„Ob wir Helden sind, das sollen andere entscheiden“

Bis zu 200 Mal pro Monat kämpft Boris Boronowski gegen Feuer und Flammen. Boris ist Feuerwehrmann. Und er ist Videoblogger. Für die Berliner Feuerwehr vereint er seine Leidenschaften. Die User nimmt er über den YouTube-Channel der “Berliner Feuerwehr TV” mit zu seinen Einsätzen. Es sind Bilder, die Zivilpersonen sonst kaum zu sehen bekommen. Im Interview erzählt der Familienvater über seine 15 Dienstjahre, seine Motivation und wie seine Karriere begann: Mit einem einfachen Video.

Wie und wann bist du zur Feuerwehr gekommen?

Als Kind habe ich schon im Karussell immer im Feuerwehrauto gesessen, erzählen meine Eltern. Als Auszubildender, so mit 18 Jahren etwa, habe ich im Fernsehen einmal einen Bericht über die Berliner Feuerwehr gesehen, da war der Grundstein gelegt. Ich dachte mir, das ist ja ein toller Beruf. Das will ich auch mal machen. Den letzten Impuls gab mir der Zivildienst. Damals war ich 23 Jahre alt und der Sohn einer Kollegin aus der Kirchengemeinde, in der ich arbeitete, war bei der Feuerwehr. Sie stellte den Kontakt zwischen uns her, weil sie der Meinung war, Feuerwehr sei genau die richtige Arbeit für mich. Heute blicke ich auf 15 Dienstjahre zurück.

Einer der Feuerwehrmänner, der in der Doku zu sehen war, wurde später mein Vorgesetzter.

Dieses Gespräch war dann der Grund warum du zur Feuerwehr gegangen bist?

Wirklich motiviert hat mich eine Fernseh-Dokumentation über die Berliner Feuerwehr. Mich haben nicht nur die Aufgaben fasziniert. Mich hat vor allem das Miteinander begeistert. Auch, dass ich Menschen helfen kann, die den wahrscheinlich schlimmsten Tag ihres Lebens haben. Was besonders witzig ist: Einer der Feuerwehrmänner, der in der Doku zu sehen war, wurde später mein Vorgesetzter. Das Besondere war, dass er genau so war, wie ich ihn aus dem TV in Erinnerung hatte.

Foto: Sebastian Haase

Foto: Sebastian Haase

War die Ausbildung anstrengend?

Ziemlich anstrengend. Aber was meine “Mitschüler” und mich motiviert hat, war die Tatsache, dass wir Menschen helfen konnten. Mir ist diese tägliche Herausforderung generell wichtig. Egal ob Regen, Sonne, warm oder kalt.

Wie darf man sich deinen Alltag vorstellen, wie läuft der so ab?

Mein Wecker klingelt um 5.35 Uhr, um 6.30 Uhr bin ich auf der Wache und bereite meine Ausrüstung vor. Um 7.15 Uhr versammeln sich alle Kollegen in der Fahrzeughalle. Dort erhalten wir alle relevanten Infos für den Tag. Wo Feste stattfinden, wo es Straßensperren gibt und so weiter. Danach wird noch einmal auf Herz und Nieren getestet: Alle Geräte werden geprüft, die Kettensäge angeschmissen. Im Ernstfall muss alles funktionieren. Um 8.30 Uhr gibt es dann ein gemeinsames Frühstück – einer der wichtigsten Punkte des Tages. Hier vermischen sich Privates und Berufliches, viele Dinge lassen sich einfach und schnell klären – und es wird viel gelacht. Was zum einen an meinen lustigen Kollegen liegt, aber auch an meinen Vorgesetzten, die zum Lachen nicht in den Keller gehen (schmunzelt). Das macht es jeden Tag aufs Neue sehr angenehm zur Arbeit zu gehen. Nach dem Frühstück stehen jeden Tag andere Arbeiten an, Fahrzeugpflege, Hallenreinigung, Grundreinigung unserer Rettungswagen, Materialbestellung, Berichte schreiben – wir rollen nicht nur Schläuche und waschen Fahrzeuge, wir haben auch noch ganz viele andere Aufgaben, damit alles reibungslos funktioniert. Am Nachmittag folgt dann meist eine Sporteinheit, sei es Spinning, Kraftraum oder Laufband. Die Möglichkeiten, die wir haben, sind recht groß. Aber wir machen das ja nicht nur für uns, sondern damit wir im Ernstfall fit sind, um Menschen helfen zu können.
Abends wird gewechselt, also man übernimmt eine andere Funktion, zum Beispiel vom Löschfahrzeug auf den Rettungswagen.

