Der Meister-Lehrling

Alexander Brenner ist Student in Klagenfurt und kritisiert das Uni-System. So weit, so gut. Doch der Masterstudent für Angewandte Kulturwissenschaften belässt es nicht bei der Kritik. Er hat eine Lehrveranstaltung ins Leben gerufen, die sich vor Teilnehmern kaum mehr retten kann. Ein Gespräch über die Notwendigkeit unser Studien- und Systemdenken grundlegend zu ändern.

Wer bist du und was machst du, Alex?

Gute Frage (lacht). In der ÖH (Österreichische Hochschülerschaft, Anm.) bin ich seit 2 Jahren Referent für Gesellschaftspolitik. Als ich meine Karriere als Referent begann, war ich sehr wütend, über die derzeitige Form der Bildung an der Uni. Es waren keine Lehrveranstaltungen (LV) vorhanden, die mich wirklich berührten, oder bei denen ich das Gefühl hatte, wirklich etwas für mich mitnehmen zu können. Ich hatte eine Bandbreite an Lehrveranstaltungen zu den verschiedensten Themen belegt, aber realisierte schnell, dass ich nur vorgekautes und fragmentiertes Wissen serviert bekam. Der Zusammenhang zwischen diversen Fachrichtungen war nie gegeben. Daraus entstand der Wunsch, eine Form der Wissensvermittlung zu schaffen, die Studierende dazu bewegen sollte selbst nachzudenken, und sie dazu zu befähigt, ihre Lernziele sowohl als auch ihre persönlichen Ziele konstruktiv und reflektiert zu gestalten. Wenn man nicht selbst den Mut hat, Zusammenhänge zu erschließen, steht man auf verlorenem Posten. So begann ich meine eigene Lehrveranstaltung zu kreieren und trat in die ÖH ein.

Welche Art von LV?

Es ist eine Lehrveranstaltung, die von Studenten für Studenten organisiert wird. Studierende sollen ihre Lehre selbst in die Hand nehmen. Sie sollen herausfinden, was für sie relevant ist. Viele Studenten durchlaufen das Bildungssystem bis zu 15 Jahre lang, ohne nach links und rechts zu schauen, und sich wirklich mit ihrer Umwelt und dem Gelernten zu beschäftigen. Die LV gibt es nun seit drei  Jahren. Im ersten Jahr hieß sie „Wandel aus Notwendigkeit“, im zweiten „Wandellabor“ und im dritten „Wandel(ich)“. Man bekommt neue Blickwinkel und Perspektiven auf die Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft. Dadurch sollen alternative Wege aufgezeigt werden, wie wir ein besseres Miteinander in der Gesellschaft schaffen können.

 

Wenn man nicht selbst den Mut hat, Zusammenhänge zu erschließen, steht man auf verlorenem Posten.

 

 Wie funktioniert das genau?

Wir haben die Veranstaltung nach dem Tandem-Prinzip entwickelt. Das heißt die LV wird von zwei Studierenden organisiert. Jedes Jahr bleibt dann einer der beiden im Organisationsteam und gibt das aus dem Vorjahr erlernte Wissen weiter. So entsteht ein kontinuierlicher Fluss an Wissen von Generation zu Generation. Die Lehrveranstaltung hat in keiner Weise den Anspruch perfekt  zu sein. Das muss sie auch nicht. Sie soll wesentlich zur Erweiterung des Horizonts beitragen, und dazu ermutigen sich weiter zu entwickeln. Die Studierenden können sich die LV im Curriculum in Form von ECTS anrechnen lassen.

Foto: Jürgen Jauth

Foto: Jürgen Jauth

 

Welche Inhalte werden denn genau vermittelt?

Das Programm wird individuell vom Organisationsteam entwickelt. Dabei kann es sich nach Belieben austoben, und wird von Experten und Professoren begleitet. Im Unterricht werden Vorträge und praktische Projekte integriert, damit ein Bezug zur Praxis vorhanden ist. Gleichzeitig werden Studierende dazu angehalten, über das Erlernte zu reflektieren – um es mit ihrem Alltag verbinden zu können.Außerdem soll der Begriff der Lehre in Frage gestellt werden. Was ist Lehre? Was bedeutet Lernen?

Was ist denn Lehre nun? Was hoffst du zu erreichen?

