Es soll cool sein Migrant zu sein

Iulia Mugescu und Andra Slaats haben ein Ziel: Sie wollen mit den Vorurteilen gegenüber Ausländern in Österreich aufräumen. Dazu haben es sich die beiden in Wien lebenden Rumäninnen zur Aufgabe gemacht, die Storys von Immigranten zu erzählen – in Form eines Schals. Wie das funktioniert und was sie ganz persönlich von der Ausländerdebatte halten, das erzählen sie im Interview.

Erzählt mal, wer seid ihr und was macht ihr?

Andra: Was ich mache? Gemeinsam mit Iulia erzähle ich mit unserer Firma Younited Cultures Storys der Immigranten in Österreich, um zu zeigen, wie viele davon hierzulande zur Gesellschaft und zur Wirtschaft beitragen. Ich selbst bin aus Rumänien, wohne und arbeite mittlerweile seit 10 Jahren in Österreich.

Iulia: Ich bin auch aus Rumänien, und bin vor viereinhalb Jahren nach Österreich gekommen. Ich kann dir nicht genau sagen, wieso gerade Österreich, aber irgendwie hat mich mein Karriereweg hierhergeführt. Ich wollte immer ein Social Entrepreneur werden. Das ist mir jetzt geglückt. Vor 6 Monaten haben wir unsere Firma gegründet, mit der wir die Vorurteile bekämpfen und die Perspektive der Österreicher gegenüber Ausländern ändern wollen.

Ich möchte lieber Jobs für andere schaffen, als selbst welchen nachzulaufen.

Wie kam es zur Firmengründung?

Andra: Ich habe sechs Jahre lang meinen Karriereweg in einem Familienunternehmen, das Luxus-Kosmetik herstellt beschritten. Für diese Erfahrung bin ich sehr dankbar. Ich bin viel in der Welt herumgekommen und habe die Dinge von der anderen Seite gesehen. Das wollte ich irgendwann nicht mehr machen. Eigentlich wollte ich nie selbständig werden, aber irgendwie hat es mich nach Wien verschlagen, wo ich diese Energie bekomen habe – und irgendwann ist dieser Entrepreneur-Spirit gekommen.

Iuia: Ich wollte immer schon selbstständig werden, mein eigenes Start-up aufziehen. Ich möchte lieber Jobs für andere schaffen, als selbst welchen nachzulaufen. Mittlerweile sind es zwei Start-ups, die ich aufbaue. Neben unserer Firma gibt es noch eine App für Nahrungsmittelergänzungen, die ich mitgegründet habe.

Foto: Lorin Canaj

Foto: Lorin Canaj

Also, was hat es mit euren Schals auf sich, die ihr produziert und verkauft?

Iulia: Wir möchten ein Symbol der Verbundenheit schaffen. Mit dem Schal wollen wir ein Accessoire kreieren, das cool ist. Es soll wieder cool sein, ein Migrant zu sein. Denn jeder Schal erzählt die Geschichte eines Migranten. Gemeinsam mit einer Designerin werden aus den Storys, die uns die Menschen erzählen, Muster für die Schals. Mit dem Geld möchten wir wiederum Events, Workshops etc. für Migranten veranstalten. Außerdem sind die Storys sehr spannend, so wie die Geschichte einer Frau aus Polen. Es hat 10 Jahre gedauert, bis sie richtig in Österreich integriert war. Heute ist Adela Kuliga, Gründerin von Networking Youth Career,  eine unglaublich erfolgreiche Geschäftsfrau. Anhand solcher Geschichten wollen wir zeigen, dass es viele positive Vorbilder gibt.

Wie läuft der Design-Prozess genau ab?

Andra: Wir haben für jeden Schal einen Designer oder eine Designerin. Aus der Geschichte, die uns der Migrant erzählt, werden Muster erstellt, mit denen sich die Person identifizieren kann. Was dabei herauskommt, hängt ganz von den Geschichten und den Menschen ab. Diese können auch selbst zeichnen, müssen aber nicht. Ein Beispiel: Vlad Gozman, auch aus Rumänien und der Kurator der TEDxVienna, hat in seiner Geschichte der TEDx viel Platz eingeräumt – deshalb ist auf seinem Schal-Design prominent ein X platziert.

Iulia: Wir wollen zeigen, dass Migranten nicht nur putzen können. Putzen ist ein respektvoller Beruf, aber wir können viele andere Sachen auch. Wir möchten die negativen Wahrnehmungen zu unserem Image als Migranten und Migrantinnen in Österreich ändern.

Es geht um den Charakter eines Menschen, nicht um die Staatsbürgerschaft.

Wo liegt eurer Meinung nach das Problem dieses Negativ-Image?

Iulia: Zum Großteil bei den Medien.