Wie läuft so eine Alarmierung dann ab?

Dann unterbrechen wir natürlich sofort. Die Einsätze dauern im meist 1 bis 2 Stunden.
Es ist schon so, dass wir manche Arbeiten mehrmals anfangen müssen, weil Einsätze dazwischen kommen. Auch das Frühstück ist dann nicht selten erst zu Mittag.

Wie drückt man so einen 24-Stunden Dienst durch?

Wir haben die Möglichkeit uns der Nacht hinzulegen. Klingt fürs Erste vielleicht toll: ‚Die können bei der Arbeit schlafen‘. Aber ich kann dir sagen: so toll ist es nicht, denn der Schlaf ist nicht wirklich gut und mehrfach in der Nacht aufstehen zu müssen, ist echt anstrengend. Wenn ich dann morgens um 06:30 Uhr geweckt werde, bin ich meist ziemlich müde und froh, dass meine Ablöse schon da ist.

Man weiß nie genau, was einen erwartet.

Klingt alles nach viel Routine und harter Arbeit. Ist der Beruf des Feuerwehrmannes gar nicht so spannend und aufregend, wie er überall dargestellt wird?

Doch, er ist spannend. Denn man weiß nie ganz genau, was einen erwartet. Manchmal hören sich die Fälle schlimmer an, als es auf dem Alarmzettel steht, manchmal aber ist es genau das Gegenteil. Natürlich gibt es auch bei uns den Alltag, ganz ohne Adrenalin. Aber wenn man zum Feuer fährt, die Flammen schlagen aus den Fenstern heraus und Leute schreien, weil sich noch Angehörige im Gebäude befinden, dann sieht es schon anders aus. Da gibt es dann Adrenalin zur Genüge.

Wie viele Einsätze hast du im Schnitt im Monat?

Pro Monat, aufgerechnet auf 20 Diensttage etwa 100 bis 200. Aber, wie gesagt, es ist ganz unterschiedlich – bei uns sind andere Faktoren mitentscheidend. Viel Regen, Wochenende, Sturm, Hitze und Blitzeis sorgen für mehr Alarme.

Zu etwas anderem: Du filmst viele der Einsätze mit einer Kamera mit. Wie bist du auf die Idee gekommen?

Das hat ganz harmlos angefangen. Zuerst habe ich nur Fotos bei Übungen gemacht. Später, mit der ersten wasserdichten Actionkamera, habe ich dann filmen können. Wir nutzten das Material, um auszuwerten und festzustellen, was man besser machen kann und was wirklich gut geklappt hat. Das war der ursprüngliche Zweck. Über YouTube habe ich angesehen, was andere für Filme mit dieser Kameraart machen. Dahin wollte ich auch und habe mich mit Videoschnitt, der Technik und den Befestigungsmöglichkeiten beschäftigt. Diese kleinen Dinger sind ziemlich hart im Nehmen und wasserdicht obendrein.

Und dann kam der erste Einsatz.

Richtig. Letzten Sommer habe ich die Kamera beim ersten echten Einsatz mitgenommen. Ich habe das Bildmaterial dann unserer Pressestelle gezeigt. Die waren begeistert und seitdem stellen wir die Videos auf YouTube öffentlich ein. Inzwischen mit 4 Kameras, diversem Zubehör und einem kompletten Videoplan. Ich überlege, welche Bilder gut aussehen, welche Einstellungen ich wählen soll, ob Zeitraffer oder Zeitlupe.

Was ist eigentlich deine Motivation dahinter, diese Aufgabe zusätzlich zu übernehmen?

