„Reisen hilft dir, dein Leben zu ändern“

An seinem 30. Geburtstag hat Cristián Correa aus Chile beschlossen, alles hinter sich zu lassen, seine Arbeit und seine Wohnung zu kündigen, und all sein Hab und Gut zu verkaufen. Er wollte seinen Traum wahrmachen, und ein Jahr lang durch Asien reisen. Das ist mittlerweile ein halbes Jahr her, und nach Erlebnissen in unter anderem Indien, China und Sri Lanka ist Cristián seit einem Monat in Kyoto, der alten Hauptstadt Japans, und erzählt uns von den Geschichten, die er auf seiner Reise erlebt hat.

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Cristián, warum hast du dich dazu entschlossen, eine Reise durch Asien zu machen?

Ich habe vor ein paar Monaten, nach meinem 30. Geburtstag angefangen, mir übers Reisen Gedanken zu machen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich immer nur in Chile, dem Ort wo meine Familie und meine Freunde leben. Ich habe immer das gemacht, was die Gesellschaft von mir verlangt hat, aber nicht das, was ich eigentlich wollte – ich habe meine eigenen Träume nicht verfolgt. Einer meiner Träume war es, um die Welt zu reisen, und ganz besonders in Asien, um neue Sachen zu entdecken. Chile ist ein kleines Land mit viel Natur, hohen Bergen, dem Ozean, aber es ist halt weit weg vom Rest der Welt.

Wie war dein Leben in Chile, bevor du das Reisen begonnen hast?

Nach meinem BWL-Studium habe ich in der Hauptstadt von Chile, Santiago, gearbeitet. Ich hatte einen guten Job, ein gutes und komfortables Leben mit einer eigenen Wohnung und Auto, und eigentlich allem, was man so im Leben braucht.

Also hast du all das aufgegeben, um reisen zu gehen?

Ja, ich habe meinen Job gekündigt und alles verkauft, um mich auf meine Reise zu konzentrieren und sie zu finanzieren zu können. Ich hatte nur noch meine Tasche und meine Klamotten übrig. Nach meiner Rückkehr will ich dann ein neues Leben als Künstler anfangen.

Christian Correa

Foto: Ioanna Doeringer

Das ist aber eine ganz schön große Veränderung.

Ja, das ist es in der Tat. Ich habe mit dem Malen angefangen, als ich noch Student war. Während meines Jobs hatte ich dann leider keine Zeit, mich weiter darauf zu konzentrieren. Deshalb mach ich diese Reise auch, um Inspiration für meine Kunst zu bekommen. Ich möchte Emotionen und Gefühle in meinen Bildern zeigen.

Du hast gesagt, dass du ein besonderes Interesse an Asien hast. Könntest du diese Faszination genauer beschreiben?

Ich empfand Asien immer als einen Kontinent voll von antiker Kultur, die noch am Leben ist und in dieser Hinsicht auch in ihrer lebendigen Form erforscht werden kann. Außerdem habe ich mich für ein Leben in simplen Umständen interessiert, um die materielle Welt hinter mir zu lassen. In der westlichen Welt sind wir so häufig fokussiert auf das Materielle. Wir denken nur an immer mehr Dinge, die wir haben wollen. Ich wollte frei von diesen Gedanken werden, und stattdessen das echte Leben erleben.

Ich will, dass Asien eine Entdeckung für mich bleibt.

Hast du eine bestimmte Route, die du bei deiner Asienreise verfolgst?

Nein, ich will, dass Asien eine Entdeckung für mich bleibt. Deshalb habe ich auch nicht so viele Informationen für meine Reise gesammelt. Ich habe in Hong Kong meine Reise begonnen, und seitdem entscheide ich spontan, wohin es als nächstes geht.

Was ist deine zwischenzeitliche Schlussfolgerung nach 6 Monaten Reise ohne Plan?