Andra: Beispielsweise diese Gratiszeitungen in der U-Bahn. Man liest permanent etwas über Diebe und Einbrecher aus Rumänien vor allem. Es entsteht das Bild, dass alle Rumänen Verbrecher wären. Aber es gibt genauso Österreicher, die Verbrechen begehen. Die Herkunft hat also nichts damit zu tun. Es geht um den Charakter eines Menschen, nicht um die Staatsbürgerschaft.

Iulia: Ich habe selbst erleben müssen, dass es für Medien scheinbar nicht cool ist etwas Positives über Ausländer zu schreiben. Ich hatte einmal ein Interview, in dem mir die Journalistin gestand, dass es für sie schwierig sein wird, meine Story unterzubringen, weil es gerade viel Probleme mit Ausländern gäbe. Das kann ich nicht verstehen. Aber es zeigt einmal mehr, wie beeinflusst die Gesellschaft bereits ist. Die Leute sollten mit den Ausländern reden, dann würden viele von ihnen schnell merken, dass es überhaupt keine Probleme gibt.

Andra: Viele Migranten wollen lieber als Österreicher wahrgenommen werden, als sagen zu müssen, dass sie Ausländer sind. Vor allem wenn es um Jobs geht. Ich war verwundert, wie viele unserer Interviewpartner sich solche Sorgen machen. Viele erzählen uns, dass sie die Herkunft über Social Media nicht bekannt machen möchten, da ihre Chancen am Arbeitsmarkt sonst noch geringer werden. Ich verstehe das teilweise. Man wird einfach benachteiligt, wenn man Ausländer ist. Es spielt doch keine Rolle ob man Österreicher, Rumäne, Ukrainer oder sonst wer ist. Wer will denn bei ein paar hundert Kilometern Luftlinie ernsthaft von einem Kulturunterschied sprechen?

Iulia: Wieso wollen so viele Ausländer ihre Namen ändern und möglichst österreichisch klingen? Weil viele Unternehmen noch immer dementsprechend ihre Jobs vergeben.

Habt ihr selbst schon negative Erfahrungen als Ausländerinnen in Österreich gemacht?

Andra: Interessanterweise nie in der Öffentlichkeit. Ich wurde immer nur bei der Arbeit diskriminiert. Die ersten paar Jahre waren schwierig. Aber dank meiner damaligen Chefin habe ich diese Zeit gut überwinden können. Sie hat mich immer als Mensch, nicht als Rumänin gesehen. Deswegen wollte ich etwas unternehmen, um aufzuklären. Aber Iulia trifft immer auf die Verrückten (lacht)

Iulia: Hin und wieder kommt es schon vor. Aber ich bin jemand, der mit den Leuten diskutiert. Was ich immer wieder höre: Ich mag keine Ausländer. Ich antworte dann: Hey, ich bin Ausländerin. Und dann heißt es oft: Ja, aber du bist ja nicht wirklich ein Ausländer. Was die Österreicher gerne verwechseln sind Ausländer und Flüchtlinge. Der Status Flüchtling ist negativ behaftet. Was aber komisch ist, ist die Tatsache, dass viele Immigranten selbst keine weiteren Ausländer in Österreich haben wollen – und die Österreicher wiederum wissen nicht, dass die meisten Ausländer ohnehin auf ihrer Seite sind. Wir müssen gegen Missverständnisse kämpfen und für Aufklärung sorgen. Es kann nicht sein, dass sich einige Menschen in dritter oder vierter Generation noch immer für ihre ausländischen Vorfahren genieren.

Foto: Lorin Canaj

Foto: Lorin Canaj

Wie war es für euch in Österreich ein Unternehmen zu gründen, gab es da Probleme?

Iulia: Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ich habe gestaunt, wie einfach es in Österreich ist ein Unternehmen zu gründen.

Wirklich?

Iulia: Natürlich. Hier musst du niemanden bestechen, und wenn du etwas Geld auf der Seite hast, kannst du in kurzer Zeit eine Firma gründen. Wie bereits erwähnt, bin ich jemand, der lieber Jobs schafft, als Jobs sucht. Viele in meinem Alter suchen krampfhaft, anstatt ihre Kreativität zu nutzen und sich selbst welche zu machen.

Das ist Interessant. Andra, wie ist deine Meinung zur Firmengründung in Österreich im Vergleich zu Rumänien?

Andra: In Rumänien ist es, vor allem außerhalb der großen Städte, sehr schwierig Unterstützung zu bekommen – ohne Korruption. Wenn du nicht die richtigen Menschen kennst, ist es fast unmöglich. In Rumänien wollen die Leute nicht zusammenarbeiten. Das ist hier anders.

Iulia: In Österreich gibt es viel positive Energie. Man findet viel leichter Mitstreiter und Synergien. Das Wir-Denken ist in Österreich viel ausgeprägter.