Mit den Videos präsentiere ich ja nicht nur unsere Behörde, sondern eine ganze Berufsgruppe und ein Ehrenamt. Eine wichtige Aufgabe, und die muss wirklich gut gemacht werden. Mein persönlicher Ansporn ist ja eine Dokumentation gewesen, ich weiß also um die Macht der Bilder. Und wenn mir irgendwann ein junger Kollege sagt, dass sein Interesse an der Feuerwehr über unseren Youtube-Kanal geweckt worden ist, weiß ich, dass ich mein Ziel erreicht habe.

Richtig schöne Erinnerungen habe ich an die drei Geburten, die ich dienstlich mitgemacht habe.

Was waren besonders einprägende Erlebnisse als Feuerwehrmann?

Großbrände sind sicher einprägend, aber richtig schöne Erinnerungen habe ich an die drei Geburten, die ich dienstlich mitgemacht habe. Natürlich gibt es da auch die andere Seite: Fensterstürze und Suizide, die in meinem Gedächtnis bleiben und auch nicht mehr weggehen werden. Ich denke, jeder Feuerwehrmann hat da so seine eigene, ganz persönliche Sammlung von guten und wirklich schlimmen Erlebnissen. Wenn ich darüber nachdenke, fallen mir auch noch ein paar Alarme zur häuslichen Gewalt ein, die nicht ohne waren.

Foto: Sebastian Haase

Foto: Sebastian Haase

Wie schaffst du den Ausgleich zwischen Beruf und Familienleben – machst du da einen Unterschied oder bist du quasi rund um die Uhr Feuerwehrman?

Der Feuerwehrmann in mir lässt sich nicht ausschalten. Auch wenn ich privat im Standby-Modus bin. Wenn ich sehe, dass jemand sofort Hilfe braucht, dann bekommt er sie auch. Ohne langes Zögern und Fragen. Und ich glaube ich spreche jetzt nicht nur für mich selbst, sondern für alle Feuerwehrmänner weltweit. Mein Beruf bestimmt schon sehr mein Leben. Alles richtet sich nach meinen Diensten. Aber das ist auch bei anderen Berufen so. Ich versuche meine Gedanken und Erlebnisse auf der Wache zu lassen. Natürlich ist es auch wichtig, über das Erlebte zu sprechen. Bewegende Erlebnisse teile ich nicht nur mit meinen Kollegen, sondern tausche mich auch mit meiner Frau aus. Sie hat einen ganz anderen Beruf, was sehr gut ist. So höre ich auch mal etwas aus einem Büro, etwas von „drinnen“. Ein guter Ausgleich ist Sport und das Pflegen von Freundschaften. Ich genieße auch die Urlaube mit Frau und Kind sehr. Also ja, für mich gibt es ein Privatleben, und das ist auch ganz, ganz wichtig.

Wie siehst du das Heldenbild der Feuerwehr?

Ob wir Helden sind, das sollen andere entscheiden. Ich glaube, wir sind durch unsere Technik und unsere Ausbildung mutig genug, um in brennende Häuser zu gehen und Menschen daraus zu retten. Wir müssen uns manchmal um ziemlich spektakuläre, verrückte, gefährliche Unfälle und Ereignisse kümmern, weil es unsere Aufgabe ist Menschenleben und die Umwelt zu schützen. Und einer muss ja schließlich aufräumen und dafür sorgen, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung wieder hergestellt ist.

Würdest du dich als Held bezeichnen?

Ganz klar: Nein. Ich habe einen tollen Beruf, der mir immer wieder aufs Neue Spaß macht. Ich habe tolle Kollegen, von denen einige sehr enge Freunde geworden sind. Ich gehe zufrieden nach Hause und weiß, dass keine Arbeit „draußen“ liegen geblieben ist. Ich genieße das hohe Ansehen unseres Berufes in der Bevölkerung und das Vertrauen, welches man uns entgegenbringt. Das macht mich stolz. Wirkliche Helden findet man, meiner Meinung nach, in Kindergärten, Schulen, Krankenhäusern und Seniorenheimen. Vor diesen Menschen ziehe ich den Hut!