Es hat mich wirklich beeindruckt, wie unterschiedlich die ganzen Länder voneinander sind. In Asien ist jedes Land groß, und sehr unabhängig und reich in seiner Kultur. Jeder Ort, den ich besucht habe, hat mir unterschiedliche Eindrücke vermittelt.

Wie bist du mit den Menschen in den verschiedenen Ländern zurechtgekommen?

Am Anfang meiner Reise war es schwer für mich, die Menschen zu verstehen und ihre Lebensart nachzuvollziehen. Die Art zu Denken unterscheidet sich sehr stark in jedem Land. Die Menschen haben verschiedene Religionen und kulturelle Gewohnheiten. Aber nach einer Weile hatte ich dann den Dreh raus und habe bemerkt, dass, so unterschiedlich die Menschen auch sind, alle Menschen die gleichen Gefühle und Emotionen haben. Es gibt eigentlich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, und am Ende habe ich angefangen, die Menschen aus tiefstem Herzen zu respektieren und zu lieben.

Christians Reisefotos

Eindrucksvolle Bilder seiner Reisen durch Asien
Was meinst du genau mit ‚den Dreh raus haben’?

Ganz einfach, durch zuzuhören und versuchen, zu verstehen. Zum Beispiel war es in China am Anfang sehr schwierig für mich zu kommunizieren. Ich konnte kein Chinesisch sprechen, und die Menschen dort sprachen kaum Englisch. Ich hatte nur ein kleines Wörterbuch als Hilfe. Trotzdem, so groß die Sprachbarriere auch war, habe ich mich dort nie einsam gefühlt. Es waren immer Menschen um mich herum, und es war sehr einfach neue Freundschaften zu schließen.

Wie hat die Kommunikation so ohne Sprachkenntnisse denn ausgesehen?

Überall, wo man hingeht, sind die Menschen eigentlich sehr interessiert an einem. Sie wollen wissen, wer du bist und was du in ihrem Land machst, sie wollen dich als Person verstehen. Manchmal bewundern sie dich sogar ein bisschen, wenn sie wissen, dass du aus einem völlig anderen Kulturkreis kommst. Nach meiner Reise durch China habe ich dadurch begriffen, dass die beste Art und Weise, ein Land kennenzulernen, eine Unterhaltung mit den Menschen dort ist. Reisen ist nicht nur umherlaufen und Fotos schießen: es ist viel mehr die Integration in das Leben der Menschen, niedersitzen und mit Menschen reden.

Du scheinst ein ganz großer Fan zu sein von Menschen aus China?

Ja, die Menschen in China sind sehr herzlich. Sie haben immer ihr Bestes gegeben mit mir zu kommunizieren und mich zu verstehen. Sie stellen die Bedürfnisse der anderen vor ihre eigenen. Und wenn ich irgendwas gebraucht hatte, waren sie besorgter um mich als um sich selbst. Sie haben mir viel geholfen, mir das Leben zu erleichtern. Zum Beispiel während einer Reise im Zug, habe ich versucht mich auf Chinesisch zu unterhalten. Im Gegenzug haben die Menschen mir ein bisschen von ihrer Sprache beigebracht. Seitdem denke ich, dass das Zugfahren die beste Lektion in Chinesisch für mich war.

Hattest du solche Erlebnisse auch in anderen Ländern?

Ja, es ist eigentlich fast überall passiert. Zum Beispiel auch in Indien: Die Menschen dort waren sehr freundlich zu mir. Wir hatten immer gute Gespräche. Man muss sich nur hinsetzen und trifft so genügend neue Freunde, auch wenn man am Anfang niemand kannte. Ich hatte auch das Glück, dass ich mit einem lieben indischen Freund zusammengewohnt habe, den ich bei Couchsurfing kennengelernt habe, und der mir sein Leben gezeigt hat.

Wie war denn dein Leben in Indien?

