder nur ganz schwer. Obwohl ich ein Kämpfertyp bin, aber bei der Musik fällt mir das schwer. Es lässt mich schon verzweifeln.

Was für Musik hast du gemacht?

Ich habe mit 7 Jahren den Grundtakt auf dem Schlagzeug gelernt, mit 9 Jahren einige Melodien auf dem Keyboard und mit 12 habe ich mir einige Akkorde auf der Gitarre zeigen lassen.

Ich habe eine Woche vor dem Zwischenfall auch noch einen Rap-Song aufgenommen.

Ich mache Musik, seitdem ich 7 Jahre alt bin. Und weil ich irgendwann auch zu den Coolen gehören wollte, fing ich zu rappen an. Mein Ziel ist es, wieder einmal Musik zu machen.

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Du musstest wieder sprechen lernen, gehen lernen – wo fängt man da an?

Am Anfang hab ich mich auf die Bettkante des Krankenbettes gesetzt. Ich wollte nur wie die anderen laufen – mein erster Erfolg war das Waschbecken, das 1 Meter entfernt war. Dort habe ich mich hingeschubst und am Waschbecken festgehalten. Ich stand! Das ist eine der Erinnerungen, die immer bleiben wird.

Ich wollte einfach nicht im Rollstuhl bleiben.

Kannst du jetzt wieder laufen?

Ja, das geht wieder. Ich wohne auch wieder alleine und fahre Auto. Es geht schon so viel wieder. Ich habe auch tanzen geübt. Zwar geht es nicht so gut wie früher, aber von nichts kommt nichts – ich muss weiter üben. Ich habe auch bereits mit einem ehemaligen Europameister im Kickboxen trainiert.

Hast du  Momente erlebt, in denen du dich aufgeben wolltest?

Eigentlich nicht. Schlimm für mich war, dass ich nie richtige Freunde hatte. Ich muss das alles alleine durchstehen. Diese Einsamkeit hat mich zeitweise an den Punkt gebracht, an dem ich sagte: es geht nicht mehr.

Wie gehst du mit Mitleid dir gegenüber um?

Ich weiß ja wohl, wie die Menschen das meinen. Sie meinen es nicht böse. Das ist eher Mitgefühl. Ich reagiere immer so darauf, dass ich den Menschen zeigen will, dass man mit mir kein Mitleid haben muss. Das funktioniert ganz gut.

Hat es Situationen gegeben, in denen du ausgelacht oder verspottet worden bist?

Auslachen traut sich keiner, aber die Blicke sind schon schrecklich. Es glotzen alle. Das nervt. Ich denke mir da nur meinen Teil, sonst müsst ich zu jedem was sagen.

Was würdest du den Leuten gerne sagen?

Das ist genau das, was ich mit meinem Projekt sagen will – es kann jedem in einer Sekunde passieren und die Menschen sollen mal überlegen, wie das wäre.

Wir müssen lernen miteinander zu leben.

Glaubst du, dass die Leute Berührungsängste haben?

Ich glaube nicht. Ich glaube es gibt erstellte Normen, an die alle glauben. Es wird einem ja eingetrichtert, dass alles einem Schema entsprechen müsse. Würden diese Normen nicht da sein, wäre das ganz anders.

Zu deinem Projekt: Du hast die Initiative “First Togetherness” gegründet, um was geht es da?