Dabei wird in Österreich gerne über die fehlende StartUp-Mentalität gejammert. Zu Unrecht, wie es scheint?

Andra: Wir haben es einmal erlebt, dass einer unserer Produktionspartner nur sehr widerwillig mit uns als Start-up zusammenarbeiten wollte, obwohl wir ihnen gesagt haben, dass wir auf ihre Unterstützung angewiesen sind.

Iulia: Ehrlich gesagt gibt es in Österreich so viele Institutionen, die einem helfen. Es gibt Co-Working Spaces, die WKO (Wirtschaftskammer, Anm.) und so weiter. Die einzige Herausforderung ist der kleine Markt, aber sonst nichts. Man kann mit jedem ins Gespräch kommen, ohne, dass er eine Waffe zieht oder um Bestechungsgeld fragt.

Aber Korruption gibt es auch in Österreich.

Andra: Vielleicht auf einem höheren Level. In Rumänien ist es in der Gesellschaft gewachsen und verankert. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich das ändert, nachdem wir jetzt einen Präsidenten mit deutschen Wurzeln haben (lacht).

Müsst ihr euch aufgrund eures Themas viel mit der Politik herumschlagen?

Andra: Wir versuchen, das auszuklammern. Wir möchten aus unserer Idee nichts Politisches machen, sondern ein kreatives Projekt.

Manchmal sind sie einfach nur die Menschen, in die ihr euch verliebt.

Welche Botschaften sind euch besonders wichtig?

Iulia: Wir wollen ein anderes Bild der Ausländer aufbauen. Es soll nicht immer nur thematisiert werden, dass Ausländer Jobs stehlen oder Geld vom österreichischen Staat haben wollen – sondern, dass sie sehr viel für die österreichische Wirtschaft tun können. Ausländer kommen nicht nur um Jobs zu suchen und sie sind nicht alle Diebe – manchmal sind sie einfach nur die Menschen, in die ihr euch verliebt.

Andra: Ich bin das beste Beispiel. Das war der Grund, warum ich nach Österreich vor 10 Jahren gezogen bin. Wir hatten uns in Hermannstadt in Rumänien kennengelernt. Jetzt sind wir nur noch Freunde, aber gute Freunde.

Iulia: Aber leider fühlen sich viele Menschen in dieser Welt der Missverständnisse sehr wohl.

Ist Angst vor dem Fremden ein Problem von fehlender Bildung?

Andra: Ja. Das ist die Grundlage für Offenheit.

Iulia: Viele verstehen die Bedeutung der EU auch nicht. Das rührt daher, weil sich immer weniger für Politik interessieren. Ja, vielleicht haben einige schlechte Erfahrungen mit Ausländern gemacht, aber deswegen gilt das nicht gleich für alle. Ich zum Beispiel wurde in Rumänien nie, in Wien gleich dreimal überfallen. Nur einmal habe ich meine Geldtasche zurückbekommen. Wer weiß, vielleicht war der Dieb ja auch Rumäne (lacht).

Wenn ihr die Möglichkeit hättet, alle Österreicher auf einmal zu erreichen, was ist eure Botschaft?

Andra: Ich liebe dieses Land, und danke, dass ich hier sein kann. Aber ich würde auch eine Präsentation zusammenstellen, in der ich die Realität zeigen möchte. Nämlich, dass jene Immigranten bzw. Ausländer, über die ihr in den Medien lest, nicht jene sind, die in Österreich leben.

Iulia: Ich würde sagen: Ihr habt so ein Glück mit so vielen Menschen zusammenarbeiten zu können und neue Inputs zu bekommen. Aja, ich würde auch ein paar Österreicher-Witze erzählen (lacht). Denn ich finde es ist wichtig über sich selbst lachen zu können.

Foto: Lorin Canaj

Foto: Lorin Canaj

Wie definiert ihr Helden?

Andra: Eine Person, die mehr gibt als sie zurückbekommt.

Iulia: Jemand, der seine Stärken und Schwächen wirklich erkennt und danach handelt. Ein Held muss nicht jemand sein, der innovativ ist.

Würdet ihr euch selbst als Heldinnen bezeichnen?

Andra: Nicht wirklich (lacht). Aber was wir versuchen, ist etwas zurückzugeben, weil wir schon so viel von der Gesellschaft bekommen haben. Wer wirklich ein Held ist, ist mein Ehemann, Jamie. Er unterstützt mich total.

Iulia: Ich würde mich ein bisschen als Heldin bezeichnen. Mehr als die Hälfte der Zeit bin ich wirklich die Person, die ich gerne sein möchte. Außerdem sind Migranten für mich Helden, denn sie müssen sehr oft alles zurücklassen, wenn sie diese Veränderung eingehen. Damit sind sie oft selbstsicher in dem was sie wollen und was sie dafür tun müssen. Das gilt aber auch für die Österreicher.