Ich habe in Chennai gelebt, einer sehr chaotischen Stadt, und es war am Anfang auch sehr stressig für mich dort. Nach einer Weile habe ich aber begriffen, dass dies das Leben meines Freundes war; und so habe ich angefangen jedes Mal, wenn ich raus auf die Straße gegangen bin, dem Geräusch von Indien zuzuhören, und ich dachte: Okay, es ist sehr laut, aber es ist der Ort, wo mein Freund wohnt, und ich genieße es eigentlich richtig.

Nachdem du dann deine Einstellung geändert hast, wie hast du Indien empfunden?

Indien ist ein großartiges Land. Sehr verrückt, wirklich alles kann in Indien passieren. Ich habe aber auch noch keinen Ort gesehen, der so arm wie Indien ist. Ich habe verstanden, dass es eigentlich nichts Materielles braucht, um glücklich zu sein. Man braucht nur die grundlegenden Sachen, wie Kleidung, um nicht zu frieren, und Essen, um nicht hungrig zu sein. Sie scheinen all die materiellen Sachen, die es bei uns in der westlichen Welt gibt, zum Glücklich sein nicht zu brauchen. Ich denke, das hat auch viel mit dem Hindu-Gedankengut zu tun.

Was meinst du mit Hindu-Gedankengut?

In Indien gibt es ein Konzept, das ‚Swadharma‘ genannt wird. Es bedeutet, dass man das tun soll, für das man geboren wurde. Jeder hat einen Sinn im Leben und jeder sollte seine Berufung finden. Es war zudem eine wichtige Lektion für mich und für meine Entscheidung, Künstler zu sein, wenn ich zurück in Chile bin.

Hast du solche speziellen Erfahrungen auch noch in anderen Ländern gemacht?

Jedes Land hat mir was Unterschiedliches beigebracht. Zum Beispiel in Sri Lanka, einem sehr buddhistischem Land, hatte ich gute Gespräche mit den Menschen im meinem Hostel. Sie haben mir über den Wert der Natur erzählt. Wenn sich in Sri Lanka eine Spinne an die Decke verirrt hat, oder ein Hund Flöhe hat, tötet man die Tiere nicht. Die Menschen respektieren, dass es Lebewesen sind. Etwas anderes, was ich gelernt habe, war, dass ich auch sehr gut alleine leben kann.

Eigentlich, und das ist die Ironie an der Sache, ist man nie allein, weil du immer mit dir selbst bist.

Wie meinst du das genau?

Nun ja, in Chile war ich niemals allein. Ich hatte immer meine Familie und meine Freunde. Einsamkeit war etwas, vor dem ich vor Beginn meiner Reise sehr viel Angst hatte. Aber nachdem ich in Sri Lanka war, genauer gesagt an einem sehr untouristischen Ort, und somit wenig Kommunikationsmöglichkeiten hatte, habe ich gelernt, dass Alleinsein toll ist. Eigentlich, und das ist die Ironie an der Sache, ist man nie allein, weil du immer mit dir selbst bist. Du kannst machen was du willst, Dinge allein genießen, und Zeit mit der Natur, mit den Tieren, und den unbekannten Menschen vor Ort verbringen. Und am Ende sind die Leute meine neuen Freunde und Familie geworden.

Die Lektion in Sri Lanka war also sehr wertvoll für dich?

Ja, ich habe eine der wichtigsten Lektionen gelernt: Sich keine Sorgen über das Alleinsein zu machen; denn eigentlich ist man das nie. Es gibt Natur, Tiere, und neue Menschen.

Wie würdest du dein aktuelles Leben in Japan beschreiben?

Es gibt kein anderes Land, das so wie Japan ist. Die Menschen hier sind sehr höflich. Man fühlt sich nie beleidigt, alle sind sehr respektvoll, in jeglicher Hinsicht. Es gibt eine Menge an Regeln, die es zu folgen gilt, wie den persönlichen Raum jedes Menschen zu respektieren, und sehr sauber zu sein und das Leben der anderen Menschen nicht zu stören. Menschen in Japan wollen nicht, dass sich andere Menschen schlecht fühlen. Das Ganze ist eigentlich ein ganz schöner Kontrast zu meinem vorigen Leben in Chile.