Meine Vision, mein Traum ist: ich will das Wir-Gefühl cool machen. Als junger Typ will man ja immer cool sein. Man will den Mädls imponieren, saufen und, und, und. Ich möchte, dass es cool wird, wenn Jugendliche sich helfen und zusammenhalten. Wenn das so ist, wird Gewalt uncool. Das ist ein Weg, den wir gehen müssen. Ich bin derzeit an Schulen unterwegs, wo ich über mein Schicksal spreche. In Zukunft möchte ich Feiern veranstalten, Konzerte, wo alle gemeinsam feiern können, denn über die Freunde können wir die Menschen viel besser dazu bringen ihr eigenes Verhalten zu reflektieren und zu überdenken. Eine generationsübergreifende Musikveranstaltung, auf der alle Spaß haben – das wäre ein ganz großer Schritt zu einem neuen WIR-Gefühl in unserer Gesellschaft. Geil wär’ ein Konzert mit Culcha Candela und Pur – die beide zusammen wären großartig. Ich weiß, dass Pur auch bei den Jungen zieht und Culcha Candela zieht auch bei den Älteren. Eine generationsübergreifende Musikveranstaltung mit diesen Bands, würde mir sehr dabei helfen einen neuen Weg zu beginnen! Den Weg des Miteinanders!

First Togetherness

first-togetherness.com
Wie sehen deine Vorträge aus, was erzählst du da, wie erreichst du die Schüler?

Ich bin das erschreckende Beispiel für die schlimmen Folgen der Gewalt.

Man sieht mich hineinhumpeln, sie hören meine Stimme, die ja jetzt ganz anders ist. Der Kontrast wird auch deutlich, wenn ich den jungen Menschen meine eigene Musik vorspiele, welche ich vor dem Koma aufnahm. Wenn ich sehe, dass die richtig coolen Typen nicht mehr zuhören wollen, frag ich immer: Wer ist hier der Stärkste – und dann frage ich natürlich direkt: Seid ihr auch die, die andere beleidigen? Die, die sagen “man, bist du behindert”?

Dann mache ich Folgendes: Ich fordere sie auf gegen mich in einem Liegestütz-Wettbewerb anzutreten, da sie ja die stärksten sind. Und ich mache darauf aufmerksam, dass ich zu 80% schwerbehindert bin. Wenn ich gut drauf bin, mach ich 70 am Stück – dann wissen sie nicht mehr was sie sagen sollen. Auch die coolen Typen werden dann ganz ruhig und sind bewegt. Auf diesem Weg kann ich schon etwas verändern.

Was sind deine nächsten Ziele?

Das Projekt First Togetherness soll für eine weltweite Veränderung stehen. Deswegen habe ich es auch englisch benannt. Die Menschen sollen beginnen, miteinander zu leben. Der Weg dorthin wird steinig und schwer, aber nur wenn man nie den Mut verliert und an seinen Zielen festhält, kann man die Ziele erreichen, von denen man lange träumte. Ich lebe nach der Lebensweisheit, dass man erntet was man sät und ich denke, dass ich der beste Beweis dafür bin. Nachdem mich der ehemalige niedersächsische Innenminister “Uwe Schünemann” für meine Zivilcourage auszeichnete, habe ich auch einen Termin im Bundestag.

Kann man sich bei deinem Projekt irgendwie beteiligen?

Ein Spendenkonto ist ja da, aber ich möchte nicht den Eindruck machen, dass ich auf Geld aus bin. Wichtiger wäre mir, dass die Leute Werbung machen und, dass so viele Menschen wie möglich von dem Projekt erfahren. Natürlich, man braucht irgendwo finanzielle Mittel. Ich bin zu  80 Prozent behindert und kann nicht arbeiten und da wäre es schon schön, wenn jemand etwas beisteuern möchte.

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Wie denkst du über die Zukunft nach, hast du jemals gedacht: Was-wäre-wenn nicht?

Nein, was-wäre-wenn bringt mir gar nichts. Aber natürlich will ich eine Frau haben, mit meinem Kind im Garten spielen, ein Haus bauen.

Siehst du dich selbst als Held und wie definierst du Helden?

Man traut sich nicht ja zu sagen, aber doch: Ich sehe mich als Held. Deshalb, weil ich auch dann alles gebe, wenn ich nicht mehr kann. Ich sehe jeden als Held, der immer alles gibt. Natürlich nur in positiver Richtung. Nie zum Schaden der anderen.

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