Am Besten wäre es, wenn neue Ideen für innovative Lehrmethoden Gehör finden würden. Die Lehre soll partizipativer werden. Das sture Auswendiglernen soll abgelegt werden. Sowas müssen wir Studierende selbst fordern. Der erste Schritt wäre eine engere Zusammenarbeit von Studierenden und Lehrenden. Ebenso bedarf es eines inter- und transdiziplinären Lehrangebots, um die vielen Wissensbausteine zusammenfügen zu können. Wenn man genau hinsieht, merkt man, wie alle Disziplinen und Fachrichtungen auf irgendeine Art und Weise miteinander verbunden sind. Alle, die in der Praxis tätig sind, wissen, dass man als Kulturwissenschaftler auch Projektmanagement-Fertigkeiten, vielleicht sogar eine zweite Sprache, oder je nach individueller Schwerpunktsetzung, technisches Know how braucht. Es läge daher auf der Hand, die Studierenden aus den unterschiedlichen Fachrichtungen für Projekte zusammen zu stecken.

Wie ist denn das Feedback der Studierenden?

Soweit sehr gut. Allein im ersten Jahr haben 60 Studenten teilgenommen. Bei so vielen Interessenten war es schwierig für mich den Überblick zu behalten. Deswegen habe ich mir Support von Cornelia Artunjak und Julia Tschuk geholt. Im zweiten Jahr, als „Das Wandel Labor“ ins Leben gerufen wurde, hatten wir einen besonders engen Bezug von Praxis und Theorie, da wir zu den  umgesetzten Projekten der  Studierenden passende Vorträge organisiert haben. Sehr gefreut haben wir uns, als wir 2014 den Sustainability Award vom Lebensministerium erhielten.

Wo siehst du dich selbst in der Zukunft?

Das ist keine leichte Frage. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich nicht, was ich später einmal machen werde. Ich habe im Laufe der Jahre viele Kenntnisse aus allen möglichen Projekten erworben. Ich weiß jetzt, dass das Projektbasierte Arbeiten immer mein Handwerk sein wird. Ich bin mir sicher, dass sich immer etwas ergeben wird, wenn man die richtigen Steine ins Rollen bringt. Ich achte dabei immer auf mein Gefühl, und versuche mir selbst treu zu bleiben. Das musste ich auch erst durch schlichtes Ausprobieren lernen. Wenn ein Stein nicht ins Rollen kommt, muss man schauen, ob es der richtige Stein ist.

Du bist viel unterwegs und sehr beschäftigt. Wie schaffst du es, dich zu fokussieren?

Das gelingt mir durch meine Mitmenschen, die mich immer wieder in die Gegenwart zurückholen. Außerdem schreibe ich ständig meine Gedanken nieder und überprüfe, ob sie gerade von Relevanz sind, oder ich sie für den Moment brauche. Wenn dies der Fall ist, nutze ich sie und lasse sie in das einfließen, was ich tue. Wenn nicht, lasse ich sie fallen und fokussiere mich wieder auf den Fluss des Tuns. Gedanken sind ein Geschenk. Sie haben aber immer, so wie das Wort ‘nach-denken’ schon verrät, etwas mit der Vergangenheit oder der Zukunft zu tun. Will man im Moment sein, so empfiehlt es sich, vom Nachdenken wegzugehen, hin zu dem, was gerade passiert. Daher ist für mich die Aufmerksamkeit auf das, was gerade passiert das Wichtigste. Wenn ich es dann noch schaffe, nicht zu bewerten, entsteht ein toller Arbeitsfluss.

 

Ich bin mir sicher, dass sich immer etwas ergeben wird, wenn man die richtigen Steine ins Rollen bringt.

 

Würdest du dich selbst als gelassen beschreiben?

Manchmal bin ich so, manchmal so. Klar habe ich Ängste, aber ich weiß woher sie kommen. Es sind Existenzängste. Aber ich beobachte sie und reflektiere, ob sie berechtigt sind. Viele der Ängste sind Illusionen. Aber ich habe bis jetzt immer eine Lösung gefunden…oder sie fand mich. Wenn ich Geld brauchte, hat sich eine Möglichkeit zum Verdienst aufgetan. Das Gleiche galt für materielle Bedürfnisse. Mir kommt es vor, als ob wir extrem darauf getrimmt sind, alles durch den Gebrauch monetärer Mittel lösen zu müssen. Dabei ist das oft nicht nötig. Wenn wir uns weg vom Konsumwahn entwickeln, und realisieren, dass wir bereits reich sind, könnten wir auch diese Art der  Angst loslassen. Warum sollten wir es in der Welt nicht schaffen, wenn wir das machen, was uns Spaß macht? Wir sind eine junge Generation voller Tatendrang und gesegnet mit Talenten. Wir müssen uns bewusst machen, dass diese Ängste, die vielleicht real in uns erlebbar sind,  zu einem großen Teil systemimmanente Ängste unseres Wirtschaftssystems sind. Es sind Ängste des Systems, nicht unsere eigenen.