Wie meinst du das?

In Chile hatte ich mehr Freiraum. Wenn ich irgendwo hin wollte, ging ich, wenn ich singen oder schreien wollte, tat ich dies. In Japan macht man das besser nicht, denn wenn man sich dem Leben der Menschen dort anpassen will, folgt man auch ihren Strukturen und Regeln. Das ist eigentlich nur ein kleines Detail von meinem Leben in Japan, aber nach einer Weile habe ich verstanden, dass das ganze mir auch gut tut. Ich habe gelernt, es wertzuschätzen, denn Japaner sind nicht invasiv, sondern nett und freundlich.

Im Moment wohnst du in der alten Hauptstadt Kyoto. Wie würdest du dein Leben dort beschreiben?

Ich lebe seit ungefähr einem Monat in Kyoto, weil ich mal länger als ein paar Tage an einem Platz bleiben wollte. Ich wollte es erleben, wie es ist, in einem anderen Land zu wohnen, und nicht bloß zu reisen. Bis jetzt ist Kyoto eines der schönsten Geschenke in meinem Leben. Jeden Tag laufe ich am Fluss entlang, sehe die alten Tempel und Geishas in den Straßen der Altstadt gehen.

Wie finanzierst du denn dein Leben in Kyoto?

Ich arbeite in einem Hostel, um dort gratis wohnen zu können. Außerdem denke ich, dass die besten Aktivitäten nicht viel kosten. Man muss keine teuren Tickets kaufen, denn um in Kontakt mit der Kultur zu kommen, muss man nur mit den Menschen reden, und das ist gratis. Was das Essen angeht, ist das beste Essen das traditionelle Streetfood, und das ist nicht teuer.

Hat es während deiner Reise eigentlich auch gefährliche Situationen gegeben?

Ja, einmal. In Indien hat mich ein Hund gebissen. Ich bin zum Bahnhof gegangen, mit meiner Tasche und all den Malereien, die ich zu diesem Zeitpunkt angefertigt hatte. Dann sah ich den Hund kommen, aber ich konnte mich nicht bewegen, weil die Sachen zu schwer waren, und der Hund hat mich in den Hintern gebissen. Das war der Moment in meiner Reise, in dem ich erkannt habe, dass ich mit dem Malen doch besser bis zu meiner Rückkehr in Chile warten sollte und mich stattdessen auf die Fotografie zu konzentrieren, um Inspiration zu sammeln.

Christian Correa

Foto: Ioanna Doeringer

Was hast du dann mit den Bildern gemacht?

Ein Paar habe ich an nette Leute verschenkt, die anderen habe ich zurück nach Chile geschickt.

Du hast noch ca. sechs Monate vor dir, was hast du als nächstes vor?

Nun ja, ich habe mich noch nicht entschieden. Ich denke, dass ich noch ein bisschen in Japan herumreisen werde, und dann vielleicht zum Norden von China reisen werde. Ich habe bis jetzt nur den Süden gesehen. Ich interessiere mich außerdem auch für Indonesien, ein Land wo viele verschiedene Religionen nebeneinander existieren.

Was denkst du, ist der Wert von so einer Reise?

Reisen hilft dir, dein Leben zu ändern. Es zeigt dir dein vorheriges Leben von außen. Du kannst deine Gedanken weiterentwickeln in unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Menschen. Du bekommst eine komplett neue Richtung in deinem Leben, weil das Reisen immer eine komplett neue Erfahrung ist. Es macht dich reicher, du wirst offener gegenüber neuen Erfahrungen, denn du weißt nie, was als nächstes auf deiner Reise passieren wird.